So schnell kann’s gehen!

Strand statt Stau, Räder statt Autos: In nur zehn Jahren hat die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo das Gesicht der französischen Hauptstadt völlig verändert. Wann trauen sich Wien, Graz und Co. über einen großen Wurf?

Von Gerlinde Pölsler

Kann sie oder kann sie nicht? Als die Sozialistin Anne Hidalgo im April 2014 Bürgermeisterin von Paris wurde, hätten wohl die wenigsten darauf gewettet, dass ihr spektakulärstes Wahlversprechen wahr würde: das rechte Ufer der Seine, an dem täglich 40.000 Pkw entlang rasten, autofrei zu kriegen.

Tatsächlich kippte ein Verwaltungsgericht den ersten Versuch, der zweite aber hielt: Heute sind die 3,3 Kilometer eine Flaniermeile, wo junge Leute chillen, Familien picknicken und kleine Buvettes Getränke ausschenken. Von der anderen Seite des Flusses hatte die Stadt die Autos schon zuvor verbannt, rund um den Fluss spielt‘s heute „Paris-Plage”: mit aufgeschüttetem Sand, blauen Sonnenschirmen und ein paar Duschen. Ein Mini-Stadtstrand vor allem für wenig Betuchte.

Großräumig freigeräumte Plätze, kilometerweise neue Radwege, motorfreie Zonen rund um Schulen: Anne Hidalgo hat gezeigt, wie rasch eine Stadt ergrünen kann – und dass sich damit auch Wahlen gewinnen lassen. Nach sechs Jahren wählten die Pariserinnen und Pariser Hidalgo wieder. Auch die Olympischen Spiele rund um den Eiffelturm ab Juli sollen besonders nachhaltig werden, Hidalgo verbannt bei dem Event Einwegplastik (Flaschen). Überall auf der Welt schaut man bewundernd nach Paris – wann trauen sich Österreichs Städte über einen richtig großen Wurf?
„Madame la Maire”, die Frau Bürgermeisterin, argumentiert vor allem mit Gesundheit und Lebensqualität: Sie spricht über die Lungen von Schulkindern und das Asthma der Autobahn-Anwohner. Im Zentrum von Paris erledigen die Leute heute elf Prozent ihrer Wege per Rad und nur noch vier Prozent per Pkw. Am allermeisten gehen sie zu Fuß, für knapp ein Drittel steigen sie in Métro und Co.
Die Hauptstadtbewohnerinnen und -bewohner folgten ihrer Bürgermeisterin auch beim Plan, die Parkgebühren für platz- und energiefressende SUVs in der City von sechs auf 18 Euro je Stunde zu verdreifachen. Zu leicht würden deren Lenker in ihren hohen Vehikeln Schulkinder übersehen, so eines ihrer Argumente. Bei einer Befragung stimmten 55 Prozent dafür.

Werbung

Im Vergleich dazu wirken österreichische Kommunalpolitiker großteils wie Hasenfüße. Sicher, auch in Wien ist schon einiges passiert. Wirklich groß waren die Einführung der 365-Euro-Jahreskarte für die Öffis und die Umwandlung der Mariahilfer Straße zur Fußgängerzone, von der damaligen Grünen Stadträtin Maria Vassilakou gegen heftigsten Widerstand durchgefochten. Heute ist die „Mahü” der „place to be” schlechthin.

Gleichzeitig ist Wien bekannt für seine Staus, und auf winzigen Rad- und Mehrzweckstreifen kannibalisieren einander Fußgänger, die Lenker von Fahrrädern, E-Scootern und Essenszusteller auf Mopeds – all das neben sechsspurigen Straßen. Obwohl die Wienerinnen und Wiener immer häufiger aufs Rad kraxeln, schreibt die Autorin Doris Knecht im Falter, reagiere die Verkehrspolitik darauf „behäbig und träge wie ein kaputtes Frachtschiff”. Und SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig hält am Lobautunnel fest, der auf gut acht Kilometern ausgerechnet unter dem Nationalpark Donau-Auen verlaufen würde.
Dahinter steht ein Irrglaube: dass, wenn man den Autofahrern irgendwo ein bisschen Platz „wegnimmt”, man diese im Gegenzug mit einer neuen Straße besänftigen müsse. Dieses Konzept verkennt, dass die Städte sich jahrzehntelang ausschließlich auf Autos zugerichtet haben – jetzt ist es an der Zeit, den Platz umzuverteilen. Zumal, wo die Einwohnerzahlen in den Städten steigen, es also immer enger wird.

In Graz ist immerhin nach Jahren des Kleinstklein einiges in Bewegung. Die völlig überlasteten Straßenbahnen bekommen endlich zusätzliche Gleise, ein Erbe noch von Altbürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP). Wacker lassen auch KPÖ-Bürgermeisterin Elke Kahr und vor allem ihre Grüne Vize Judith Schwentner Radwege wachsen, Meter um Meter, und befreien Gassen vom reinen Durchzugsverkehr.
Eine Initiative rund um den bekannten Hotelier Florian Weitzer hat nun eine große Idee: Ähnlich wie Paris soll Graz einen Teil des
Murufers, rund ums Kunsthaus, autofrei machen. Renderings zeigen Kaffeetrinker dort sitzen, wo jetzt Autos Gas geben, zwischen Pflanztrögen, Bankerln und mit Blick auf den Uhrturm. „Probieren wir es ein Jahr aus”, sagen die Initiatoren, dann könne man fragen, ob die Bewohner die Autos zurückhaben wollen. Andere Städte, so viel ist sicher, würden sehnsüchtig nach Graz schauen.


Teilen auf:
Facebook Twitter
Werbung