Reisen mit Verantwortung

Von Anna Greissing

Selten gab es in der Welt wohl in einem Punkt so viel Einigkeit wie heute: der Albtraum Covid-19 möge bald ein Ende finden, so wünschen es alle, die großen wirtschaftlichen Gewinner der Pandemie ausgenommen. Die Reisebranche gehört definitiv nicht zu letzteren. 2019 entfielen auf den Tourismussektor noch weltweit etwa 330 Millionen Arbeitsplätze, was in etwa zehn Prozent der globalen Beschäftigung ausmacht. Seit fast einem Jahr sind die Buchungen jedoch weltweit je nach Region um 50 bis 80 Prozent eingebrochen. Vor allem Selbständige und Kleinunternehmen, die den Großteil im Bereich der Beherbergung und Gastronomie ausmachen, sind existentiell bedroht. Wie wird, wie kann der Tourismus nach Corona aussehen? Statt einer Rückkehr zur Normalität und wachgerüttelt durch die Erfahrungen während der Lockdown-Monate wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, unsere Reisegewohnheiten neu zu definieren. Reisen mit Verantwortung statt Massentourismus und „slow tourism“ statt all-inclusive lautet die Devise.

Der Massentourismus – ein junges Phänomen mit enormen Auswirkungen
Migration und Wanderbewegungen charakterisieren von jeher die Geschichte der Menschheit: Kriege und Armut, aber auch Entdeckergeist und Abenteuermut sind treibende Faktoren. Der globale Tourismus jedoch, wie wir ihn heute kennen, ist ein relativ neues Phänomen, das sich erst ab den 1970er Jahren rasant entwickelt hat. Kommerzielle Reiseanbieter begannen damals, immer günstigere Urlaubsangebote ins Ausland anzubieten, zunächst in Nachbarländer, dann in entferntere Reiseziele, die zunehmend nicht mehr nur mit der Bahn, sondern auch mit dem eigenen Auto oder Wohnwagen erreicht werden konnten. Ab 1980 wurde auch das Fliegen immer erschwinglicher. Während die Nachkriegsgeneration noch selten Übersee-Flugreisen unternahm, ist es für die nach 1960 Geborenen nichts Ungewöhnliches mehr. Spätestens seit 2000 wurde durch das Aufkommen von Billigfluggesellschaften das Fliegen und damit das Erreichen der allermeisten Ziele auf unserem Planeten massentauglich. Bis zum ersten Corona-bedingten Lockdown im vergangenen Frühjahr 2020 befanden sich an einem durchschnittlichen Tag bis zu 200.000 Flugzeuge am Himmel.

Einerseits zählt der Tourismus zu den dynamischsten Wirtschaftszweigen weltweit und sichert so den Lebensunterhalt für Millionen von Menschen; andererseits bedrohen vor allem seine ökologischen Auswirkungen die Lebensgrundlage von zahlreichen anderen Menschen und Tieren. Die Folgen des Massentourismus in Städten sind uns längst bekannt: Verkehrschaos, Müllanhäufungen, Gentrifizierung. Metropolen wie New York, Hong Kong, London oder Paris wurden jedes Jahr von mehreren Millionen Touristen besucht und sicherten damit auch ihren Wohlstand. Hong Kong stand spätestens seit 2018 weltweit an der Spitze mit fast 30 Millionen Besuchern pro Jahr.
Während Großstädte durch ihre Ausdehnung und die Konzentration von Touristen auf ausgewiesene Hotspots besser mit Massentourismus zurechtkommen, war die Lage in vielen kleineren Regionen und Städten schon untragbar. Europäische Destinationen wie Barcelona, Mallorca, Ibiza oder Dubrovnik litten zusätzlich unter dem Ansturm von Tagestouristen, die aus den dort anlegenden Kreuzfahrtschiffen wie Heuschrecken über die Städte einfielen. In Venedig zum Beispiel leben noch knapp 50.000 Menschen im Stadtkern, während jeden Tag doppelt so viele die Straßen der Stadt bevölkerten und die Lebensqualität der noch ausharrenden Einheimischen stark belasteten. Dass hierbei die Ablehnung von „locals“ gegenüber Touristen zunimmt, ist verständlich. So fand man auf Gehsteigen in Venedig bereits des Öfteren Slogans wie „Tourist go home“ von erzürnten Bürgern. Die Stadt gab nun kürzlich bekannt, keine Kreuzfahrtschiffe mehr im Stadtkern anlegen zu lassen. „Auf diesen Beschluss warteten wir bereits seit Jahren“, teilte der italienische Kulturminister Dario Franceschini im März mit. Für jene Orte
kamen die Pandemie-bedingten Reiseeinschränkungen im März 2020 wie ein Segen, auch die Natur konnte aufatmen. In Venedigs Kanälen floss plötzlich klares Wasser, man konnte sogar die Fische sehen.

