Wo wir herkommen

Die PM3 wird nach 70 Jahren auf die Herstellung von Verpackungsmaterialien umgerüstet.

Text von Sarah Kleiner , Fotos Stefan Fürtbauer

Die Papierindustrie erlebt Zeiten des Umbruchs. Wie sich Onlinehandel und Energiepreise auf die gesamte Branche auswirken, haben wir bei unserem eigenen Produzenten erfahren.

In der Werkhalle der Papiermaschine PM3 riecht es nach Kalk. Die Luft ist feucht, eine Schicht aus weißem Papierstaub hat sich mit den Jahren über die metallenen Teile der Maschine gelegt, als wäre sie mit Staubzucker gepudert. Die dutzenden Walzen und Lager, Ventile und Rohre in allen Formen und Durchmessern erzeugen einen tosenden Lärm. Die PM3 wird von den Mitarbeitern der Norske Skog in Bruck an der Mur auch liebevoll Emma genannt, die dahinterstehende Anekdote ist aber über die Jahrzehnte verloren gegangen. Emmas Aufbau wurde 1953 noch aus Geldern des Marshall Funds finanziert, die von ihr hergestellten Zeitungspapiere sollten eine junge, aufstrebende Demokratie stärken. Dieses Jahr wird Emma im digitalen Zeitalter ankommen. Ab November wird die PM3 Rohpapier für Wellpappe produzieren.

Grafisches Papier ist seit Monaten eine schwer verfügbare Ware und wird das in Zukunft vielleicht noch mehr werden.

Vielleicht haben Sie es schon bemerkt. Das Papier dieser Ausgabe des ORIGINAL Magazins fühlt sich anders an als das früherer Ausgaben. Das liegt an internationalen Entwicklungen, deren Effekte auch vor unserer Bregenzer Redaktion nicht Halt machen. Die Energiepreise steigen, und zwar rapide. Und mit ihnen die Kosten eines für uns essenziellen Produkts: des Papiers. Grafisches Papier ist seit Monaten eine schwer verfügbare Ware und wird das in Zukunft vielleicht noch mehr werden. Denn immer mehr Papierproduzenten rüsten um, Verpackungsmaterialien – Wellpappe, Karton, Papiertüten und -sackerl – versprechen, sich besser zu verkaufen als grafische Papiere für Publikationen. Wir haben die Situation zum Anlass genommen, herauszufinden, wie das Papier entsteht, das Sie in den Händen halten.

Faktor Nachfrage
„Die Konsumation von Zeitungsdruckpapieren geht seit Jahrzehnten stark zurück, und zwar europaweit“, sagt Gert Pfleger. Er ist für Presse und Business Development bei der Norske Skog Bruck GmbH zuständig, einem der größten Hersteller von grafischen Papieren in Österreich. „Wir stehen inzwischen bei einem Drittel des Produktionsniveaus, das noch vor zehn, 15 Jahren üblich war“, erklärt er beim Informationsgespräch zu Beginn unseres Besuchs.

Der Rückgang ist vor allem der Digitalisierung geschuldet, immer mehr Menschen lesen Nachrichten online, nicht mehr in gedruckten Zeitungen. Das Papier für Magazine – wie seit dieser Ausgabe auch das des ORIGINAL Magazins – soll aber weiterhin hier in Bruck an der Mur entstehen, auf der PM4. Nur die „alte Dame“ Emma wird mithilfe einer Investition von 100 Millionen Euro umgerüstet. „Das ist eine ganz logische Entwicklung“, sagt Gert Pfleger, „man steigt in jene Marktsegmente ein, die ein Wachstum aufweisen, und das sind neben Hygienepapieren eben auch die Verpackungspapiere.“ 210.000 Tonnen „Containerboard“ sollen ab kommendem Jahr von Emma hergestellt werden – und sie ist nicht die einzige, die umgewandelt wird.

Auch Prospekte, Flyer und Kataloge werden immer weniger produziert, einerseits aufgrund des Umweltaspekts, andererseits verlagert sich auch die Werbung stärker ins Internet. Und egal ob Onlineversand oder Essens-Lieferservice: Kunststoffverpackungen sind abgesagt, nachhaltige Materialien müssen her, für das grüne Image, und überhaupt für die Umwelt. Die Nachfrage nach papierbasierten Verpackungsmaterialien ist jedenfalls gegeben und wird laut Marktstudien die kommenden Jahre auch weiter steigen. Die Heinzel Group hat bereits die PM10 der oberösterreichischen Laakirchen Papier AG auf die Herstellung von Wellpappenrohpapiere umgerüstet, PM11 folgt. Bis 2023 will man sich laut Pressemitteilung „ganz aus dem Markt für Publikationspapiere zurückziehen“. Mit dem Umbau von Emma bleibt dann nur noch UPM Kymmene in Steyrermühl als Erzeuger von Zeitungspapier in Österreich übrig. In Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Ländern zeigt sich ein ähnliches Bild.

Faktor Rohstoffe und Energie
Die rückläufige Nachfrage ist aber nur ein Grund, der die aktuellen Papierpreise in die Höhe treibt. „Die Hauptursache für die gestiegenen Preise bei grafischem Papier war bis Mitte vergangenen Jahres, dass die Rohstoffpreise so stark gestiegen sind“, sagt Thomas Salzer. Er ist Geschäftsführer und Eigentümer der Salzer Papier GmbH in St.Pölten, der kleinsten Papierfabrik im Land, die unter anderem mit holzfreien, nicht vergilbenden Buchpapieren im Sortiment in einer Marktnische angesiedelt ist. „Zellulose aber auch Altpapier und, wo sie noch eingesetzt werden, Holzschnipsel für Holzschliff sind teurer geworden“, sagt er.

