Weniger, aber besser

Essay von Dirk Hohnsträter

Wer einen Kaffee trinkt, sich neue Schuhe oder einen Beistelltisch kauft, bezieht Position. Denn jedes Mal, wenn wir uns materielle Dinge zulegen, könnten wir genauso gut etwas anderes tun: einen Tag lang auf Koffein verzichten, den abgetretenen Absatz austauschen lassen oder einen bereits vorhandenen Hocker zu einem Tisch umfunktionieren. Kaufen wir stattdessen lieber etwas Neues, beziehen wir Stellung für die Neuanschaffung und gegen andere Formen, unsere Zeit zu verbringen.

Da die meisten Menschen auf den Neuerwerb von Dingen jedoch weder verzichten können, noch ohne ihn auskommen wollen, stellt sich die Frage nach der Positionierung durch den Konsum ein zweites Mal. Etwas zu kaufen bedeutet nämlich, aus unzähligen Möglichkeiten eine bestimmte auszuwählen – und also Position zu beziehen. Begrenzt nur durch das eigene Budget und die Lieferbarkeit des Begehrten, ist das Warenangebot in den Wohlstandsgesellschaften der Welt schlichtweg unüberschaubar. Jeder Supermarkt bietet zehntausende unterschiedliche Produkte an, im Onlinehandel ist die Zahl der verfügbaren Güter praktisch unbegrenzt. Welche soll man wählen? Wie kann man eine gute Entscheidung treffen?

 Es geht darum, was uns wichtig ist, wie wir leben wollen, was uns selbst und anderen Menschen gut tut und den Planeten schont. 

Längst bedeutet Positionierung durch den Konsum mehr als das Signalisieren von sozialem Status. Es geht darum, was uns wichtig ist, wie wir leben wollen, was uns selbst und anderen Menschen gut tut und den Planeten schont. Mit anderen Worten: Es geht um Qualität. Wer auf Qualität setzt, legt Wert auf ein gutes Leben. Nicht alles, was ein gutes Leben ausmacht, kann man für Geld kaufen, doch da der Konsum in der modernen Welt nun einmal zum Leben dazugehört, kann es zur Lebensqualität beitragen, besser zu konsumieren. Nur, was heißt das konkret? Woran lässt sich Qualität erkennen? Wie kann man sie ausfindig machen? Klassische Anhaltspunkte für die Hochwertigkeit von Alltagsgegenständen sind Material Verarbeitung, Funktion und Form. Nehmen wir zum Beispiel einen Stuhl. Man kann darauf achten, ob das Material, aus dem er gemacht wurde, etwas taugt und ob es überhaupt zur Herstellung eines Stuhls geeignet ist. Es stellt sich die Frage, wie sorgfältig es verarbeitet wurde, auch in den Details und da, wo man zunächst nicht so genau hinsieht. Zentral ist zudem, ob der Stuhl seinen Zweck erfüllt, also ob er stabil und bequem genug gemacht ist, damit Menschen von unterschiedlicher Statur gut darauf sitzen können. Und schließlich geht es um die formale Anmutung, bei deren Beurteilung subjektive Geschmacksvorlieben im Vordergrund stehen.

Zu den vier klassischen Kriterien tritt jedoch noch ein fünftes, das vielfach übersehen, aber immer bedeutsamer wird, nämlich die in einem umfassenden Sinn verstandene Wirkung eines Gegenstands. Hier geht es darum, was die Sachen mit denen, die sie gebrauchen, die sie herstellen und mit der natürlichen Umwelt machen.Im Fall eines Stuhls ist das zunächst einmal das Sitzerlebnis. Stühle erziehen ihre Nutzer geradezu, indem sie die Sitzenden je nach Gestaltung faul oder nachdenklich oder aufmerksam stimmen. Gegenstände stimulieren bestimmte Seiten der menschlichen Natur – sie „positionieren“ uns. Zu einer umfassend verstandenen Wirkung zählen darüber hinaus aber auch Effekte auf Mensch und Planet, also die Produktionsumstände und der ökologische Fußabdruck. Wie ergeht es den Menschen, die an der Herstellung eines Stuhls beteiligt sind? Wie schonend wird mit begrenzten Ressourcen umgegangen und wie langlebig ist ein Objekt? Könnten künftige Generationen, die vielleicht ganz anders leben wollen als wir, etwas Neues mit diesem Stuhl anfangen, anstatt ihn wegwerfen zu müssen? Wo solche Fragen gestellt werden, haben wir es mit einem erweiterten Qualitätsverständnis zu tun, das über die eher funktionaltechnische Auffassung des Industriezeitalters hinausreicht und danach fragt, ob und in welchem Sinn materielle Dinge das Leben besser machen.