Bei „Slow Tourism“ werden Entschleunigung und Aktivität in der Natur in den Mittelpunkt der Reise gestellt. Foto Paul Gilmore, Unsplash

„Slow tourism“ – neue Trends
Diese Erfahrungen haben gezeigt, wie sehr das Ökosystem unter der globalen Hyper-mobilität der Menschen leidet, wie schnell es sich andererseits aber auch erholen kann, wenn wir weniger reisen. Jetzt wo man solange nicht oder kaum verreisen durfte, ist es wieder zu etwas Besonderem geworden. Immer mehr vor allem auch junge Menschen sind sich bei der Reiseplanung aber auch ihres ökologischen Fußabdrucks bewusst und daher gewillt, ihr Konsumverhalten und ihre Mobilität einzuschränken und nachhaltiger zu gestalten. Sie hinterfragen vielleicht auch die Sinnhaftigkeit kurzer Städtereisen und die Notwendigkeit eines Besuchs in Venedig, dieser wunderschönen, aber durch den Tourismus zugrunde gerichteten Stadt. Statt mit unzähligen anderen „Touris“ durch den „canale grande“ geschoben zu werden, erwägen manche von ihnen heute vielleicht eher, alternativ die Region um Venedig herum und deren Natur-und Kulturschätze zu erkunden. Entsprechende Angebote im Sinne eines „slow tourism“, bei dem man mit Einheimischen in Kontakt kommen und lokale Traditionen entdecken kann, wurden hier in den letzten Jahren vermehrt von Gemeinden und Tourismusverbänden gemeinsam mit Einheimischen geschaffen.
„Gerade bei dieser Form des Urlaubs, wo es um Zeit für sich, um Entschleunigung geht, sollte man sich die Zeit für eine detaillierte Urlaubsvorbereitung nehmen, um mit dem Quartiergeber in Ruhe abzustimmen, was einen dort erwartet und ob es auch dem entspricht, was man sich wünscht“, sagt Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien. Er sieht in der zunehmenden Outdoor- und Erlebnisorientierung von „slow tourism“ Angeboten, die Umweltbewusstsein und Naturverbundenheit in den Mittelpunkt stellen, durchaus einen Trend und ein wachsendes Urlaubsmodell für alle Altersgruppen. Er betont aber auch die Gefahr, dass regionale, naturbelassene und abgeschiedene Gegenden durch die touristische Erschließung auf lange Sicht überlaufen werden können – dann nämlich, wenn sich der Geheimtipp herumspricht und die Anbieter „auf den Geschmack kommen“: „Dann bedarf es einer Menge Fingerspitzengefühl der Anbieter, hier die Grenze zu ziehen und gemeinsam mit allen Beteiligten die Besucherströme zu regulieren.“

Nachts im Tal der Schmetterlinge“ in Brandenberg. Durch das Licht spezieller Leuchttürme werden Nachtfalter angezogen und können dann gut beobachet werden. Foto Tiroler Umweltanwaltschaft

