Wald als Klimaschützer

Amazonas-Regenwald in Kolumbien. Foto Luis Barreto / WWF

Unsere Wälder speichern CO2 und geben Sauerstoff ab, sie dienen als Wasserspeicher und steuern den weltweiten Wasserkreislauf. Doch die Abholzung von Wäldern hat weltweit dramatische Ausmaße erreicht – und trägt damit zur Klimakatastrophe bei.

Von Susanne Wolf

Schauplatz Brasilien:

Die Entwaldung im Amazonas hat einen traurigen Rekord erreicht, insgesamt rund 3.000 Quadratkilometer Wald wurden im ersten Halbjahr dieses Jahres zerstört. Das entspricht mehr als der Fläche Vorarlbergs und einem Zuwachs von 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Waldbrände und Abholzung haben im Amazonas solche Ausmaße erreicht, dass es für den größten Regenwald der Erde mittlerweile ums nackte Überleben geht“, warnt Georg Scattolin, Artenschutzexperte des WWF Österreich.

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Drohender Kipppunkt

„Rund 15 Prozent der weltweit durch menschliche Aktivitäten verursachten Treibhausgasemissionen sind auf die Vernichxwtung von Wäldern zurückzuführen“, weiß Scattolin. Tropische Regenwälder seien dabei von besonderer Bedeutung, da sie aufgrund des hohen Biomasse-Vorrats um 50 Prozent mehr Kohlenstoff speichern als Wälder außerhalb der Tropen. Dazu kommt, dass Wälder gigantische Klimaanlagen sind: „Sie steuern Verdunstung, Wasserkreisläufe und dadurch das Wetter.“

Der riesige Amazonas-Regenwald etwa recycelt sein eigenes Wasser, erzeugt Feuchtigkeit und trägt zur Stabilisierung des globalen Klimas bei. Der Verlust weiterer Waldflächen könnte Millionen Tonnen von Treib-hausgasen in die Atmosphäre freisetzen und das System über seinen ökologischen Kipppunkt hinausschieben. In diesem Fall könnte die Region zu einer Quelle statt zu einem Speicher von xCO₂ werden. „Man schätzt, dass dieser Wendepunkt im Amazonasgebiet durch eine Abholzung von 20-25 Prozent erreicht wird“, erklärt Scattolin. „Wir befinden uns bereits bei etwa 20 Prozent.“ Wird der Kipppunkt überschritten, beginnt ein Prozess der „Savannisierung“, der den Regenwald in tropisches Grasland verwandelt. Der verschwundene Wald kann so seine wichtige Rolle im Wechsel zwischen Regen- und Trockenzeit nicht mehr erfüllen. „Das hätte entsprechend drastische Folgen für die darauf beruhende Ernährungs-, Wasser- und Energiesicherheit der Region und der ganzen Welt“, so Scattolin.

Waldbrand in Brasilien. Foto Victor Moriyama / Greenpeace

Wildwest-Mentalität

Als besonders beunruhigend bezeichnet der WWF die Tatsache, dass in Brasilien neben Wäldern in privater und staatlicher Hand auch die Zerstörung in Schutzgebieten zugenommen hat, die eigentlich verstärkten Kontrollen unterliegen sollten. Die Regierung um Präsident Bolsonaro setze seit ihrem Antritt alles daran, den Waldschutz aufzuweichen; die Behörden, die den Schutz des Amazonas überwachen und durchsetzen, sind durch Mittelkürzungen massiv geschwächt worden.

„Die Botschaft, wonach selbst schwere Straftaten geduldet werden, ist angekommen. In Teilen des Amazonas herrschen heute Wildwest-Zustände – Schutzgebiete und indigene Territorien sind quasi zum Abschuss freigegeben“, so Georg Scattolin.

Brände werden absichtlich gelegt, um die Flächen für Rinderfarmen oder Soja-Plantagen nutzbar zu machen. Rindfleisch und Soja gelangen über Importe auch zu uns: 34 Prozent der brasilianischen Rindfleischexporte gehen nach Europa. Soja wird als Tierfutter in der Massentierhaltung eingesetzt.

