The Milk of Dreams

Mit der Ernennung zum Weltkulturerbe geht für so manchen Heumilchbauern ein Traum in Erfüllung: ihre jahrhundertalte Arbeitsweise wird als Modell für nachhaltige Landwirtschaft von globaler Bedeutung gewürdigt. Damit befindet sie sich in bester sprudelnder Gesellschaft.
Von Nina Kaltenbrunner

Was Heumilch und Champagner gemeinsam haben? Beide sind einzigartig, beide kann man trinken und beide sind UNESCO-Weltkulturerbe. Teile der französischen Champagne sind seit 2015 anerkannte „Kulturlandschaft”. Die traditionelle Heumilchwirtschaft im österreichischen Alpenbogen wurde im März dieses Jahres zum „Landwirtschaftlichen Kulturerbe von globaler Bedeutung“ anerkannt. Von klassischen Kulturerbestätten unterscheidet beide, dass sie lebendige Systeme sind, die sich ständig weiterentwickeln und dadurch für weitere Generationen erhalten bleiben.

„Ein landwirtschaftliches Weltkulturerbe muss eine weltweite Bedeutung als Modell für eine nachhaltige Landwirtschaft haben, die ein wertvolles Erbe darstellt. Die traditionelle Heuwirtschaft im österreichischen Alpenbogen erfüllt diese Kriterien in herausragender Weise“, so Yoshihide Endo von der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations), die diese Auszeichnungen vergibt.

Damit zeichnet die FAO nicht nur die Verdienste der Heumilchbauern aus, sondern erteilt auch den Auftrag, dieses Erbe zu bewahren, es weiterzuentwickeln, ohne es dabei im Kern zu verändern.

Was ist der Kern von Heumilch?
Wenn man an Heumilch denkt, kommen einem üppige Blumenwiesen, glückliche Kühe und fröhliche Senner in den Sinn. Wanderer verkosten inmitten des Idylls Heumilchkäse, in der Hand ein Glas frische Milch. Bilder, die wir aus der Werbung kennen. Was steckt dahinter? – In erster Linie viel Arbeit. Heumilchwirtschaft ist die ursprünglichste Form der Milcherzeugung im alpinen Raum, bei der die Kühe frische Gräser und Kräuter im Sommer und Heu im Winter bekommen und diese, für Menschen unverdaulichen Ressourcen, in wertvolle Lebensmittel umwandeln. Eine Form der Fütterung die nicht nur artgerecht, sondern auch umweltfreundlich und klimaschonend ist: Durch die Bewirtschaftung der Wiesen, Weiden und Almen bleibt das Dauergrünland erhalten, das einen besonders wertvollen CO2-Speicher (196 Tonnen/Hektar) darstellt. Die Artenvielfalt in den Wiesen ist es auch, die Geschmack und Qualität der Heumilch ausmacht.

„Heumilch hat rund doppelt so hohe Werte an Omega-3-Fettsäuren und konjugierten Linolsäuren als Standardmilch.” (Aus einer Stu-die der Universität für Bodenkultur, Schreiner, Seiz, Ginzinger, 2011)

Die wichtigsten Punkte des Heumilch-Regulativs:


Artgemäße Fütterung im Jahresverlauf:
Heumilchkühe, -ziegen und -schafe
erhalten frische Gräser, Kräuter und Heu.
Vergorene Futtermittel wie Silagen sind
das ganze Jahr über strengstens verboten.
Ergänzend ist mineralstoffreicher Getreide schrot in begrenztem Maße erlaubt.
Heumilchprodukte sind kontrolliert
gentechnikfrei.
Außereuropäische Futtermittel sind
verboten.
Heumilchbauern müssen spezielle
Düngevorschriften einhalten.
Die Anzahl der Tiere pro Hof ist begrenzt und steht im Verhältnis zu den Hofflächen.
Laufstall oder mindestens 120 Tage Weide bzw. Auslauf im Jahr sind verpflichtend.
Eine dauernde Anbindehaltung ist verboten

Auf das Kuh-Wohl!
Dass diese Wirtschaftsweise bis heute praktiziert wird, ist den kleinbäuerlichen Strukturen in den alpinen Milchregionen zu verdanken. Diese ermöglichen die erforderliche individuelle Tierbetreuung, die – neben der artgerechten Fütterung – auch viel Bewegung, ausreichend Platz in den Ställen, sowie regelmäßige tierärztliche Betreuung vorsieht. Hochleistungen müssen die Heumilchkühe ebenfalls nicht erbringen.