Lections learned – neue Projekte
Projekte wie „Futourist“, ein von der EU gefördertes Pilotprojekt für nachhaltigen Tourismus, sind Vorreiter bei der Entwicklung zukunftsfähiger Reisemodelle. Im Rahmen des Projekts haben sich von 2014 bis 2020 verschiedene Akteure aus Tourismus, Politik, Umweltschutz, Forschung und der lokalen Bevölkerung zusammengeschlossen, um in bisher wenig besuchten Gemeinden in Norditalien und auch Tirol das jeweils regional existierende Potential an landschaftlichen und kulturellen Besonderheiten für Gäste und Einheimische erfahrbar zu machen. Ziel war dabei, in noch nicht vom Massentourismus erfassten Gebirgsorten umweltverträgliche und authentische Natur- und Kulturräume auf „sanfte“ Weise zugänglich zu machen und damit zur Erhaltung der Alpen und einem korrekten Gleichgewicht zwischen Nutzung und Schutz beizutragen.
Von insgesamt 40 im Laufe des Projekts entwickelten Erlebnisangeboten haben sich die allermeisten dauerhaft etabliert und werden heute von den örtlichen Tourismusverbänden zusammen mit Partnerbetrieben weitergeführt. Dazu gehören mehrere in der Region Belluno nördlich von Venedig und in Asiago in der Provinz Vicenza erschlossene thematische Reiserouten rund um die Dolomiten (seit 2009 UNESCO Weltkulturerbe) und deren sagenumwobenen Naturschönheiten; aber auch kulturell interessante Wanderwege, die an Dörfern, Schlössern und Sakralbauten vorbeiführen und naturnahe Outdoor-Aktivitäten wie Trekking, Radfahren, Reiten, Canyoning oder Langlaufen. In der Gemeinde Asiago weiter westlich wurden im Rahmen des Pilotprojekts fünf thematisch unterschiedliche Routen auf das der Stadt nahe gelegene wunderschöne Hochplateau entwickelt, wo man etwa das große Freilichtmuseum von Monte Zebio, ein astrophysikalisches Observatorium oder die 4.444 unregelmäßigen „Stufen“ aus grauem Kalkstein zwischen Felsen und Klippen des Calà del Sasso erkunden kann. Jede Route ist leicht zu Fuß oder per Rad zu erreichen und verbindet mehrere Etappen, die alle aus historischer, naturalistischer und kultureller Sicht interessant sind.
In Tirol wurden ebenfalls zahlreiche Angebote um die Verbindung von Mensch, Landschaft und Natur geschaffen. So etwa der „Höfe Trail“ in Osttirol, der die lokale Landwirtschaft in den Fokus rückt: ein talnaher Wanderweg von Hof zu Hof, der drei Gemeinden im Tiroler Gail- und Lesachtal miteinander verbindet und unmittelbare Einblicke in das Leben und die Arbeit der Menschen vor Ort gewährt. Die Besucher werden hier zum aktiven Mitwirken animiert: „Kasn“ oder „Buttern“, Kräuter sammeln und verwerten, Brot backen, Honig schleudern oder „Goas einstallen“ stehen unter anderem zur Auswahl. Immer mehr Menschen auch aus dem Ausland, sogar aus Schwellenländern suchen diese Art von Erfahrungsreisen, in der nicht banales Sightseeing und Hotelaufenthalte, sondern Begegnungen mit Menschen und deren Lebenswelten im Mittelpunkt stehen.
Eine andere Region in Tirol, in der neue Reise-Angebote erarbeitet und getestet wurden, ist Brandenberg im Tiroler Unterland. Die Region gehört zu den waldreichsten Gegenden Österreichs. Dieses Potenzial, der Wald und seine wildromantische Naturlandschaft, aber auch die Almbewirtschaftung über der Waldgrenze, wurde von den örtlichen Gemeinden und Tourismusverbänden zu besonderen Erlebnisangeboten auch speziell für Familien umgesetzt. Bei Wanderungen in und um das „Tal der Schmetterlinge“ zum Beispiel kann man viele der 800 dort lebenden Schmetterlinge beobachten oder eine Sennerei auf 1.700 Meter über dem Meeresspiegel besuchen.
Ein weiteres Beispiel, wie Umweltschutz und Tourismus zusammenwirken können, ist die Schaffung neuer Erlebnisangebote für Astro-Interessierte. Die „Sternenwanderungen“ im Tiroler Kaunertal, aber auch in der norditalienischen Gemeinde Asiago haben sich als Folgeprojekte von „Futourist“ entwickelt und als neue Angebote im Astro-Tourismus etabliert. Voraussetzung für das Beobachten des Nachthimmels sind sehr dunkle Gebiete mit wenig Lichtquellen, von denen es in Mitteleuropa aufgrund der voranschreitenden Lichtverschmutzung nur mehr wenige gibt. Im Rahmen von Projekten wie „Helle Not“ und „Skyscape“ setzen sich in den letzten Jahren immer mehr Tiroler und norditalienische Partner-Gemeinden für die Errichtung von Lichtschutzgebieten oder „Dark-Sky-Parks“ in besonders wenig lichtverschmutzten Gebieten ein, um dort nicht nur Forschungs- und Bildungsprojekte durchzuführen, sondern auch innovative touristische Erlebnisse bei der Beobachtung des Nachthimmels und der Begegnung mit Dunkelheit und Nachtlandschaft zu ermöglichen. So wirken die Errichtung neuer Schutzgebiete und die Schaffung innovativer Tourismus-Angebote ineinander.
Viele ähnliche Beispiele wie die oben beschriebenen zeigen, dass es nicht an alternativen und leistbaren Angeboten für naturnahe und kulturinteressierte Reisende fehlt, die ihren ökologischen Fußabdruck möglichst gering halten wollen. Reisen muss und soll auch in Post-Corona-Zeiten erlaubt und als wertvolles Gut betrachtet werden dürfen.Öffnet uns das Kennenlernen anderer Lebenswelten doch Herz und Geist und ermöglicht damit erst unser Verständnis und unsere Toleranz für Diversität. Wichtig ist vielleicht nur, das Abenteuer nicht nur in Fernreisen zu suchen, sondern das Schöne, Spannende und Fremde auch in der näheren Umgebung entdecken zu wollen. 


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