Wirklicher Wandel

Illustration Bianca Tschaikner

Essay von Dirk Hohnsträter

Warum ist es so schwer, eine nachhaltige Entwicklung auf den Weg zu bringen? Verhält sich die Sache nicht eigentlich ganz einfach? Wir kennen die Fakten, wissen, was auf dem Spiel steht und was zu tun wäre. Die meisten Menschen teilen das Ziel, und doch hakt es bei der Umsetzung, im Politischen ebenso wie im eigenen Leben. Woran liegt das?
Psychologen sprechen von der Einstellungs-Verhaltens-Lücke, und haben für die Kluft zwischen Worten und Taten eine Reihe einleuchtender Erklärungen gefunden. Zum Beispiel, dass Menschen sich durch eine tiefsitzende Verlustaversion auszeichnen und deshalb Gewohntes dem Unvertrauten vorziehen („Hat doch bisher immer gut funktioniert.“). Oder dass sie zur Vermeidung sogenannter kognitiver Dissonanzen neigen, sprich, sich mit fadenscheinigen Gründen fragwürdige Handlungen schönreden, weil die Konfrontation mit den eigenen Unzulänglichkeiten unangenehm wäre („Bio ist doch auch nur ein Betrug“).
Einsichten aus der Entscheidungsforschung können dabei helfen, Haltung und Handlung näher zueinander zu bringen – zum Beispiel, indem Verhaltensanstupser (sogenannte Nudges) zum Einsatz kommen. Klassisches Beispiel: Steht auf dem Schreibtisch ein Obstteller anstatt einer Schale voller Süßigkeiten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Angestellten am Arbeitsplatz gesünder ernähren. Doch Nudges haben nur eine begrenzte Reichweite – und es handelt sich um eine gleichsam untergejubelte Form der Verhaltensänderung, nicht um einen grundlegenden Wandel von unten. Eine echte Transformation muss deshalb tiefer ansetzen.
In seiner Abhandlung über die „Wirksamkeit“ vergleicht der französische Sinologe François Jullien europäisches Denken mit altchinesischen Weisheitslehren. Im vierten Kapitel nimmt er eine überraschende Unterscheidung vor. Er differenziert nämlich zwischen Handeln und Transformation. Beim Handeln (Jullien spricht auch von Aktion) werden Mittel eingesetzt, um einen Zweck zu erreichen. Man nimmt eine Sache in Angriff – doch das bringt unvermeidlich Vorbehalte auf den Plan und ruft Widerstand hervor. Der Weg der Aktion ist kostspielig, denn ständig gilt es, Gegenkräfte zu bekämpfen, und er ist riskant, denn der Kampf kann auch verloren werden. So gesehen ist es keine gute Idee, eine nachhaltigere Welt durch Autorität durchsetzen zu wollen. Aber wie sähe ein aussichtsreicheres Vorgehen aus? Jullien folgend, könnte es in dem liegen, was er Transformation nennt. Transformation versucht, das Verhalten mit den Dingen und Umständen in Einklang zu bringen. Man macht es der gewünschten Wirkung leicht, indem man Situationen schafft, die ihr Eintreten begünstigen – bis sie sich gleichsam von selbst durchsetzt und unausweichlich wird. Transformation, schreibt Jullien, wirkt indirekt und langsam, „ohne dass man auf die Situation Druck ausüben oder sich verausgaben müsste“.
Ein naheliegender Einwand dagegen, in Sachen Nachhaltigkeit auf Julliens Wirksamkeitslehre zu setzen, liegt in ihrer Vorstellung von Temporalität. Haben wir noch genug Zeit, um den zwar tieferen, aber eben auch langsameren Weg der Transformation zu gehen? Darauf lässt sich antworten, dass der Weg der „Aktion“ nicht nur bislang nicht zum Erfolg geführt hat, sondern seiner aggressiven Art wegen auch nie zu einem nachhaltigen Erfolg führen kann – stets regte sich nämlich neuer Widerstand.
Transformation im Sinne Julliens hingegen ist selbst schon eine nachhaltige, weil ressourcenschonende und energiesparende Verhaltensweise, bereits auf dem Weg dem Ziel ähnelnd.
