Schön fortschrittlich!

Architektin Anna Heringer. Foto Darko Todorovic

Von Verena Konrad

Die Förderinitiative Neues Europäisches Bauhaus adressiert die großen ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit in einem Co-Design-Prozess. Vom historischen Bauhaus inspiriert, geht es darum, Nachhaltigkeit, Funktionalität und Ästhetik miteinander zu verbinden.

„Das Neue Europäische Bauhaus verbindet die große Vision des europäischen ‚Green Deal‘ mit konkreten Veränderungen vor Ort – Veränderungen, die unser tägliches Leben verbessern und die die Menschen konkret erfahren können – in Gebäuden, im öffentlichen Raum, aber auch in Form von Mode oder Möbeln. Mit dem Neuen Europäischen Bauhaus soll ein neuer Lebensstil geschaffen werden, der Nachhaltigkeit mit gutem Design in Einklang bringt, weniger Kohlenstoff benötigt und inklusiv und erschwinglich für alle ist“, erklärte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in einer Rede 2020.

Durch die Verknüpfung von Wissenschaft und Innovation mit Kunst und Kultur und durch einen ganzheitlichen Ansatz wird das Neue Europäische Bauhaus Lösungen finden, die nicht nur nachhaltig und innovativ, sondern auch für uns alle zugänglich, erschwinglich und lebensbereichernd sind.

Seither ist viel passiert. Der Name Neues Europäisches Bauhaus, der sich zuerst vom großen historischen Vorbild emanzipieren musste, ist mittlerweile Programm – das größte Kunst- und Kulturförderprogramm der EU, mit einem Ziel: den Transformationsprozess hin zur Klimaneutralität mit guter Gestaltung anzukurbeln. Vor allem das Baugewerbe und die Mode- und Textilindustrie stehen im Fokus. „Durch die Verknüpfung von Wissenschaft und Innovation mit Kunst und Kultur und durch einen ganzheitlichen Ansatz wird das Neue Europäische Bauhaus Lösungen finden, die nicht nur nachhaltig und innovativ, sondern auch für uns alle zugänglich, erschwinglich und lebensbereichernd sind“, unterstreicht die EU-Kommissarin für Innovation, Forschung, Kultur, Bildung und Jugend, Mariya Gabriel diesen Ansatz.

Etwas mehr als 100 Jahre zurück hat das Staatliche Bauhaus, 1919 vom Architekten Walter Gropius in Weimar gegründet, nicht weniger versucht, gemessen an den Herausforderungen der damaligen Zeit. Die Kunstschule Bauhaus gilt heute als einflussreichste europäische Bildungsstätte für Architektur, Kunst und Handwerk im 20. Jahrhundert. Diese Trias war eine der Hauptinnovationen der Einrichtung, die erstmals die Kunst und das Handwerk gleichwertig miteinander verband und Kunst und Leben, eigentlich Alltag, nicht als Gegensatz verstand. Kunst war damit per se politisch geworden und das Bauhaus zum assoziierten Ort der Avantgarde der Klassischen Moderne – sowohl in den freien Künsten wie auch in den angewandten und der Architektur.
Wenn das Neue Europäische Bauhaus nun die Frage stellt, „Wie wollen wir leben?“ dann bedeutet das nichts weniger als den angestrengten Versuch, eine neue Avantgarde zu fördern, die sich ähnlich beherzt und engagiert den Herausforderungen unserer Zeit stellt, wie es das historische Vorbild im Hinblick auf die Herausforderungen seiner Zeit tat. Dabei stehen der Versuch und das Experiment im Vordergrund. Es gibt nichts zu verlieren.

Das Neue Europäische Bauhaus ist eine Förderinitiative der EU und keine Initiative von Künstlern und Künstlerinnen. Darin besteht wohl der große Unterschied zum legendären Bauhaus. Es ist keine Bewegung, die aus den kreativen Zirkeln selbst kommt oder eine, die – weil zu radikal – Gefahr läuft, von den politischen Kräften mit Skepsis betrachtet, wenn nicht sogar mit Widerstand bekämpft zu werden. Es ist zuallererst eine politische Initiative, die Gestalter und Gestalterinnen zur Mitarbeit einlädt und auffordert, einen Transformationsprozess zu begleiten, der längst im Gang ist. Das Neue Europäische Bauhaus kennt nicht einen Ort, sondern viele. Es wird keine Bildungsstätte sein, wohl aber eine Bildungsinitiative. Im Zentrum steht der „Green Deal“ der EU, der mit interdisziplinären Zugängen und eben auch an der Schnittstelle von Kunst, Kultur, sozialer Inklusion, Wissenschaft und Technologie eine Basis finden soll.

„Klimaschönheit“
So nennt diesen Ansatz ein Essay von Christoph Thun-Hohenstein, erschienen 2020 anlässlich des Themenschwerpunkts „Creative Climate Care“ im MAK Museum für angewandte Kunst, Wien. Er beschreibt darin die Auswüchse eines industriellen und digitalen Kapitalismus und propagiert ein neues Mindset, das er „Klimafürsorge“ und „Klimaschönheit“ nennt. Eine Art der ästhetischen Umweltpflege, die positive Bilder und Objekte für nachhaltigen Fortschritt schafft. Das Ziel: gute Gestaltung für die öko-soziale und digitale Moderne. Gestaltung, die Transformation nicht nur funktional ermöglicht, sondern auch begehrenswert macht und gleichzeitig ein kritischer Spiegel verhärteter Systeme ist. Daran wird schon deutlich: die Künste haben das Potenzial, hier Wege zu finden, um kritisches Umweltbewusstsein und positives Lebensgefühl zusammenzubringen.