Beim Altpapier hat sich auch bedingt durch die Lockdowns, während derer viele Drucksorten in reduzierter Auflage oder gar nicht erschienen, eine Spirale deutlich gemacht – denn je weniger Publikationen hergestellt werden, desto geringer ist die Menge des Altpapiers, das aber für die Herstellung von grafischem Papier benötigt wird.

„Der zweite Grund, der dann im vergangenen Herbst den Turbo gezündet hat, ist die Problematik der Energiekosten“, sagt Salzer. Der Preis für die Megawattstunde Gas hat sich im vergangenen Jahr mehr als verfünffacht, die Papierfabriken in Österreich sind aber abhängig davon. Der Einsatz von Öl und Kohle wurde in der Branche auch aus Umweltschutzgründen seit Jahrzehnten reduziert, die Problematik des CO2-Ausstoßes war früher noch nicht so drängend wie heute.

Um Nachhaltigkeit bei der Herstellung von Papier sicherzustellen, sei es laut Salzer „am vernünftigsten, zu überprüfen, was ein Hersteller für ein Managementsystem hat. Gewisse ISO Standards wie ISO 14000 für Umweltmanagement gewährleisten, dass Nachhaltigkeit in der Produktion berücksichtigt wird.“ Darüber hinaus gäbe es – da man sich im holzbasierten Rohstoffsektor befindet – Waldzertifizierungssysteme wie FSC und das PEFC-Siegel, mit denen holzverarbeitende Betriebe eine nachhaltige Waldbewirtschaftung ihrer Rohstoffe versichern.

Zum ORIGINAL Ursprung
Nach unserem Gespräch führt uns Gert Pfleger an dem klirrend kalten Januartag zu den wichtigsten Stationen des 20 Hektar großen Firmenareals der Norske Skog. An dem Standort in Bruck an der Mur ist schon seit 1881 eine Papiermanufaktur ansässig, sie wurde vor rund 25 Jahren vom norwegischen Großproduzenten Norske Skog aufgekauft. Aus den Produktionsstätten kommt das Papier der größten österreichischen Medienhäuser: Presse, Profil, Kleine Zeitung, Kurier. Norske Skog bleibe auch nach Emmas Umbau als Lieferant von Zeitungspapier bestehen, sagt Pfleger, „das heißt wir werden unsere Kunden von anderen Maschinen beliefern.“

Auch der PM4 statten wir einen Besuch ab und kommen damit zum Ursprungsort des ORIGINAL Magazins. „Die Maschine steht praktisch nie still“, sagt Gert Pfleger, nachdem wir im Kontrollraum Zuflucht gesucht haben, um dem ohrenbetäubenden Lärm zu entkommen. 265.000 Tonnen Papier für Magazine und Illustrierte werden hier in einem Jahr erzeugt, auch das Papier in Ihren Händen stammt aus der 250 Meter langen PM4.
Danach sehen wir den riesigen Holzplatz am Gelände, dessen Holz in der Regel zu 80 bis 90 Prozent aus einem Umkreis von maximal 100 Kilometern stammt und als Nebenprodukt der Waldpflege anfällt, und das großräumige Altpapierlager. „Seit den 1970er Jahren wird an diesem Standort Altpapier eingesetzt, wir waren unter den ersten in Österreich, die das gemacht haben“, sagt Pfleger. Die in der eigenen Säge zugeschnitten Hölzer werden dann in einer Trommel von ihrer Rinde befreit und in einem sogenannten Druckschleifer bei Temperaturen von bis zu 100 Grad vereinzeln sich die Holzfasern für die Papierproduktion. Auch die Trocknung des Papiers und der aufgetragenen Farbe müsse thermisch erfolgen, dabei kommen neben dampfbeheizten Stahlzylindern rund 1.000 Grad heiße Infrarotbrenner zum Einsatz.

Die Energie für diese Prozesse stammt vom firmeneigenen Dampfturbinenkraftwerk. „Wir können all unsere Energie, also Wärme und Strom, selbst aus Gas herstellen, in einer Anlage, die eine Effizienz von über 80 Prozent aufweist“, sagt Gert Pfleger. Die Energie aus dem Kraftwerk ist außerdem Teil der Netzwerkstabilisierung in Österreich und Süddeutschland. Im Februar vor einem Jahr hätte ein flächendeckender Blackout verhindert werden können, weil neben anderen die Norske Skog Bruck 25 Prozent der notwendigen Energie ins Netz eingespeist hat. „Wir helfen also indirekt dabei, dass alternative Energiemodelle ausgebaut werden können“, sagt Pfleger, weil das Stromnetz so stabilisiert werden könne.

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Wie sich die Papierpreise weiterentwickeln werden, hänge vor allem von den Energie- und Rohstoffpreisen ab, meint Gert Pfleger, der seit 30 Jahren in der Branche tätig ist. Er könne sich aber gut vorstellen, dass die Tageszeitung in ferner Zukunft generell zum Luxusprodukt avanciert. Am Magazinmarkt sei ein entsprechender Rückgang der Nachfrage aber nicht zu beobachten, eher eine Diversifizierung. „Ob ‚Der Golfer‘ oder ‚Der Biker‘ – es gibt immer mehr Special Interest Publikationen für die besonderen Interessen der Zielgruppen“, meint Gert Pfleger. Hinsichtlich Publikationen, die sich auf nachhaltige Lebenskultur spezialisieren, können wir diesen Trend durchaus auch selbst bestätigen.

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