Wir machen Zukunft

Von Evelyn Oberleiter

Die globale Wirtschaftskrise darf nicht zu einer unternehmerischen Starre führen. Diese konkreten Schritte können Politik und Unternehmer für einen nachhaltigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft jetzt setzen.

„Wir brauchen einen ,Reset‘-Prozess, um die durch Corona ausgelöste Krise in eine alles erneuernde Kraft zu transformieren!“ Aussagen wie diese hört und liest man seit Monaten europaweit zuhauf und ich bin überzeugt davon. So sprach sich selbst die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel am 28. April beim Petersberger Klimadialog öffentlich für einen zügigen klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft aus und unterstützt den Green Deal von der Leyens. Dieser sieht vor, dass Europa bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden soll. Was ganz konkret kann die Politik regional wie national dazu beisteuern und wie denken und handeln einzelne Unternehmer oder Führungskräfte, die die aktuelle Krisenbewältigung mit ökonomischer und ökologischer Zukunftsfähigkeit verbinden wollen, um richtungsweisend voranzuschreiten?

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Das historische Zeitfenster nutzen: Politiker sind aufgefordert!
Die wochenlange Totalbremsung des gesellschaftlichen Lebens und der Wirtschaft, die von China ausgehend in schnellen Schritten die ganze „westliche“ Welt erfasst hat, trifft die Industrie, den Handel, die Dienstleister, Touristiker und Handwerksbetriebe schwer. Sie alle sind nun auf staatliche Unterstützungen wie Kredite, Kurzarbeitergelder und Förder-Programme angewiesen. Gleichzeitig ist der Stellenwert von Gesundheits-, Umwelt- und Klimaschutz in der Bevölkerung stark gestiegen. Glaubt man neuesten Umfragen, so wünscht sich über die Hälfte der Bevölkerung in Europa ein rasche, solidarische und nachhaltige Neuordnung von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Politik steht somit vor der Herausforderung, einerseits der gebeutelten Wirtschaft unter die Arme zu greifen und andererseits dem neuen Bewusstsein der Menschen für Klima-, Gesundheits- und Umweltfragen Rechnung zu tragen. Wie kann das gehen?
Hier einige konkrete Beispiele, was die Politik tun kann, um sowohl den Bedürfnissen der Wirtschaft als auch jenen der Gesellschaft gerecht zu werden und die Zukunftsfähigkeit sicherzustellen:

Unternehmen und Institutionen mit finanziellen Anreizen dazu animieren, Klimaneutralität bzw. Klimapositivität anzustreben und einen Plan zu ihrem Beitrag an der Erreichung der SDGs (Sustainable Development Goals, UN Agenda 2030, Anm.) vorzulegen und zu verfolgen.
Eine Strategie definieren und umsetzen, die hinführt zu einer Kreislaufwirtschaft mit viel regionaler Wertschöpfung, transparenten Lieferketten und geschlossenen Materialkreisläufen

Eine völlige Abkehr von der industriellen Landwirtschaft als bodenzerstörerisches und klimaschädigendes Business beschließen und in eine regenerative Landwirtschaft mit vielfachem Mehrwert (Bodenaufbau, CO2-Senke, 70 % geringerer Wasserverbrauch, 50 % weniger Dünger u.a.m.) investieren

Sämtliche nicht zukunftsfähige Branchen und alle nicht im Einklang mit ökologischen Prinzipien (z.B. fossile Brennstoffe, Umweltverschmutzung u.a.) und der Achtung der Menschenwürde arbeitende Unternehmen konvertieren, das heißt Fördergelder an einen „nachhaltigen“ Umbau koppeln.

Sukzessive Steuern (Mehrwertsteuer, Einkommenssteuer u.a.) für Unternehmen senken, die die Fähigkeit der Natur, Leben zu erhalten, respektieren. Das sind im Speziellen jene Unternehmen,
.die „gute“ Produkte herstellen, indem sie zum Beispiel Eco-Design anwenden oderKreislaufwirtschaft aktiv umsetzen und demnach keinen Abfall produzieren.

