Verpackung neu denken

„Verschließen wir nicht die Augen vor dem globalen Umweltproblem“, lautet ein zentrales Statement der im Mai 2020 gegründeten Plattform „Verpackung mit Zukunft“. Die Ziele der acht Unternehmen sind dabei ambitionierter als die EU-Vorgaben.
Von Daniela Egger

Günther Lehner, CEO ALPLA Group und Initiator für die Gründung der Plattform, wirft im Interview einen Blick auf die Zukunft der Verpackung. Außerdem äußert sich Martina Hörmer, Geschäftsführerin „Ja! Natürlich“, zu speziellen Herausforderungen der Verpackung im Lebensmittelbereich.

Plastik ist allmählich in Verruf geraten – muss man bei diesem Material Unterscheidungen machen? Gibt es „gutes“ und „schädliches“ Plastik?

Werbung

Kunststoff ist ein vielseitiger, sehr leichter und bruchsicherer Werkstoff und wird nicht umsonst in fast allen Bereichen eingesetzt, etwa in der Medizin, im Fahrzeugbau oder als Verpackungsmaterial. Plastik ist aufgrund der zunehmenden Umweltverschmutzung in Verruf geraten. In der Umwelt hat es auch definitiv nichts verloren – „schädlich“ ist also der achtlose Umgang mit Abfall, nicht das Material selbst.

Wie sehen innovative Materialien der Zukunft aus?

Hier gibt es unterschiedliche Ansätze, es wird auf vielen Ebenen entwickelt und geforscht. Etwa an sogenannten biobasierten Kunststoffen, die anstatt aus Erdöl aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Ein anderes Beispiel sind kompostierbare Kunststoffe, die wir bereits für Kaffeekapseln einsetzen, die man einfach auf dem Gartenkompost entsorgen kann. Wichtig ist jedoch immer, dass man sich das Produkt und den Anwendungsbereich anschaut und dafür die nachhaltigste Lösung findet. Es gibt nicht ein Material, das für alle Bereiche richtig oder gut ist.

Sie sind schon lange mit dem Klimaneutralitätsbündnis 2025 auf dem Weg in eine nachhaltige Unternehmensausrichtung – wie lässt sich das Thema Verpackung revolutionieren?

Durch konsequente Kreislaufwirtschaft, mit dem Ziel, dass aus gebrauchten Verpackungen wieder neue entstehen. Kreislaufwirtschaft steht aber nicht ausschließlich für Recycling, sondern beinhaltet auch das Wiederverwenden und die Reduktion. Wir bei ALPLA arbeiten schon seit Jahrzehnten daran, unsere Verpackungslösungen immer leichter zu machen und sparen damit jährlich Tonnen an Material. Wir haben ebenso Mehrwegflaschen aus Kunststoff oder innovative Nachfüllsysteme entwickelt. Bis 2025 sollen alle unsere Produkte zu hundert Prozent recyclingfähig sein.

Seit Mai gibt es die Plattform „Verpackung mit Zukunft“. Mit dabei sind auch Unternehmen wie Coca-Cola und Nestlé – wie haben all diese Unternehmen zueinandergefunden? Wer war  Initiator?

Wir haben gemeinsam mit dem oberösterreichischen Unternehmen Greiner die Initiative ergriffen. Unser Ziel ist es, aus allen Bereichen der Wertschöpfungskette Partner für die Plattform zu finden. Gestartet sind wir im Mai mit sieben Mitgliedern, darunter eben Coca-Cola und Nestlé, aber auch der Umweltdienstleister Interseroh und die Maschinenhersteller Erema und Engel. Neu dazugekommen ist mittlerweile Reclay Österreich.

Steht derzeit vor allem Österreich im Fokus oder werden eventuelle neue Konzepte dann international zum Tragen kommen?

