Umweltkolumne

Reden wir über Verzicht

Zurück in die Steinzeit oder vorwärts in die Zukunft? Die Klimadebatte wirft grundsätzliche Fragen darüber auf, was ein gutes Leben ausmacht – und ob es das nicht auch in naturverträglicher Form gibt. Von Gerlinde Pölsler

Unlängst stieß ich in der Buchhandlung auf das Buch „Walden. Vom Leben in den Wäldern“ von Henry David Thoreau. Der Autor beschreibt, wie er ab 1845 gut zwei Jahre lang allein in einer selbstgebauten Hütte am See lebte. Der einstige Hippie-Klassiker liegt offenbar wieder gut in der Zeit, im Regal steht eine brandneue Ausgabe. Thoreau fand, die Menschen verschwendeten ihr Leben zu sehr an Routine, Eile und Unnötiges. „Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, (…) dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, (…) damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte.“ Entsagung wollte er aber keine üben, „außer es wurde unumgänglich notwendig“. Obwohl Thoreau die Natur nicht schönredet – er wird Selbstversorger und Bohnenbauer –, plagt ihn kaum der Verzicht. Viel mehr badet er jeden Morgen im See, findet Zeit für gute Bücher und das Beobachten der Natur.

Just als ich Thoreau lesend in die Wälder folgte, tat Bundeskanzler Sebastian Kurz seinen Sager von der „Steinzeit“, in die er für den Klimaschutz nicht zurück wolle und dass sich das Klima durch Verzicht nicht retten lasse: Das gehe nur mit Technologie. Da war sie wieder: die Frage, was „ein gutes Leben“ ausmacht, nun allerdings unter dem Vorzeichen des Klimawandels. Können wir die Erderwärmung ohne uns einzuschränken so weit verlangsamen, dass wir nicht zu den gefährlichen Kipppunkten gelangen? Geht es ohne Verzicht?

Leider nein, wie Klimaforscher postwendend antworteten. Sicher müssen wir neue Technologien finden beziehungsweise auf ein massentaugliches Level bringen, aber: Das allein wird nicht reichen. Dazu verbrauchen wir zu viele Ressourcen, sind wir schon zu viele und vor allem: Wir haben die Zeit zum Herumprobieren nicht mehr.

Aber ist es wirklich so entsetzlich, wenn wir einige Dinge anders machen? Die Wachstumsdevise der vergangenen Jahre hat auch nicht allen das paradiesische Leben gebracht. Bernd Ulrich von der Wochenzeitung Die Zeit spricht in seinem Buch „Alles wird anders“ vom „Extremismus der Normalität“. Die zwei Millionen Tiere, die pro Tag in Deutschland geschlachtet werden, die 40 Millionen Autos, darunter viele Zweitonner. Ulrich: „Es wirkt, nüchtern betrachtet, alles ein bisschen manisch.“ Und viele Menschen können mit dem Tempo nicht mehr mithalten, ja werden krank davon.

Veränderungen könnten hingegen neue Lebensqualität bringen. Wenn es zum Beispiel heißt, wir bräuchten neue Straßen, um die Leute am Land nicht zu benachteiligen: Wer denkt an die Alten und Jugendlichen, die nicht (mehr) mit dem Auto fahren (können) und völlig auf andere angewiesen sind? Daran, wie viel Geld ein Auto frisst, zumal wenn einer allein die Kosten stemmen muss? Fahren dagegen die Busse in kurzen Intervallen, stellt die Gemeinde Leihautos zur Verfügung und holen Ruftaxis die Menschen auch von zu Hause ab, dann bekämen so viele Menschen so viel mehr Freiheit.

Gleichzeitig muss die Politik endlich die richten Anreize setzen. Solange man um dreißig Euro nach Rom oder London fliegen kann und Schnitzel um ein paar Euro nachgeschmissen kriegt, ist es für den einzelnen ein Verzicht, das nicht zu konsumieren. „Verzichten“ wir beim Fleisch auf Kostenwahrheit, dann nehmen wir gleichzeitig überdüngte Böden, nitratbelastetes Wasser, Vernichtung von Wald und Wiesen und noch viel mehr Erderhitzung in Kauf. „Verzichten“ wir darauf, die Bodenversiegelung zu stoppen, wird sich bald die Frage stellen, wo eigentlich unser Essen wachsen soll.

Auf irgendetwas müssen wir also immer verzichten. Aber ist der Lebensstil, den wir in den letzten Jahrzehnten erstmals ausgebildet haben, wirklich so unverzichtbar, dass wir dafür alles aufs Spiel setzen – selbst die weitere Existenz des Menschen?

Thoreau ist in die Zivilisation zurückgekehrt, blieb jedoch der Natur und dem Einfachen ein Leben lang verbunden. „Es ist merkwürdig, wie leicht und unmerklich wir einen bestimmten Pfad einschlagen und für uns einen ausgetretenen Pfad daraus machen“, sinnierte er später. Bald schon würden wir die Möglichkeit einer Veränderung leugnen. „Das ist der einzig richtige Weg, sagen wir. Und doch gibt es so viele Wege, wie wir Radien von einem Mittelpunkt aus ziehen können.“

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Gerlinde Pölsler ist in der Obersteiermark auf einer Mini-Nebenerwerbslandwirtschaft aufgewachsen. Seit 2005 schreibt sie von Graz aus hauptsächlich für die Wochenzeitung Falter: über soziale und Gender-Themen, Umwelt, Landwirtschaft und Tierhaltung. Im Vorjahr absolvierte sie in Tirol ein Praktikum als Schafhirtin.



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