. nur mit erneuerbaren Energien arbeiten.
.deren Produktionsprozesse effizient sind.
.die keine Giftstoffe verwenden oder erzeugen.
.die keine Luft-, Wasser- und Umweltverschmutzung erzeugen.
.die keine Treibhausgase ausstoßen.
.die neue, über das klassische Besitzdenken hinausgehende Geschäftsmodelleals Ausdruck einer „sharing economy“ entwickeln und umsetzen.
.die lokale und sektorale Kooperationen,ine interne Wir-Kultur und Sinnorientierung pflegen.
.die auf die physische und psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter achten.
.die klimaneutral wirtschaften.

Die Player der Finanzindustrie sofort zum Nachweis der Einhaltung der Werte der Menschenwürde und der ökologischen Nachhaltigkeit verpflichten und diese in all ihren Produkten als wesentlichen Baustein bewerten.
Ein ökologisches Wissen und Verhalten, ein neues Wirtschaftsnarrativ sowie Kooperationsfähigkeit als feststehende Bestandteile im Bildungssystem auf allen Bildungsebenen integrieren.

Wo ein Wille, da ein Weg – das hat die Politik in der Corona-Krise deutlich bewiesen und sich handlungsstark wie nie zuvor gezeigt. In Bezug auf die Klimakrise, den Verlust der Biodiversität und die Umweltverschmutzung, die für alles Leben auf der Erde existenzbedrohend sind, sowie auch in Bezug auf die weltweite soziale Ungerechtigkeit fordern nun viele Menschen ein ähnlich beherztes Vorgehen von der Politik.

Jetzt braucht es Mut und Kreativität: So gelingt der „Reset“ in Unternehmen
Auch für Unternehmer und Führungskräfte gilt es nun die Weichen auf Zukunft zu stellen. Weiterhin bleiben viele zentrale Faktoren für diese schwer kalkulierbar: Wie wird sich der Konsum verändern? Welchen Einfluss haben die strengen Hygienerichtlinien und die Angst vor einer zweiten Welle auf Arbeits- und Produktionsbedingungen sowie auf das Konsumverhalten der Menschen? Wie schnell kommen Fördergelder an und werden sie ausreichen, um Unternehmen, Verbraucher und Selbstständige über Wasser zu halten? Fragestellungen, die aktuell Unternehmer und Führungskräfte vieler Branchen umtreiben. Fremdbestimmt und nicht steuerbar, nimmt ein Teil von ihnen die derzeitige Gesamtsituation wahr. Doch zunehmend mehr Unternehmer entdecken diese Krise auch als historische Chance, einen umfassenden „Reset“ für das Unternehmen und sich selbst zu wagen. Sie erkennen die Möglichkeit, bestehende Muster komplett umzustrukturieren, sich neue Ziele zu setzen, neue Strategien zu entwickeln und den Betrieb neu und moderner aufzustellen – und im besten Fall sogar gestärkt und zukunftsfit aus der Krise hervorzugehen.
Was sind die konkreten Schritte, die jetzt von Unternehmern und Führungskräften unternommen werden können?

Ein neues Zukunftsbild entwickeln
Was kann in der Welt nach Corona noch funktionieren? Alte Traditionen, Glaubenssätze und Denkmuster kommen nun radikal auf den Prüfstein. Kombiniert mit der Analyse großer sozioökonomischer Trends können die Erkenntnisse in ein neues Zukunftsbild für Wirtschaft und Unternehmenswelt einfließen, von dem aus dann die Strategien, die Organisationen und Verfahren, die Produkte und Geschäftsmodelle komplett neu gedacht werden.

Das Leadership-Mindset hinterfragen
Welche Kompetenzen müssen Führungskräfte haben, um zukunftsrelevante Themen aus Gesellschaft, Nachhaltigkeit, Wirtschaft und Markt in das Unternehmen zu integrieren? Von welchem Menschenbild sind sie inspiriert und was wollen sie bewirken?