„Dafür ist bei uns jede Kuh auch über zehn Jahre am Hof. Denn durch die energieärmere Kost und geringere Milchleistung werden die Tiere älter, – das ist für mich das Schöne an nachhaltiger Tierhaltung”, erläutert Magdalena Esterhammer vom Tiroler Bichlhof.

Am Bichlhof sind zwölf Fleck- und Tiroler Grauvieh-Damen im Einsatz, alte heimische Rassen, die mit der kargen Fütterung zufrieden und im steilen Gelände beweglich sind, erläutert die Lebensmitteltechnikerin und Nebenerwerbs-Heumilchbäuerin, die auch als „Farmfluencerin” via sozialer Medien Einblicke in ihre Arbeit am Bergbauernhof gibt.

„Bei uns ist Heuwirtschaft seit Jahrhunderten Tradition und diese Auszeichnung eine irrsinnige Wertschätzung für unsere Arbeit und Bestätigung dafür, dass wir das Richtige machen”, freut sie sich.

Schon ihr Großvater und Vater haben im Sommer Heu gemacht, um die Tiere damit durch den Winter zu füttern. Dieses Heu war so wertvoll, erzählt die Quereinsteigerin, auf jeden Grashalm wurde geachtet. Sie mäht heute selbst auch an den steilsten Hängen und unter jeder Hecke. Die Mahdzeitpunkte sind zeitlich gestaffelt und räumlich über die Flächen verteilt, das Heu wird im Anschluss nach Schnitten gelagert, um bedarfsgerecht füttern zu können.

Gut für das Klima, gut für den Käse
Wenn die Kühe erkältet sind, gibt es das Magerheu von den Blumenwiesen. „Es wirkt wie Medizin“, weiß Magdalena Esterhammer. Nur wenn die Kühe Milch geben, werden kleine Mengen an Getreideschrot zugefüttert – in Qualitäten, die nicht backfähig sind. Dadurch wird Abfall vermieden und die Kühe treten nicht in Nahrungskonkurrenz zum Menschen. Aktiver Part in einer klimafitten Landwirtschaft zu sein, bedeutet Magdalena Esterhammer viel. „Alles, was ich tue, hat Auswirkungen”, ist sie überzeugt und stolz, hinter ihrer Profession zu stehen und das damit verbundene Wissen an ihre Kinder weitergeben zu können.

„Es findet ein gesundes Wachstum statt”

Christiane Mösl. Foto ARGE Heumilch

Die Milchwirtschaft der Zukunft
Stolz ist auch Christiane Mösl, die Geschäftsführerin der „ARGE Heumilch“. Der 2004 von Bauern gegründete Verein zählt heute 7.000 Heumilchbauern und 60 verarbeitende Betriebe wie Sennereien, Käsereien und Molkereien in ganz Österreich zu seinen Mitgliedern. Die Aufgabe der Organisation ist es, die Vorteile von Heumilch zu kommunizieren und faire Preise für den Rohstoff zu erzielen. Mit Erfolg. Der Marktanteil von Heumilch macht in Österreich heute 15 Prozent der gesamten Milchmenge aus.
Die Anerkennung der FAO ist für Mösl die Bestätigung dafür, dass es sich dabei wirklich um ein nachhaltiges Milchwirtschaftssystem handelt, das einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Zudem wurde ein technisches System entwickelt um besonders hochwertiges, nährstoffreiches Heu zu erzeugen. Ein dynamischer Ansatz in einem traditionellen System, das auch für die Zukunft von Relevanz ist. Besonders freut Christiane Mösl, dass Jungbauern nach Hofübernahme häufig auf Bio-Heumilchproduktion umsteigen.

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„Es findet ein gesundes Wachstum statt”, so Mösl. „Zwar unterliegt auch die Heumilchwirtschaft dem Strukturwandel, doch die meisten Landwirte sind mit viel Liebe und Leidenschaft dabei und wollen die Betriebe weiterführen.”

Das motiviert auch sie, die Geschichten, Bilder und visionären „Milchträume” dieser so alten wie zeitgemäßen Wirtschaftsweise zu kommunizieren. 

Weiterführende Informationen:
heumilch.com


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