Wann ma lang so weiter hoazn, brennt da Huat

Interview mit Hubert von Goisern. Von Jürgen Schmücking

Hubert von Goisern ist ein einzigartiges Phänomen in der österreichischen Kulturlandschaft. Mitte der 80er Jahre hat er die Volksmusik auf den Kopf gestellt und neu erfunden. Jetzt, über 30 Jahre später, ist er produktiv und laut wie eh und je. Auch wenn er im Gespräch leise und nachdenklich wirkt. Jürgen Schmücking hat ihn an einem verregneten Tag im Schloss Hellbrunn getroffen. Ein Gespräch über die neue Musik und die alten Feinde, über die erste Frau am Berg Athos, über sein Engagement für den Klimaschutz und was wir bei ihm im Kühlschrank finden.

Ich muss zugeben, dass ich einigermaßen aufgeregt bin. Das passiert mir sonst nicht bei Interviews. Ich habe überlegt, wann ich das erste Mal in einem Konzert von Ihnen war. Das muss 1992 gewesen sein. Seither begleitet mich Ihre Musik. Also vor fast 30 Jahren. Das war zwar früh in Ihrer Laufbahn, aber nicht ganz der Beginn. Wann begann man Sie und Ihre Musik wahrzunehmen?
Die ersten ausverkauften Gigs in Pubs in Wien waren so um 86 herum. Der Rote Engel in Wien. Von da ging es dann raus in die Bundesländer. Und nach Deutschland.

Wie hat sich Ihre Musik im Lauf der Zeit verändert?
Musik ist grundsätzlich was total Vergängliches. Du findest einen Ton und wenn der Atem zu Ende ist, ist auch der Ton zu Ende und lebt nur mehr in der Erinnerung. So etwas wie eine Melodie funktioniert nur, weil wir uns erinnern können. Das ist etwas, das mein Musizieren und Komponieren total beeinflusst. Da geht es auch um Anbindung oder besser Einbindung in die Vergangenheit. Gute Musik, glaube ich, hat aber auch eine Projektion in die Zukunft. Das heißt, Du hörst was, und wenn es Dich richtig mitnimmt, dann kannst Du durch eine geile Komposition eine Erwartungshaltung aufbauen beim Zuhörer, wo er Dir dann schon vorausfliegt. Und wenn es dann eine andere Wendung nimmt, dann sind das genau die Sachen, wo es spannend wird, wo ein Fenster aufgerissen und die Phantasie beflügelt wird. Und man auch wo anders hinkommt, als anfangs vielleicht erwartet.

Das ist mir jetzt beim Herfahren so gegangen. Ich habe mir die neue CD „Zeiten & Zeichen“ angehört. Und die ist, vor allem im Vergleich zu Ihrer früheren Musik, schon sehr berührend. Wobei, diese „alte Musik“ hat einen schon auch mitgenommen. Nur auf andere Art. Aber jetzt – gerade die ersten drei Lieder – die stimmen schon ziemlich nachdenklich.
Genau. Aber da muss man durch. Ich hätte natürlich auch mit einer Nummer wie „Future Memories“ anfangen können. Das wäre viel versöhnlicher gewesen, ich wusste einfach nicht, wo das Lied „Freunde“ am besten zu platzieren ist. (Anm.: Ein extrem trauriges Lied über das Schicksal eines im KZ ermordeten jüdischen Künstlers und seine zweifelhafte Freundschaft zu Franz Léhar). Wenn man das zum Beispiel als zweite oder dritte Nummer bringt, wo man schon in einem ganz anderen Mood, einer anderen Stimmung ist – ich weiß nicht – da ist es vermutlich besser, man wird gleich am Anfang damit konfrontiert. Wobei mir schon klar ist, dass das nicht der kleinste gemeinsame Nenner eines Stammpublikums ist.

