Sisyphos & Partner

Der niederländische Modedesigner Bas Timmer nutzt seine Expertise im Bereich Outdoor-Kleidung, um Produkte für Leute zu gestalten, deren Existenz die meisten Kolleginnen und Kollegen wohl eher ausblenden. Seine Zielgruppe sind Menschen, die auf der Straße leben und dort täglich um ihr Überleben kämpfen.
Von Jutta Nachtwey

Obdachlose – das klingt im Deutschen ziemlich sachlich. Wir substantivieren das Eigen-schaftswort, als ob diese Leute ihr Menschsein dadurch eingebüßt hätten, dass sie kein Dach mehr über dem Kopf haben. Eine absolut konträre Haltung vertritt Bas Timmer, Gründer von Sheltersuit. Er lenkt den Blick von den Lebensumständen zurück auf die Menschen, die aus seiner Sicht großen Respekt verdienen. Seine Mission ist es, Produkte für sie zu gestalten und zu produzieren, die speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind.
Warum aber entschied sich der Fashion Designer ausgerechnet für diese zahlungsunfä-hige Zielgruppe? Eigentlich war er gerade dabei, eine eigene Modelinie voranzutreiben, aber dann starb der Vater seines besten Freundes auf der Straße an Unterkühlung. „Ich fühlte mich verpflichtet, etwas zu unternehmen“, erklärt Bas Timmer. „Es machte einfach keinen Sinn mehr, warme Jacken zu entwickeln und zu einem hohen Preis zu verkaufen, wenn es da draußen Leute gibt, die viel dringender auf Wärme angewiesen sind.“

Also gestaltete er eine Jacke, an die sich per Reißverschluss ein Schlafsackteil andocken lässt. Der sogenannte Sheltersuit besteht aus einer äußeren wind- und wasserdichten Zeltstoff-Schicht und einem wärmenden Innenfutter. Tagsüber kann das Schlafsackteil in einem dazugehörigen Rucksack verstaut werden. Zusätzlich zu diesem Ganzkörper-schutz hat Timmer auch ein wasserdichtes, tragbares Bett namens Shelterbag entwickelt, das sich zu einer Tasche zusammenrollen lässt.
Über die Sheltersuit Foundation baute er Kooperationen mit Firmen auf, die ihm kosten-los aussortierte Stoffe und Stoffreste liefern. Der Zeltstoff stammt etwa von TenCate Out-door Fabrics und für das Futter werden Schlafsäcke auf Festivals gesammelt. Außerdem eröffnete der Designer im niederländischen Enschede ein Nähatelier, in dem er Leute beschäftigt, die keinen Zugang zum normalen Arbeitsmarkt haben, darunter auch Geflüchtete. Er will ihnen soziale Interaktion und Raum für persönliche Entwicklung bieten, um ihnen neue Chancen für ihre Lebensgestaltung zu eröffnen.
Über die Website sammelt die Sheltersuit Foundation Spenden für die Herstellung der Produkte, sodass diese kostenlos an die Bedürftigen verteilt werden können. Darüber hinaus stärken nun auch die Rabobank Foundation, die Start Foundation und die Stichting DOEN der Organisation den Rücken, die inzwischen zusätzliche Standorte in Kapstadt und New York eröffnete. Die hohe Designqualität des Sheltersuits wurde bereits bei den Dutch Design Awards 2017 und dem German Design Award 2018 ausgezeichnet.

Auf diesen Erfolgen ruht Timmer sich aber nicht aus. Er ist vom Wunsch getrieben, viel mehr zu erreichen, denn er hat immer auch das große Ganze im Blick – rund um den Globus leben 150 Millionen Menschen auf der Straße. Dieses gigantische Problem in Angriff zu nehmen, ist eine echte Sisyphosarbeit, aber Timmer schmiedet dafür unermüdlich Pläne. Schritt für Schritt will er weltweit sogenannte Shelter Labs eröffnen, die in Kooperation mit Hilfsorganisationen vor Ort maßgeschneiderte Produkte für die dort lebenden „homeless people“ entwickeln – lokal produziert von Leuten, die auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen haben. Hierfür strebt Timmer Kooperationen mit globalen Marken als Partner an, um nicht mehr nur auf Spenden angewiesen zu sein. Derzeit laufen bereits konkrete Verhandlungen für ein solches Projekt des New Yorker Shelter Labs.
In anderem Kontext hatte Timmer bereits mit einer Marke kooperieren können. Die ökologisch orientierte Modedesignerin Gabriela Hearst bekleidete ein Model mit einer Shel-tersuit-Jackenvariante, als sie ihre Kollektion für Chloé im März bei der Pariser Fashion Week präsentierte. Statt des wasserdichten Zeltstoffs war hier das Futter nach außen gekehrt, das für diesen Zweck aus gemusterten Seidenstoffresten hergestellt war. Diese Jacke wurde zwar nicht als Teil der Kollektion in Serie produziert, zusätzlich entwickelten Timmer und Hearst jedoch 550 Rucksäcke aus ähnlichen Stoffen. Für jedes verkaufte Exemplar konnten dann zwei Sheltersuits produziert werden.

