Schlüssel aus dem Elend

Was früher ein McDonald‘s in einem Sozialviertel Marseilles war, ist heute ein gemeinschaftliches Projekt. „L’Après M“ will sich der Armut des Viertels entgegenstellen: während der Pandemie geben Freiwillige dort Essen aus. Doch die Geschichte der Fast-Food-Revolte beginnt viel früher. Von Eva Wackenreuther

Das goldene „M“ ist geblieben. Ansonsten erinnert nicht viel an den McDonald‘s, der an einem Kreisverkehr im betongrauen Norden Marseilles lag. Die Wände des Gebäudes im Viertel Saint-Barthélemy und das Dach sind violett, blau und zartrosa gestrichen. Statt des berühmten Fast-Food-Logos prangt der Schriftzug „L’Après M“ am Giebel des Hauses. „Nach dem M“ heißt das auf Deutsch. Das „M“ steht aber noch für viel mehr als nur McDonald‘s: Für die Misere, die hier für viele das Leben bestimmt. Für ein System nach der Globalisierung, die auf Französisch „mondalisation“ heißt, und für eine Vision für die bessere Nachwelt, die „après monde“, erklärt Kamel Guémari. Und für Marseille, die Heimat, die vielen Jungen keine Zukunft bietet.

Ausbruch aus dem Teufelskreislauf
Guémari, groß, schlank, dichter, schwarzer Vollbart, ist so etwas wie das Gesicht von „L’Après M“. Er ist ein Kind der Misere, die er heute lautstark kritisiert. Geboren 1981 wuchs er im Marseiller Brennpunktviertel auf. Die nördlichen Viertel von Marseille haben wenig mit den Gässchen rund um den Hafen zu tun, durch die sich das ganze Jahr über Touristen drängen. Gibt man die Namen der nördlichen Viertel auf Google ein, schlägt die Suchfunktion „gefährlich“ und „Drogen“ vor. Auch Guémari selbst vertickte als Jugendlicher Drogen.

Dann kam sein Job bei McDonald‘s. 1992 eröffnete die damalige Arbeitsministerin Martine Aubry der Sozialistischen Partei die Filiale persönlich. Ihre Strategie: Mit FastFood-Ketten in armen Vororten gegen den sozialen Ausschluss vorgehen. Für Kamel Guémari hat das funktioniert. Er begann mit 16 bei McDonald‘s zu arbeiten, der Job dort war für ihn ein „kleiner sozialer Aufzug“, wie er sagt. „Ich war ein junger, verlorener Mensch ohne Vertrauen in mich selbst.“ Bei McDonald’s lernte er zu putzen, im Team zu arbeiten und wie man serviert. Für ihn, genauso wie für viele andere, war die Arbeit ein Werkzeug für den Ausbruch aus einem Umfeld der Arbeitslosigkeit, Prostitution oder Kriminalität: „Für uns ist das Instrument der Arbeit wichtig. Es hilft uns, junge Menschen auszubilden, ihnen Beschäftigung zu geben und unsere Würde zu bewahren.“

74,8 Prozent der 15- bis 24-Jährigen waren im Jahr 2018 im Viertel arbeitslos, rechnet das französische Statistikinstitut vor. Und die Armut führt zu sozialem Ausschluss. „Wir sind stigmatisiert und wir wollen uns integrieren. Aber wie soll man sich in die Ablehnung integrieren?“, fragt Guémari. Die Lage in den Vororten bleibt angespannt. Allein bis September wurden in Marseille 15 Menschen in Bandenkriegen und Schießereien getötet. Nach dem Tod eines 14-jährigen Jungen beklagte Bürgermeister Benoît Payan, dass man in Marseille leichter eine Kalaschnikow als ein Pain au Chocolat kaufen könne. Präsident Emmanuel Macron reiste aufgrund der anhaltenden Problematik vor Kurzem in die Stadt, versprach einen Plan für mehr Sicherheit, Schulrenovierungen und 300 Millionen Euro für die Sanierung von Wohnraum.

Foto Sylvain Truc, L‘Après M

David gegen Goliath
Guémari hingegen konnte sich aus dem Teufelskreislauf der Viertel befreien, er wurde Filialleiter bei McDonald‘s. Er arbeitete für verschiedene Geschäftsstellen, nicht nur für den McDonald’s im 14. Arrondissement, für den er sich heute einsetzt. Dabei erfuhr er, dass sich die Arbeitnehmerrechte von Restaurant zu Restaurant unterschieden, auch wenn die Mitarbeitenden dieselbe Ausbildung und die Chicken Nuggets denselben Geschmack haben. Guémari fand das ungerecht, vielerorts würde man behandelt wie „ein Lappen, den man in den Müll wirft, sobald er abgenutzt ist“. Er begann, sich in der Gewerkschaft zu engagieren, forderte etwa ein dreizehntes Monatsgehalt und bessere Arbeitsverträge. Damit war die Filiale in Marseille eine Ausnahme, die meisten anderen waren nicht gewerkschaftlich organisiert.