Zwei Nummern weiter kommt dann das Lied „Brauner Reiter“. Wie waren die Reaktionen darauf und vor allem: gab es dafür so etwas wie ein musikalisches Vorbild, eine Inspiration?
Nein. Das Thema ist musikalisch dahergekommen mit seiner Rauheit und Wucht und hat mir dann die Geschichte dazu erzählt. Ich schreibe immer zuerst die Musik, und die Musik erzählt mir dann was. Erst dann finde ich die Worte dafür. Dann habe ich den Text geschrieben und beim Einsingen, beim ersten Ausprobieren des Textes, wie er sich anfühlt, war die Inspiration Nina Hagen, die ihrerseits das kraftvolle, rollende „R“ von Marlene Dietrich übernommen hat. Beim „Braunen Reiter“ haben viele Leute gesagt, das klingt wie Rammstein …

… das war der Grund, warum ich das so vorsichtig gefragt habe. Mir kam Rammstein sofort nach den ersten Akkorden in den Sinn.
Ja, aber da ist schon noch einmal ein Unterschied. Nachdem das aber doch viele gesagt haben, habe ich mir Rammstein einmal genauer angeschaut und ein paar Sachen angehört. Ja, eh. Aber meine Grundlage war eher (beginnt zu singen) „ … ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen …“. Und da hab ich mir gedacht, da setz ich mich drauf, das geb ich mir jetzt einfach. Jedenfalls war „Brauner Reiter“ das erste Video, das wir von der neuen CD gemacht haben. Dann kamen „Freunde“, „Eiweiß“ und „meiner Seel“. Eines mache ich dann noch. Morgen. Dann lass ich es bleiben mit den Videos. Videos waren eigentlich nie wirklich ein Thema. Wenn dann sehr einfach, auf der Bühne abgefilmtes und danach Geschnittenes. So wie „Brenna tuat’s guat“. Aber coronabedingt habe ich Kapazitäten frei gehabt und musste mich mir irgendwas beschäftigen. Das waren eben die Videos.

Noch einmal zurück zum „Braunen Reiter“. Unabhängig von Inspiration und Takt ist es klar antifaschistisch. Wie wurde das Lied von Deinen Fans – und auch Nicht-Fans – aufgenommen?
Also was Social Media betrifft, verfolge ich das Ganze – Gott sei Dank – nicht wirklich. Da gibt es so viel Krankes, dass Du Dir denkst‚ wenn DAS der Zustand der Nation ist …
Das Wort „Gutmensch“ wurde zum Schimpfwort, sogar der Papst wurde als „Gutmensch“ bezeichnet. Das muss man sich einmal vorstellen. Naja – jedenfalls ist man da in guter Gesellschaft. Ich habe dann ein paar Leute recherchiert, die sich vehement gegen den „Braunen Reiter“ geäußert und mich einen Immigrantenliebhaber genannt haben. Bezeichnenderweise waren das fast ausschließlich FPÖ-Funktionäre. Die haben sich angesprochen gefühlt. Und ich meine, man muss diese Färbung schon klar im Kopf haben, um sich hier angesprochen und angegriffen zu fühlen. Sonst hört man das und denkt vielleicht drüber nach. Aber wenn du das Lied hörst und sofort auf der Schiene „Das geht gegen mich!“ bist, da muss es schon weit fehlen.

Ich würde gern zu Ihrem Buch kommen. Vor allem, wie es überhaupt zur Idee kam, einen Roman zu schreiben. Warum so spät? Und vor allem: Kommt da noch mehr auf uns zu?
Es hat mich schon recht lange gereizt, mich an einer längeren Geschichte zu versuchen. Und natürlich war da der Anspruch, einen Roman zu schreiben. Wenn schon, denn schon. Da war einfach der Wunsch, der Phantasie freien Lauf lassen zu können, einen Plot zu erfinden, Figuren zu erfinden. Ich habe mich immer wieder daran erinnert, dass ich so etwas machen möchte. Wobei mich die Musik immer wieder vom Schreibtisch weggeholt hat. Ich trete auch gern auf, spiele vor allem gern mit Leuten zusammen. Dagegen ist Schreiben was ziemlich Autistisches, wo Du mit Dir alleine bist. Jedenfalls habe ich eine gewisse Sättigung gebraucht. Das Gefühl, genug gespielt zu haben. Und mit dem Gefühl habe ich mich hingesetzt und angefangen, den Roman zu schreiben.

