Umweltkolumne

Das Ende vom Fleisch, wie wir es kannten

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Endlich hat die Regierung ein Ablaufdatum für Schweine-Vollspaltenställe festgeschrieben: für das Jahr 2040. Bis dahin dürfte die Nachfrage nach konventionellem Fleisch ohnehin dramatisch sinken. Kolumne von Gerlinde Pölsler

„Die Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur…-Enkerln der heutigen Schweine werden sich sicher freuen!“ So kommentierte ein Twitter-Nutzer die Ankündigung der Regierung, die Vollspaltenböden für Schweine abzuschaffen. Schließlich dürfen die bestehenden Ställe noch bis 2040 bleiben. So lange müssen die intelligenten Tiere mit dem superfeinen Geruchssinn noch über ihren Exkrementen dahinvegetieren. Das „Dänische Modell”, das halt etwas weniger Spalten hat, duldet das Gesetz sogar noch länger: Geht es ganz blöd her, müssen Schweine dort bis 2053 auf
harten Spaltenböden ohne Stroh liegen. „Da bin ich dann 89 Jahre alt”, sagt Martin
Balluch, Obmann des Vereins gegen Tierfabriken (VGT), der seit Jahren eine Kampagne für bessere Schweine-Lebensbedingungen fährt.
Dennoch haben die größten Tierschutz-NGOs im Land, VGT und Vier Pfoten, die Novelle im Wesentlichen gelobt. Weil sich bis vor Kurzem überhaupt nichts bewegt hat. Erst der neue Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) bekannte sich nach kurzer Zeit im Amt zum Aus. Die Tierschützer hoffen wohl auch, dass sich bis 2040 so manche Debatte von selbst erledigen wird: Laut Prognosen dürfte die Zahl an Nutztieren schon bald deutlich sinken.
Zum einen, weil vor allem junge Menschen mehr Tierwohl einfordern und bezweifeln, dass wir Tiere überhaupt für unsere Bedürfnisse ausbeuten dürfen. Debatten, die nicht mehr verstummen werden. Der Handel springt zunehmend auf den Zug auf. Deutsche Supermärkte kennzeichnen seit 2019 Fleisch(produkte) nach der Haltungsform. Die niedrigste Stufe haben die meisten bereits aus ihren Regalen gekickt oder sie sind gerade dabei. Schweinefleisch nach AMA-Gütesiegel-Kriterien entspricht dort übrigens nicht einmal den Anforderungen der miserabelsten Stufe. Auch in Österreich haben die vier großen Ketten Rewe, Spar, Hofer und Lidl mit Tierschutzminister Johannes Rauch (Grüne) vereinbart, bis Jahresende eine Kennzeichnung zu erarbeiten.
Gleichzeitig ruft die Klimakrise sich durch Dürren und Großbrände, Unwetter und Überschwemmungen immer mächtiger in unser Bewusstsein. Damit werden auch die Debatten darüber, wie sehr der hohe Fleischkonsum die Erderhitzung beschleunigt, härter.
Selbst wenn fossile Brennstoffe über Nacht abgeschafft würden, würden allein die Emissionen aus der Ernährung das Ziel des Paris-Abkommens, den globalen Temperaturanstieg unter 1,5 Grad zu halten, gefährden: Das schreibt der Weltklimarat in seinem jüngsten IPCC-Report. Zumal bis 2029 ein Anstieg der Fleischproduktion um 14 Prozent zu erwarten sei. Die Forscher sehen aber auch Licht: Fleischersatz auf Pflanzenbasis und im Labor gezüchtetes Fleisch könnten die Emissionen entscheidend reduzieren.
„Bis 2040 wird das Angebot an konventionellem Fleisch um mehr als ein Drittel zurückgehen”, prophezeit das Beratungsunternehmen ATKearney bereits für die globalen Märkte. Der Grund: die verschärfte Konkurrenz.
Zusätzlich zu Tofu, Seitan oder Würsteln auf Pilzbasis erblicken zunehmend neue, in Fermentationsprozessen hergestellte Produkte auf Pflanzenbasis das Licht der Welt. In Textur und Geschmack kommt dieses „Novel Vegan Food” viel näher an Fleisch heran als die klassischen Alternativen. Damit werde es auch von neuen Personengruppen akzeptiert. Noch erfolgreicher werde das aus Zellen gezüchtete, „richtige” Fleisch sein.
Mit dem Ergebnis, dass konventionelles Fleisch von lebenden Tieren 2040 nur noch 40 Prozent am gesamten „Fleisch”markt ausmachen werde, während Laborfleisch mit gut einem Drittel fast gleichauf liege. Der Rest, ein Viertel, fällt auf den neuen High-tech-Fleischersatz. (Die klassischen Alternativen Tofu & Co. zählt die Studie nicht zum Fleischmarkt im engeren Sinn.)
Zusätzlich würden die neuen Hightech-Unternehmen so viele tierische Produkte wie möglich abdecken: Eier, Milch und Gelatine, aber auch Meeresfrüchte und Leder. In Kalifornien, Israel und den Niederlanden sammeln die Start-ups schon jede Menge Risikokapital ein. Und gelten als ähnlich attraktiv wie heute Google, Tesla oder Apple.
Bilder aus heutigen Vollspaltenställen, viel zu oft mit Schweinen voller Geschwülste, lethargisch und hustend, werden uns dann vorkommen wie aus einem anderen Jahrtausend.


Gerlinde Pölsler ist in der Obersteiermark auf einer Mini-Nebenerwerbslandwirtschaft aufgewachsen. Seit 2005 schreibt sie von Graz aus hauptsächlich für das Naturressort der Wochenzeitung Falter, außerdem ist sie dort für die Sachbücher zuständig.
Foto Regine Schöttl


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