Der Europäischen Union geht es jedoch nicht genuin um Kunst- und Kulturförderung. Sie ist bestrebt, ein „Labor des Neuen Europäischen Bauhauses“ zur Entwicklung kreativer interdisziplinärer Ideen einzurichten, um den „Green Deal“ zu begleiten. Sie möchte damit Werte wie die Rückbesinnung auf Natur, die Wiedererlangung oder Stärkung eines Zugehörigkeitsgefühls und die Etablierung von Recycling als selbstverständliche und kulturelle Handlung verfestigen. Die Künste und Kulturschaffenden stehen hier im Dienste einer politischen Mission. Nicht alle fühlen sich wohl damit, hat doch das historische Bauhaus, für sich keineswegs ideologiebefreit, seine Wirkung auch dahingehend entfaltet, die Künste aus diesem Korsett zu befreien.

So hat die Kommission das Neue Europäische Bauhaus zunächst als Labor gedacht, als „Think-and-Do-Tank“ für die gemeinsame Gestaltung der Initiative, für das Prototyping und die Erprobung neuer Instrumente, für neue Lösungen und politische Empfehlungen. Im Zentrum der Idee steht der Ansatz der Kollaboration und Teilhabe. Der erste Schritt war daher dem Gespräch gewidmet, dem Aufbau eines kreativen Netzwerks mit Partnerschaften und der Förderung der Sichtbarkeit bereits bestehender Strukturen. Es folgte die Ausschreibung eines Preises für Projekte, die sich um explizit ästhetische und nachhaltige Lösungen zur Gestaltung unserer Lebensräume engagieren. In zehn Kategorien – von „Produkten und Lebensstil“ bis hin zu „Neu erfundene Orte der Begegnung und des Austausches“ – konnten Projekte eingereicht werden. 20 Projekte wurden Ende 2021 ausgezeichnet und mit je einem fünfstelligen Preisgeld bedacht.

Eines dieser Projekte ist „Erden Pure Walls“ in der Kategorie „Techniken, Werkstoffe und Verfahren für Bau und Gestaltung“. Dabei handelt es sich um vorgefertigte Bauelemente aus unstabilisiertem Stampflehm, die aus 100 Prozent Naturerde hergestellt werden, vollständig recycelbar sind und somit den Kriterien nachhaltiger Baugrundsätze entsprechen. Das Verfahren zur Herstellung der Bauelemente wurde von Martin Rauch und seinem Unternehmen Lehm Ton Erde (Schlins, Vorarlberg) erfunden. Projekte wie dieses machen tatsächlich Hoffnung. Martin Rauch und sein Team haben seit vielen Jahren bereits außergewöhnliche Bauprojekte mit Lehm realisiert. Mit „Erden Pure Walls“ soll der nächste Schritt gelingen in der Vorfertigung von Wandelementen, um die Bauzeit zu beschleunigen und den Lehmbau, der durch die viele Handarbeit in Europa teuer ist, auch wirtschaftlich attraktiver zu machen. Die erste Vorfertigungsstraße in Schlins ist ein Pionierprojekt für sich und wird, da ist sich nicht nur die Jury des Neuen Europäischen Bauhauses sicher, den Lehmbau ein deutliches Stück nach vorne katapultieren.
Ökologisch, sozial und schön, das ist auch das Credo von Architektin Anna Heringer. Seit vielen Jahren arbeitetet sie mit Martin Rauch zusammen. Unter anderem im Projekt „RoSana“, einem ayurvedischen Gästehaus in Rosenheim, errichtet aus lokalen, nachhaltigen Materialien und natürlich Lehm. Ein Großteil ihres Engagements findet in Bangladesch statt. Dort hat sie auch die Überzeugung erlangt, dass es zu wenig ist, Kreisläufe nur auf Materialien zu beziehen. Es geht immer auch um alternative Wirtschaftssysteme, um das Schaffen von Möglichkeiten, für die Menschen vor Ort, aber auch für Projekte, die das Potenzial haben, Vorbild zu sein.

Die nächste Phase des Förderprogramms ist bereits eingeläutet. Nun soll der Maßstab wachsen. Es geht um Bildung und Transformation durch Bildung. Die Förderinitiative Neues Europäisches Bauhaus ist mit 85 Millionen Euro für die Jahre 2021 und 2022 dotiert. Wer die Entwicklung des Förderprogramms verfolgt, kann im Moment erleben, wie die Fahrt an Geschwindigkeit aufnimmt, kann aber wie bei großen Förderprogrammen üblich, auch sehen, welche Blüten es unter der Bezeichnung „Schnittstelle“ bereits treibt. Nicht alle Einreichungen werden Pionierprojekte sein. Es zeigt sich in diesem Umfeld auch, wie prekär Kultur- und Bildungsarbeit nach wie vor ist und wie dringend Investitionen in Bildung und Kultur auch in bereits bestehenden Strukturen gebraucht werden. So kann der „Green Deal“ mit seiner Kraft und seinem Investitionsvolumen in der Kulturförderung vielleicht bewirken, was diese bislang selbst nicht vermochte: relevante Beträge zur Verfügung stellen, die über mehrere Jahre tatsächlich kulturell wirksam sein können.

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Verena Konrad ist Kunsthistorikerin und leitet das vai Vorarlberger Architektur
Institut. v-a-i.at


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