Im Buch geht es um eine Frau, die aus einer Beziehung flüchtet und abhaut. Die Flucht ist eine Reise zu sich selbst und hat therapeutische Züge. Irgendwann landet Ihre Heldin in Griechenland. Am Berg Athos. Das ist mutig. Gibt es bei Ihnen einen persönlichen Bezug zum Athos?
Ja, sicher. Da gibt es schon einen persönlichen Bezug. Ich war ein paar Mal dort. Ich würde da auch gern wieder hin. Ich hoffe, dass sie mich noch reinlassen (lacht). Jedenfalls habe ich mit dem Buch schon begonnen, als ich das dritte Mal am Athos war. Natürlich ist es dort ein großes Thema – keine Frauen zugelassen. Da hat es mich natürlich gejuckt. Da habe ich mir gedacht, ich bringe einfach eine hin. Wobei ich vom Plot her nicht von Anfang an wusste, wohin die Reise geht. Irgendwann war klar, sie würde auch nach Griechenland und – Tabubruch – zu den Klöstern am heiligen Berg kommen. Wobei ich auch nicht wusste, ob das das Ende der Reise sein wird.

… ein Stichwort. Wird es weitere Bücher geben?
Keine Ahnung. Weiß ich nicht. Vorstellbar ist es schon. Aber irgendwie hat mich der Erfolg eingeschüchtert. Oft denk ich mir, „sowas krieg ich nie wieder zamm“. Aber ich glaub schon. Einfach, weil es eine lässige Tätigkeit ist, bei der man sich mit niemandem arrangieren muss, außer mit sich selbst. Man braucht sich mit niemandem verabreden und wenn man einen Tag hat, an dem man Skifahren gehen will, geht man einfach Skifahren. Diese Ungebundenheit und Freiheit – das ist schon lässig. Kann ich mir also gut vorstellen. Aber nicht jetzt. Im Moment denke ich gar nicht darüber nach, weil wirgerade in den Startlöchern für die Tour stehen. Die haben wir ja coronabedingt verschieben müssen. Eigentlich hätten wir heute einen Auftritt in Köln. Wurde alles nach 2021 geschaufelt. Der Start der Tour ist für April geplant. Ob es dann auch so sein wird, wird die Zeit zeigen. Im Moment ist es nicht absehbar, wo wir in einem halben Jahr stehen werden. Jedenfalls ist diese Tour im Moment so präsent bei mir, dass ich mir schwer vorstellen kann, was Neues zu beginnen, wo das andere Neue noch gar nicht gscheit draußen ist. Wobei ich mir über den Winter eh auch irgendwas suchen muss, weil Skifahren alleine ist zu wenig. Vielleicht komponiere ich was. Oder ich lern ein neues Instrument.

Wie viele spielen Sie eigentlich?
Weiß ich nicht. Ich spiel fast alles, außer Streichinstrumente. Flöten zum Beispiel. Ich spiele Holz- oder Bambusflöten, aber keine Klappenflöten. Das wäre so eine Winterprojekt. Vielleicht kauf ich mir eine Flöte und nehme ein paar Stunden.
(kurze Pause)
Oder ich schreibe wirklich was. Dafür fehlt mir im Moment aber die Idee für einen Plot, der spannend genug wäre.