Loslassen und Lernen
Die Zeitqualität ist mehr als günstig, um mutig den gesamten Betrieb zu durchleuchten und aufzuräumen. Da hilft die Frage: Wovon kann und will man sich trennen, was kann übernommen und was muss erneuert werden? Welche Erkenntnisse, welche Lehren nehmen wir aus der Krise mit in die Zukunft? Wo haben wir uns jetzt schon radikal verändert?

Imagewandel einleiten
Ein neues Bekenntnis, eine neue, entschlossene Unternehmensausrichtung führt schnell zum Imagewandel und mit diesem lassen sich neue Geschäfts- und Kooperationsmodelle erstellen. Es können bessere Produkte entwickelt werden, die Marktlücken schließen und den Anforderungen der Zeit gerecht werden. So könnten Produktionsprozesse zum Beispiel ressourcenschonend verlaufen und das gesamte Unternehmen könnte von Grund auf klimaneutral gestaltet werden.

Achtsamkeit in der Unternehmenskultur
Weniger Termine, kein Jetlag, mehr Familienleben – der Mensch ist „runtergekommen“ und achtet mehr als vor der Krise auf die Balance von Körper, Geist und Seele. Er geht achtsamer mit seinen Ressourcen um. Das betrifft den eigenen Körper ebenso wie Mitmenschen, Nahrung, Wasser und wertvolle Lebenszeit. Gemeinschaften, ein Team, auf das Verlass ist, und ein intensiver Austausch sind nun besonders gefragt. Diese Entwicklung können Unternehmen wunderbar für die Neugestaltung ihrer Unternehmenskultur nutzen und sich so langfristig als hochwertige Arbeitgebermarke positionieren.

Weg vom IQ, hin zum „WeQ“
Die Ich-Kultur gehört immer mehr der Vergangenheit an, jetzt ist Schwarmintelligenz gefragt. Think Tanks und Share-Economy machen es vor: kollektiv Potenziale ausloten und nutzen. Denn spätestens nach der gemeinsam durchgestandenen Pandemie findet ein Paradigmenwechsel auf nahezu allen Ebenen statt.

Digitale Konzepte
Viele Unternehmen haben nun Konzepte für digitale Meetings und die Arbeit vom Homeoffice aus erarbeitet, Online-Schulungen und virtuelle Dienstleistungen entwickelt, und zwar über alle Grenzen hinweg. Das spart auch langfristig Zeit, Geld sowie CO2-Emissionen und könnte ihren künftigen Firmenalltag prägen.
Im deutschen Sprachgebrauch ist Resilienz auch als „Die Kunst der Stehaufmännchens” bekannt und bedeutet, aus Phasen hoher Belastungen, Krisen und widrigen Umständen optimalerweise sogar gestärkt hervorzugehen. Diese Schritte helfen dabei, um wieder aufzustehen und sich als Unternehmen gesund und kräftig weiterzuentwickeln.

Es ist an der Zeit, umzudenken und zu handeln.
Die Besinnung auf regionale Kapazitäten, Lagerflächen und Produktionsstandorte sowie die Entwicklung innovativer Vertriebswege werden sich messbar auf Wirtschaftskreisläufe und Lieferketten auswirken. Auch soziale und natürliche, faire und gesunde Produkte spielen branchenübergreifend eine immer wichtigere Rolle. Darauf müssen sich Politik wie Unternehmen einstellen. Also, machen Sie mit – ob als Politiker, Unternehmer oder Konsument. Die Corona-Maßnahmen werden zahlreiche wirtschaftliche, gesundheitliche, nicht zuletzt lebensrettende Vorteile für uns alle mit sich bringen: Technologisch, ökologisch und sozial. Seien Sie ein Teil davon! 

Evelyn Oberleiter ist Mitbegründerin des Terra Institute (www.terra-institute.eu) und als Executive Coach und Nachhaltigkeitsberaterin europaweit tätig. Das Terra Institute ist ein Beratungsunternehmen mit internationaler Projekterfahrung in Geschäftsmodellinnovation, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft sowie Sinnzentrierung und transformativem Leadership.

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