Derzeit steht Österreich im Fokus. Es gibt hier zahlreiche Hidden Champions, die mit vereinten Kräften Österreich als Vorzeigeland im Bereich nachhaltige Verpackungslösungen und Kreislaufwirtschaft etablieren können. Langfristig gesehen ist natürlich auch eine Ausweitung und Internationalisierung der Plattform denkbar.

Wie sehr müssen die Konsumenten einbezogen werden in einen funktionierenden Kreislauf und wie ist das zu schaffen?

Ohne Konsumenten geht es nicht. Sie entscheiden, was sie kaufen und wie sie gebrauchte Verpackungen oder Gegenstände entsorgen. Sie können sich zum Beispiel beim Einkauf bewusst für Verpackungen aus Recyclingmaterialien entscheiden, diese dann richtig im Gelben Sack entsorgen und so den Kreislauf unterstützen. Das setzt voraus, dass Verbraucher Kunststoffverpackungen nicht nur als wertlosen Müll, sondern als Wertstoff anerkennen. Dieses Bewusstsein wollen wir mit der neuen Plattform schaffen und einen sachlichen Dialog über diese Themen in der Gesellschaft fördern.

Was für Ideen gibt es, um die Müllinseln aus dem Meer zu bekommen und vor allem zu verhindern, dass weiterhin so viel Plastik ins Meer gelangt?

Es gibt weltweit viele Menschen und Organisationen, die sich dem Kampf gegen die Umwelt- und Meeresverschmutzung verschrieben haben. Wir unterstützen zum Beispiel The Great Bubble Barrier. Diese Organisation hat ein smartes, einfaches System entwickelt, das mithilfe von Barrieren aus Luftblasen Flüsse von Kunststoffabfällen befreit, sodass sie nicht in die Ozeane gelangen. Auch ein eigenes Projekt ist derzeit in Vorbereitung.

Welche Verpackungsmaterialien stehen außerdem im Fokus – neben dem Plastik?

Über ein Joint Venture hat ALPLA gemeinsam mit dem schwedischen Papierspezialisten BillerudKorsnäs in ein technisches Start-up investiert. The Paper Bottle Company, kurz Paboco, hat sich das ambitionierte Ziel gesetzt, eine völlig biobasierte Papierflasche zu entwickeln.

Danke für das Gespräch

Im Lebensmittelbereich fällt besonders viel Verpackungsmaterial an, hier wird den Konsumentinnen und Konsumenten auch schnell bewusst, dass ihre Mitwirkung erforderlich ist. Ja! Natürlich ist seit zehn Jahren um umweltfreundliche Verpackungen bemüht, in Summe haben wir in der Zeit bereits 1.000 Tonnen Plastik eingespart, das entspricht etwa den CO2-Werten von 700.000 Bäumen. Wo immer möglich, legen wir Obst und Gemüse lose aus, Laserprinting ist eine Alternative, Kartonagen ersetzen die früher üblichen Plastiktassen. Der nächste Schritt ist ein neuer Werkstoff, der auf der Basis von Grasschnitt erzeugt wird und weit umweltfreundlicher zu produzieren ist als Papier aus Frischfasern. Wir müssen für jedes Produkt eine eigene Lösung finden, denn das Thema food waste ist komplex und hängt eng mit der richtigen Verpackung zusammen. Wenn die Reduktion der Verpackung zu einem schnelleren Verderb der Ware führt, sieht die C02-Bilanz am Ende schlechter aus als zuvor. Aber wir sind sehr begeistert und auch schon weit gekommen – dazu gehören erfolgreiche Kampagnen zur Sensibilisierung der Konsument*innen. Weltweit sind wir nicht groß, aber wenn jeder in seinem Bereich einen Beitrag leistet, dann bewegt sich viel.


Martina Hörmer,
Geschäftsführerin der Bio-Eigenmarke „Ja! Natürlich“

www.verpackungmitzukunft.at

„Ja! Natürlich“ unter www.janatuerlich.at

Teilen auf:
Facebook Twitter