Von der Poesie des Mülls

Die kanadische Künstlerin Aurora Robson fertigt aus Plastikmüll Kunst und verbindet damit einen eindringlichen Appell: dass die Gesellschaft sich den Gegebenheiten stellt und ganzheitliche Auswege aus der Krise sucht. Sie sagt: „Ich sehe Kunst als kulturelle Dienstleistungsindustrie und als einen notwendigen Spiegel. Den braucht es, um uns zu zeigen, was es jetzt bedeutet, Mensch zu sein.“
Von Carina Jielg

Sie sehen aus wie dichte Vorhänge aus durchsichtigen Quallen, glitzernd von der Decke hängend, sie erinnern an Unterwasserleuchtkörper oder außerirdische Landschaften, es sind organische Gebilde voller Schön- und Ausgewogenheit. Sie hängen in Hallen und leuchten oder stehen wie riesige Bühnenbilder auf der Wiese – Skulpturen, gearbeitet aus Plastikmüll. Gesammelt, gesäubert, geschnitten, zusammengenäht, gesteckt, zu Kunst geformt.

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Aurora Robson.
ding dang. welded plastic debris, hardware, LEDs, solar panels. Foto Marshall Coles

Für Aurora Robson ist die Plastikverschmutzung ein globaler Alptraum und die Kunst eine globale Sprache. Warum nicht mit der einen auf das andere antworten? Warum nicht die Trennung von Kunst und Natur aufheben? Warum nicht alles auf einen Tisch legen und an einer „neuen Einteilung der Werte, an einer De-Hierarchisierung“ arbeiten? Robson will ihre Kunst nicht als bloße „Recycling-Kunst“ verstanden wissen, denn die Thematik ist weit tiefgreifender. „Wer bestimmt, welches Material wertvoll ist und welches nicht? Und warum? Ich will aus etwas negativ Behaftetem Schönes machen und zeigen: ein Ding aus Plastik ist kein ‚Wegwerfprodukt‘, denn es verschwindet nicht, auch wenn wir wegschauen. Es bleibt da – als Berg, als Unterboden ganzer Städte, es verrottet nicht. Gerade mal neun Prozent des weltweiten Plastikabfalls werden recycelt. Das ist uns kaum bewusst, deshalb habe ich begonnen, mit dem Müll zu tanzen.“

Nach Jahren in der Kunstmetropole New York lebt Robson mittlerweile mit Kindern und Mann in Kanada auf dem Land, ist Künstlerin und Aktivistin. Ihre Themen: Überkonsum, Globalisierung, weltweite soziale Missstände und Schieflagen. In Plastikbergen sieht sie nicht nur die Zeichen von Umweltverschmutzung, auch ein Sinnbild von extremer Ungleichverteilung. „Umweltverschmutzung durch Kunststoff ist nur eins von vielen Problemen. Und wie alle unsere großen Herausforderungen ist es global, spartenübergreifend. Aber es belastet – sichtbar – unverhältnismäßig häufiger Randgruppen oder Menschen in Gegenden mit geringerem Einkommen, Menschen mit weniger Zugang zu Macht und Ressourcen.“

Seit 15 Jahren arbeitet Robson mit Plastikmüll, gastiert in namhaften Ausstellungshäusern der Welt, schafft riesige begehbare Environments, Bühnenbilder. Wichtig ist ihr die Aufhebung der Trennung von Kunst und Wissenschaft, sie nimmt an zahlreichen Forschungsprojekten zur Entwicklung erdölfreier Materialien teil, lehrt an verschiedenen Universitäten, organisiert Konferenzen. 2009 hat sie das Projekt VORTEX gegründet. Eine interdisziplinäre Initiative, ein wachsendes internationales Kollektiv von Künstlern, Designern und Architekten, die wissenschaftlich, künstlerisch, innovativ mit Plastikmüll arbeiten, mit dem gemeinsamen Ziel, Natur-
schutzinitiativen zu unterstützen.
„Viele Mitglieder wie ich stellen sich zur Verfügung, um ihre Techniken, ihr Wissen durch Workshops, für Open-Source-Lehrpläne oder das Weiterentwickeln von Engagements auf der ganzen Welt zu teilen.“

Aurora Robson. troika, 2017. welded plastic debris, hardware, LEDs, solar panel. Foto Marshall Coles

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