Insgesamt haben Timmer und sein Team in Kooperation mit örtlichen Hilfsorganisatio-nen seit 2014 bereits über 13.000 Sheltersuits und Shelterbags an Menschen in den Niederlanden, Deutschland, Italien, Frankreich, Südafrika und den USA verteilt. Dabei entstanden häufig auch neue, wertvolle Kontakte zwischen den auf der Straße Lebenden und den Helfenden vor Ort – manchmal eröffnen sich dadurch auch Wege aus der Obdachlosigkeit. Im Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos verteilte das Team 1.100 Sheltersuits an Kinder und besonders bedürftige Erwachsene. Die Fotos dieser Begegnungen – ob in Moria, New York, Amsterdam oder Kapstadt – zeigen, dass die Sheltersuits eben nicht nur Schutz und Wärme bieten. Die Not leidenden Menschen erfahren dadurch auch eine Wertschätzung – und beides hilft ihnen dabei, ihre Würde zu bewahren. Bas Timmer verdeutlicht zudem auf indirekte Weise: Indem wir anderen helfen, hilft uns dies, unsere eigene Würde zu bewahren.
Spenden unter:
sheltersuit.com/get-involved/donate

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Interview Bas Timmer

Vor der Sheltersuit-Gründung hatten Sie überlegt, ein paar Hoodies aus Ihrer Serie an Obdachlose zu verteilen, richtig?
Ja, während meines Praktikums in Kopenhagen sah ich dort einige Obdachlose. Ich dachte, vielleicht könnten meine Hoodies sie ein wenig wärmen und sprach darüber mit meiner Mutter. Sie meinte, die Leute würden meine Hoodies vielleicht nicht mehr kaufen, wenn die Obdachlosen das gleiche Modell tragen. Ich verwarf diese Idee erstmal, fand ihren Einwand aber ziemlich seltsam. Als zwei Jahre später der Vater meines Freundes auf der Straße starb, fragte ich sie: Kann ich das jetzt machen? Sie antwortete: Ja, aber mach nicht diese Hoodies, mach was Besseres!

Sie planen, eine kommerzielle Modemarke zu gründen, deren Gewinne in die Sheltersuit Foundation fließen sollen – wird sie eine nachhaltige Orientierung haben?
Hundertprozentig! Sie wird auf denselben Grundsätzen beruhen: Maximales Upcycling von Materialien und Beschäftigung von Leuten, die keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Außerdem plane ich ein Kreislaufkonzept: Wir verkaufen dir eine wasserdichte warme Jacke, du trägst sie fünf Jahre und schickst sie uns dann zurück, danach nutzen wir das Innenfutter für die Sheltersuits und geben die äußere Jacke an jemand, der auf der Straße lebt. Wenn er sie nicht mehr braucht, kann er sie in einer Obdachlosenunterkunft abgeben, diese schickt sie an uns zurück, wir schreddern sie, stellen Fäden daraus her, weben Stoffe daraus und upcyclen das Material zu neuen Produkten.

Wie hat der Kontakt zu den „homeless people“ Ihre Sicht auf die Welt beeinflusst?
Da draußen laufen sehr viele Passanten herum, die sich nicht besonders viel um das Leid anderer scheren. Ich habe großen Respekt vor denen, die auf der Straße leben – sie müssen mit sehr wenig auskommen, aber dennoch kümmern sie sich oft um andere. Eigentlich sollten sich die Reichen um die Armen kümmern. Ich habe da draußen so viele schöne Menschen getroffen, Obdachlose und Geflüchtete aus allen Altersstufen, teils mit körperlichen Behinderungen – sie sind wie du und ich. Die meisten von ihnen hatten einfach Pech oder sie wurden von Naturkatastrophen, Kriegen oder der Covid19-Pandemie auf die Straße getrieben. Eigentlich gibt es keinen Unterschied zwischen einem Millionär und einem Obdachlosen – sie fühlen die gleichen Dinge.


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