Wirtschaftliche Interessen

Während die brasilianische Regierung unter Jair Bolsonaro durch Investoren und Handelspartner immer stärker unter Druck gerät, will die deutsche Regierung während ihrer EU-Ratspräsidentschaft den umstrittenen EU-Mercosur-Handelspakt doch noch durchbringen – obwohl Österreich und einige andere europäische Staaten ein Veto gegen das umweltschädliche Abkommen angekündigt haben. Das „EU-Mercosur Association Agreement“ ist ein geplantes Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, das die Zerstörung des Amazonas weiter anheizen würde. „Jetzt ist es wichtiger denn je, dass die österreichische Bundesregierung bei ihrem Nein zum EU-Mercosur-Pakt standhaft bleibt“, fordert Lukas Meus, Waldexperte bei Greenpeace Österreich. „Sonst wird in Zukunft ein noch viel größerer Teil des Amazonas der Profitgier zum Opfer fallen.“ Befürchtet wird, dass die deutsche Regierung jetzt nach Schlupflöchern sucht, um das Abkommen doch noch durchzupeitschen. So könnte etwa nur über Teile des Pakts abgestimmt werden, um eine notwendige Einstimmigkeit zu umgehen.

Weltweite Abholzungen

Brasilien ist bei weitem nicht der einzige Schauplatz für – oft illegale – Waldrodungen:
Auch in Indonesien werden weiterhin Wälder abgeholzt, hier für Palmölplantagen. Palmöl kommt in zahlreichen Lebensmitteln, aber auch in Bio-Sprit zum Einsatz.
Im Osten Europas, vor allem in Rumänien, sind die letzten Urwälder des Kontinents in Gefahr. Laut rumänischem Gesetz ist es zwar verboten, Bäume in unberührten Wäldern zu fällen, die Praxis sieht jedoch anders aus: Laut der Umweltstiftung Euronatur sind seit 2005 bereits 45 Prozent der rumänischen Urwälder vernichtet worden. Die Hauptprobleme sind illegale Abholzung und Korruption. Nun hat die EU-Kommission die rumänische Regierung offiziell aufgefordert, etwas gegen die illegalen Rodungen zu unternehmen – das Ergebnis bleibt abzuwarten.

Positive Entwicklungen

Zum Glück gibt es auch gute Nachrichten: Weltweit gibt es immer mehr Projekte und Organisationen, deren Ziel es ist, möglichst viele Bäume zu pflanzen, wie die Suchmaschine Ecosia, die Organisation Plant for the Planet oder Primaklima. Auch einzelne Länder gehen mit gutem Beispiel voran: Costa Rica etwa hat in den letzten Jahrzehnten konsequent seine Wälder aufgeforstet, nachdem in den 1970er Jahren rund 80 Prozent des Regenwaldes gerodet worden waren. Heute sind wieder mehr als 50 Prozent des Landes bewaldet. Auch Österreich ist ein Vorbild beim Schutz der Wälder: Es gibt ein strenges Forstgesetz, das besagt: Alles was Wald ist, muss Wald bleiben. „Abholzung darf nur für die Nutzung des Holzes erfolgen, der Wald muss wieder in Bestand gebracht werden, wie es in der Forstwirtschaft heißt“, erklärt Norbert Putzgruber von den Österreichischen Bundesforsten. Eine Situation wie in Brasilien, wo Urwald für landwirtschaftliche Nutzflächen gerodet wird, wäre in Österreich gar nicht möglich – hierzulande werden die Waldflächen sogar größer. Dazu werden die Baumbestände  durch forstwirtschaftliche Maßnahmen klimafit gemacht: So sind Eichen, Tannen oder Lärchen für steigende Temperaturen und wachsende Trockenheit aufgrund des Klimawandels besonders gut gerüstet. Anders die Fichten, die mit (noch) 50 Prozent den größten Teil des Baumbestandes in Österreich ausmachen: Fichten sind sogenannte Flachwurzler, ihre Wurzeln reichen nur bis zu einem Meter in den Boden hinein und können daher nicht viel Wasser aufnehmen. Bis 2050 wird der Anteil der Fichten an Österreichs Baumbestand auf 40 Prozent zurückgehen. Es geht also nicht nur darum, Wälder zu schützen, sondern sie an den Klimawandel anzupassen – damit auch zukünftige Generationen intakte Wälder vorfinden.

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