Während das Handeln mehr verspricht, als es hält, hält die Transformation mehr als sie verspricht: „Im Unterschied zur Aktion, die immer spektakulär ist und daher einen theatralischen Aspekt hat, löst sich ihre Wirkung in der Situation auf.“ An die Stelle des Theatralischen – von der nächsten klangvollen Agenda bis zum Greenwashing – tritt ein leiser Wandel, der sich aus vielen winzigen Elementen zusammensetzt, die allmählich ein Momentum ergeben: „Wie klein auch der Ausgangspunkt sein mag, durch fortschreitende Akzentuierung kommt man zu den entscheidendsten Ergebnissen.“
Im Alltag lässt sich die Philosophie der Transformation am Beispiel der Ernährung anschaulich nachvollziehen. Wer gute, also ebenso genussreiche wie sozial und ökologisch verträglich hergestellte Lebensmittel sucht, kann sich entweder auf Verordnungen, Zertifikate und die Urteile von Autoritäten verlassen (das entspräche der Handlung) oder aber beginnen, sich selbst mit den Dingen zu beschäftigen, sich zu informieren und zu verkosten, seine Sinne zu schulen, Nuancen zu erschmecken, sich auszutauschen und auf diesem Weg zu einer Kennerin zu werden. Das entspräche der Transformation. Während der erste Weg äußerlich bleibt, sorgt der zweite dafür, dass sich allmählich und gleichsam indirekt eine Art informiertes Gespür für das Gelungene einstellt. Ist einem das Gelungene erst einmal geläufig, kostet es kaum mehr Überwindung, sein Leben danach auszurichten. Die Wahrnehmung verschiebt sich, und das schlecht Gemachte (selbst wenn es ein Gütesiegel trägt) sinkt unter den Radar. Es erledigt sich von selbst.
Damit ist ein letztes Element der Transformation angesprochen, das auf dem Weg zu einem nachhaltigen, guten, in einem umfassenden Sinn auf Qualität ausgerichteten Leben gar nicht genug hervorgehoben werden kann: dass nämlich keineswegs alles in heroischer Weise neu erfunden werden muss. Ganz so, wie Lehrlinge in einer Werkstatt oder Schüler in einem Atelier weniger durch Anweisungen lernen als dadurch, dass sie Umgang mit Meistern und Meisterstücken haben, geht es darum, sich auf Qualität einzulassen und Geschichten vom Gelingen zu erzählen. So lässt sich ein Gefühl für gut Gemachtes ebenso entwickeln wie für die Machbarkeit des Guten. Wie die neue Qualitätswirtschaft zeigt, geht schon jetzt erstaunlich viel. Es kommt eigentlich nur darauf an, das Momentum zu ergreifen, seinen Schwung zu verstärken und den Boden für die nächste Bewegung zu bereiten.
Von einer Neuausrichtung des Denkens ist in der Nachhaltigkeitsdiskussion viel die Rede. Und es stimmt: Menschen müssen lernen, in Zusammenhängen zu denken und den eigenen Tunnelblick zu verlassen. Doch eine wirkliche Transformation – das zeigt François Julliens Wirksamkeitslehre – greift noch tiefer. Sie verlangt eine andere, klügere, indirekte Art des Verhaltens, die den Wandel geradezu mühelos voranbringt: „Man sieht den Fluss nicht sein Bett graben, und dennoch liegt in diesem unmerklichen Ablauf die Realität der Landschaft und des Lebens.“


Dirk Hohnsträter ist Kulturwissenschaftler, Autor und Experte für kulturelle Aspekte der Wirtschaft. Er leitet die Forschungsstelle Konsumkultur der Universität Hildesheim und ist Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin. Im Wiener Brandstätter Verlag erschien 2021 sein Buch „Qualität! Von der Kunst, gut gemachte Dinge zu entdecken, klug zu wählen und genussvoll zu leben.“


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