Umweltkolumne

Von Gerlinde Pölsler
Raus aus dem Saustall

Sie wühlen und galoppieren das ganze Jahr im Freien, sie kommen auf der Weide zur Welt und sterben dort: Der oststeirische Betrieb Labonca zeigt, was in der Haltung von Schweinen alles geht. Aber müssen Tierwohlprogramme wirklich ewig in der Nische bleiben?
Geht nicht, geht noch weniger, geht schon überhaupt nicht: Das bekamen die Labonca-Gründer Ulrike und Norbert Hackl anfangs sehr oft zu hören: Den elterlichen Hof auf Bio umstellen? „Geht nicht, zu groß.” Schweine das ganze Jahr über im Freien lassen? „Humbug.” Und sie draußen ihre Jungen bekommen lassen? „Wie soll denn das gehen? Ohne Schutzkorb” – gemeint war der Käfig, in dem die meisten Sauen gebären müssen – „wird die Sau die Ferkel fressen oder erdrücken.” Doch dann konnten alle zuschauen, wie die Mutterschweine sich ihre Geburtsnester aus Heu, Stroh und Zweigen bauten und sich bestens um ihre Ferkel kümmerten.
Auch das Ende kommt für die Labonca-Schweine auf der Weide ganz ohne Stress: Das Tier frisst, der Schuss fällt.
Was für ein Unterschied zum Dasein der meisten der fünf Millionen jährlich in Österreich getöteten Schweine. Die kleinen Eber werden ohne Betäubung kastriert. Ihr ganzes Leben fristen die Tiere, deren Intelligenz und soziale Fähigkeiten denen von Hunden ähneln, auf Vollspaltenböden ohne Einstreu. Am Ende warten im Schlachthof Stress, Angst und für etwa jedes zweite Schwein die CO2-Betäubung: Die löst Erstickungskrämpfe aus.
Labonca im oststeirischen Burgau zeigt seit 20 Jahren, wie ein Schweineleben auch aussehen kann. Was heißt das für die anderen Schweinebauern? Ist die Tierwohlsparte ausgereizt – oder ginge da viel mehr?
Es stimmt schon: Labonca bedient eine High-End-Nische. Das Kilo Karree zum Beispiel kostet um die 27 Euro, während das im Supermarkt schon um gut fünf Euro zu haben ist. Dafür bekommen die Kunden aber nicht nur Fleisch aus der wohl schweinefreundlichsten Haltung Österreichs, sondern auch das mit dem besten Geschmack. Das ergab eine AMA-Blindverkostung mit Proben von 21 heimischen Herstellern. Den Großteil seiner Schweine verkauft Labonca im eigenen Laden, gut ein Fünftel über die Gastronomie, den Rest über den (Online-)Lebensmittelhandel. Ab Jänner wird Labonca-Fleisch auch in der Kantine des frisch renovierten Wiener Parlaments serviert.
Selbst wenn kaum ein anderes Programm so hohe Standards wie Labonca hat, so sehen doch das Bio-Siegel als auch diverse Tierwohlprogramme ein deutlich besseres Leben für die Schweine vor: mit Einstreu, Auslauf, mehr Platz. Doch dieses teurere Fleisch macht derzeit nur einen kleinen Bruchteil des Markts aus. Letztlich, heißt es, würden die meisten Konsumentinnen und Konsumenten dann doch wieder zum Billigeren greifen. Und da ist schon was dran: Ein Teil könnte mehr zahlen, will aber nicht. Ein Teil kann wirklich nicht, zumal wenn die Lebenshaltungskosten so explodieren wie zur Zeit.
Allerdings sind längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um dieses Segment zu pushen. Nehmen wir die Kennzeichnung: Künftig soll im Supermarkt bei verarbeiteten Produkten wie Würsten und Gulasch endlich draufstehen, wo das Fleisch herkommt – nicht aber, wie die Tiere gehalten wurden. Ein großes Manko. Weiterhin im Dunkeln bleibt, wo das Fleisch beim Wirten herkommt. Dabei ließe mancher Gast, läse er auf der Speisekarte „aus Vollspaltenhaltung”, ein Gericht wohl doch links liegen. Dafür könnten jene Wirte, die Tierwohlfleisch auftischen, im Vergleich umso mehr glänzen.
Halbherzig agieren auch die Supermarktketten. Zwar bieten sie Tierwohlprogramme an, doch in den Flugblättern werben sie dann doch wieder mit 50-Prozent-Rabatten. Und in den Geschäften liegt das teurere Fleisch oft versteckt im Winkerl.
Viel zu wenig nutzt auch die öffentliche Hand den riesigen Hebel, den sie mit dem Einkauf für ihre Großküchen in der Hand hätte: für Schulen und Spitäler, Pflegeheime, das Bundesheer. Seit dem Vorjahr existiert immerhin ein „Aktionsplan für Nachhaltige Beschaffung” inklusive Tierschutzkriterien. Seither war aber nicht mehr viel davon zu hören; den Landesregierungen und Gemeinden hat der Bund die Kriterien bloß „empfohlen”.
Geht halt alles nicht anders, weil Fleisch billig sein muss? Dabei „kostet” Billigfleisch nicht wirklich weniger, wir sehen die Kosten nur nicht sofort. Aber sie fallen an: für die Tiere, unsere Gesundheit, das Grundwasser und das Klima. „Esst weniger davon!”, sagt Norbert Hackl. „Niemand hat je gesagt, dass wir so viel Fleisch essen müssen.”

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Gerlinde Pölsler ist in der Obersteiermark auf einer Mini-Nebenerwerbslandwirtschaft aufgewachsen. Seit 2005 schreibt sie von Graz aus hauptsächlich für das Naturressort der Wochenzeitung Falter, außerdem ist sie dort für die Sachbücher zuständig.
Foto Regine Schöttl


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