McDonald’s beschloss, die widerspenstige Filiale im Süden Frankreichs loszuwerden und kündigte 2018 an, das Ladenlokal an ein Halal-Unternehmen abzutreten. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, die dort ungewöhnlicherweise zu einem großen Teil unbefristete Arbeitsverträge hatten, gingen auf die Barrikaden. Sie wollten bleiben, ihr McDonald’s solle nicht schließen. „Wir sind ein gefährliches soziales Modell für McDonald’s geworden“, sagt Guémari, der deshalb eine „kleine Kriegsmaschine gegen ihre Angriffe“ anwarf. Einen Vorschlag über eine Pauschalzahlung lehnte Guémari ab. Problem der Filiale ist aber auch: Sie ist nicht gewinnbringend. Franchise-Nehmer Jean-Pierre Brochiero gab die kumulierten Verluste seit 2009 mit 3,3 Millionen Euro an.

Ihren eineinhalbjährigen erbitterten Kampf verloren sie im Dezember 2019, die Filiale wurde abgewickelt und der vorerst letzte Burger sollte über den Tresen gehen. 77 Mitarbeitern drohte deshalb der Jobverlust und mit ihm die Perspektivlosigkeit. Damit begann eine neue Phase des McDonald‘s von Saint-Barthélemy. Den Schlüssel zu ihrer Filiale hatte die Gruppe ehemaliger Angestellter noch. Teile davon besetzten kurzerhand das Gebäude. Dabei scheuten sie auch politische Kontakte nicht, 2020 hielt etwa der Vorsitzende der Linkspartei „La France Insoumise“ seine Neujahrsrede hier.

Zuerst der Hunger, dann das Virus
Als die Welt kurz danach von einem neuartigen Virus zum Stillstand gezwungen wird und Präsident Macron auch in Frankreich den ersten Lockdown ankündigt, bedeutet das für viele Bewohnerinnen und Bewohner von Marseilles Norden drastischere Einschnitte als für viele andere in Frankreich. Sie zählen normalerweise auf Essen in Schulkantinen, die nun geschlossen sind. „Sie hatten keine Angst an Covid zu sterben, sie hatten Angst zu verhungern“, sagt Guémari.
Für den besetzten McDonald’s bedeutet das erneut eine Transformation. Eine Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten sperren ihn wieder auf und wandeln ihn zu einem Verteilerzentrum um, wo Freiwillige täglich Mehl, Bohnen, Milch, Kartoffeln und allerlei mehr ausgeben. Die Lebensmittel stammen von Supermärkten oder Marktständen, die damit nichts mehr anfangen können. Bei der Essensausgabe wird nicht viel gefragt – ganz anders als bei der Sozialhilfe, für die man ein langes Formular ausfüllen und Papiere vorweisen muss, die viele nicht besitzen. Tausende Essensrationen finden so ihren Weg unbürokratisch in die Münder Hungriger. Dazu richtet die Gruppe noch ein „solidarisches Uber“ ein, mit dem sie Alten und Kranken Essenspakte nach Hause bringen.

Das Team rund um die besetzte McDonald‘s Filiale. Foto Sylvain Truc, L‘Après M

Jetzt, wo Schülerinnen und Schüler in Frankreich wieder ihre Mittagessen in den Mensen bekommen und die Regierung die Corona-Maßnahmen im Vergleich zum Vorjahr gelockert hat, ist der Bedarf nach dem Projekt von „L’Après M“ aber noch lange nicht vorbei, findet Guémari: „Der Lockdown ist vorbei, aber die Misere nicht. Sie hat sie sogar verschlimmert.“ Er plant weiter und immer mehr Freiwillige unterstützen die Idee. 400 hätten bisher mitgeholfen, schätzt Guémari. Aber die genaue Zahl sei schwer zu sagen, weil die Menschen ständig kommen und gehen, ein bisschen wie in dem McDonald’s zuvor, wo man eine Portion Pommes bestellte und schnell wieder verschwand. Manchmal komme jemand aus Deutschland, manchmal aus Spanien, mal Junge aus der Gegend, die mit anpacken.
Guémari ist überzeugt, dass es gelingen kann, aus dem Kreislauf der Hoffnungslosigkeit auszubrechen, wenn es eine Alternative gibt. Die Alternative ist der Traum von einer Art solidarischem McDonald’s mit frischen und gesunden Zutaten, kurzen Transportwegen, lokalen Bioprodukten. Der Preis soll sich nach dem Einkommen der Gäste richten. Wer viel hat, zahlt mehr, wer weniger, eben weniger. Junge Leute sollen hier einen Ausbildungsplatz finden. Und ein drei Hektar großes Stück Land, um sich selbst zu versorgen, hat die Gruppe im Auge.

Damit das Ganze in Zukunft auch legal möglich ist, will sie McDonald’s das besetzte Gebäude abkaufen. Dafür gründete man eine gemeinschaftliche Immobiliengesellschaft. 50.000 Menschen sollen um jeweils 25 Euro gemeinsam das Geld auftreiben, um das Grundstück zu kaufen und den Betrieb zu beginnen. Im Juni 2021 springt die Stadt Marseille ein und kündigt an, die Filiale zu kaufen. Eine Geste, die nicht nur auf Zustimmung stößt. Stéphane Ravier vom rechten Rassemblement National kritisierte: „Mit dem Akt des Aufkaufs und der Legalisierung der Piraterie sendet der Bürgermeister von Marseille ein katastrophales wirtschaftliches Signal und fördert die Besetzungen.“

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McDonald’s bestätigt, mit der Stadt in Gesprächen zu sein, man habe außerdem Verfahren eingeleitet, um die illegale Besetzung so schnell wie möglich zu beenden. Das wollen gewissermaßen auch die Fast-Food-Rebellen von „L’Après M“. Die Schlüssel für „ihre“ Filiale behalten sie sich aber noch.


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