Wer Kaufentscheidungen am Leitfaden der fünf Kriterien trifft, verfügt über eine brauchbare Orientierung. Doch in Anbetracht der Fülle des Angebots, raffinierter Verführungsstrategien und knapper Zeit, fällt die Anwendung im Alltag schwer. Wie kann man vorgehen, um das qualitativ Hochwertige vom weniger Gelungenen zu unterscheiden?
Der wohl wichtigste Rat lautet: zur Qualität (im Sinne von Güte) findet man über die Qualitäten (also die Eigenschaften und das Erleben eines Produkts) dadurch, dass man sich mit den Dingen und ihrer Beschaffenheit auseinandersetzt. Das erfordert Zeit. Abkürzungen wie etwa Gütesiegel oder Punktebewertungen können uns diese Mühe nur begrenzt abnehmen, da es beispielsweise von Bio-Siegeln unterdessen so viele gibt, dass man sich wiederum mit deren Qualität beschäftigen müsste, um sie einschätzen zu können. Und dass ein Wein, sagen wir, 95 von 100 vergebenen Punkten eines Kritikers erhalten hat, hilft wenig, wenn er gar nicht zu dem Gericht passt, das er begleiten soll. Am Beispiel des Weins wird anschaulich, dass Qualität ein Verhältnisbegriff ist, der die jeweilige Situation ins Urteil einbeziehen muss. Es geht nicht um ein abstraktes Perfektionsideal, sondern darum, das Beste aus den jeweils gegebenen Umständen und den eigenen Möglichkeiten zu machen.

Die gute Nachricht lautet, dass eine solche Haltung viel Spielraum eröffnet und es keineswegs mühsam sein muss, sich auf die Suche nach Qualität zu begeben. Im Gegenteil, es kann viel Freude bereiten, zum Beispiel seinen Gaumen zu trainieren, im Freundeskreis vergleichende Verkostungen vorzunehmen oder auf Weingütern mit Kennern und Könnern ins Gespräch zu kommen. Am Kulinarischen zeigt sich auf besonders genussreiche Weise, wie Qualität entdeckt werden kann, nämlich indem Menschen ihre Sinne schulen, sich intensiv mit den Dingen beschäftigen und unterscheiden lernen. Einem zeitgemäßen Qualitätsverständnis geht es deshalb auch weniger darum, vorab festgelegte, messbare Kriterien abzuprüfen, wie wir es von den klassischen Warentests kennen, als vielmehr mit einer entdeckerischen, sich neue Nuancen erschließenden Haltung an die Dinge heranzugehen. Wertschätzung entwickelt sich, wenn Menschen über ihre Eindrücke ins Gespräch geraten, sich kundig machen und ihre Begeisterung teilen. So entsteht wie von selbst eine Art informierte Intuition, ein Gespür für diejenigen Dinge, die das Leben wirklich bereichern. Vieles von dem, was letztlich niemandem wohl tut, fällt dann automatisch durchs Raster, während gut gemachte Dinge umso intensiver erlebt werden. Weniger, aber besser.

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Tipp der Redaktion
Gespräch mit Dirk Hohnsträter im
ORIGINAL Podcast
original-magazin.at/podcast


Dirk Hohnsträter ist Kulturwissenschaftler, Autor und Experte für kulturelle Aspekte der Wirtschaft. Er leitet die Forschungsstelle Konsumkultur der Universität Hildesheim und ist Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin. Im Wiener Brandstätter Verlag erschien 2021 sein Buch „Qualität! Von der Kunst, gut gemachte Dinge zu entdecken, klug zu wählen und genussvoll zu leben.“
Foto Julia Steinigeweg


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