„Brenna tuat’s guat“ wurde zur Hymne des systemkritischen Widerstands. Sie gehen aber auch einen Schritt weiter und engagieren sich zum Beispiel für das Klimaschutzvolksbegehren. Warum? Was treibt Sie da an?
Das ist nicht irgendwann aufgetaucht. Ich habe das Gefühl, das ist in meiner DNA drin. Ich hatte das Glück, in der Natur oder zumindest sehr nahe der Natur aufzuwachsen. Jetzt habe ich – vielleicht aufgrund meines Alters – feststellen müssen, dass die Natur immer weiter zurückweicht oder anders, der Mensch immer weiter vordringt. Hinein in die unberührten Teile dieser Welt. Und ich sehe auch, welcher Schaden damit angerichtet wird. Ich bin sehr viel gereist und habe dabei auch die ungleiche Verteilung der Ressourcen und des Lebensglücks kennengelernt. Und erkannt, wie wichtig es ist, eine Solidarität zu leben, ein Miteinander. Dass Teilen wichtig ist. Das habe ich auch erfahren in Zeiten, in denen ich selbst nichts gehabt habe. Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, dass die Gerechtigkeit auf der Welt mehr wird. Ich glaube, das tut sie auch. Ich glaube, dass die Welt jetzt eine bessere ist, als sie es vor hundert Jahren war. Dieses „alles geht den Bach runter“ kann ich nicht unterschreiben. Es ist aber auch eine Tatsache, dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht, und das darfs nicht sein. Das führt nämlich auch dazu, dass es Migrantenströme gibt und dass Landstriche die Menschen nicht mehr ernähren können. Es ist ebenfalls eine Tatsache, dass wir aus allen Nähten platzen und die Klimaveränderung in den nächsten Jahren DIE große Herausforderung für die Menschheit sein wird. Das Ganze wird aber nur funktionieren, wenn die Menschen wieder zueinanderfinden. Und wenn wir erkennen, dass diese Solidarität nicht bei den Menschen aufhört. Das geht auch in die Natur hinein. In die Tier- und Pflanzenwelt, mit der ich sehr verbunden bin.

Kann man dieses ökologische Engagement auch in Ihrem Haushalt sehen? Was kommt bei Hubert von Goisern in den Kühlschrank? Was landet auf dem Teller?
Hm. Wir kaufen kein Fleisch in einer Metzgerei.

… ok, wo sonst?
Bei den Jägern. Oder bei befreundeten Bauern, die Schafe haben und das Fleisch direkt vermarkten. Wir kaufen da immer entweder ein ganzes oder ein halbes Schaf. Außerdem fische ich leidenschaftlich gern. Wobei ich nicht so viele fange, wie wir essen (lacht). Hin und wieder, alle paar Jahre einmal, fahre ich rauf nach Skandinavien, nach Lappland, fische dort eine Woche und komme mit einer tiefgekühlten Fuhre nach Hause. Außerdem habe ich vor ein paar Jahren angefangen, Kartoffeln anzubauen. Am eigenen, kleinen Acker. 10 Quadratmeter. Ich baue da nur Mehlige an. Es ist viel Arbeit und ein kleines Wunder. Du gibst ein paar rein und im Herbst, nur durch Sonne und Regen, entsteht da in der Erde was ganz Großartiges.

Ein hohes Maß an Selbstversorgung also.
Archaisch irgendwie.

Eine kurze Nachfrage zum Fleisch. Ich kann nachvollziehen, kein Fleisch aus industrieller Zucht und Haltung zu kaufen. Billigfleisch im Supermarkt zu kaufen, würde mir auch nie einfallen. Aber kein Fleisch von Metzgern? Das ist Handwerk, das wäre mir zu streng.
Das stimmt schon, es gibt Metzger und Metzger. Ich habe früher öfter in einer Bio-Metzgerei im Mühlviertel eingekauft (Anm: Sonnberg). Das ist aber letztlich zu weit weg. Mir geht es darum, dass ich weiß, wo das Tier herkommt und wie es aufgewachsen ist. Ich bin total fassungslos über die politische Inaktivität bei der Aufgabe, das Thema Tiertransporte in den Griff zu bekommen. Das ist einfach (wird lauter, kommt fast in Rage) eine unglaubliche Sauerei. Das Problem ist nur mit politischem Willen zu lösen, und ich habe keine Ahnung wovor sich die Politiker so anscheißen.

Großartig. So kenne ich den Rebellen Hubert von Goisern. Vielen Dank für das herbstliche und herzliche Gespräch. 


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Foto Jürgen Schmücking

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