Luftige Lochmuster
Das katalanische Familienunternehmen „Ferrés“ in La Bisbal d’Empordà hat sich auf keramische Formsteine spezialisiert, die sich zu ornamentalen Mustern zusammensetzen lassen. Basierend auf einer uralten Bautradition entstand ein zukunftsgewandtes Formenrepertoire, das im Kontext nachhaltiger Architektur an Bedeutung gewinnt.
Von Jutta Nachtwey
Als dieser Artikel entstand, schwitzten wir in Europa quasi um die Wette. Ob in Wien
(38 °C), Berlin (39 °C), Paris (35 °C), Rom (36 °C), Madrid (35 °C), Prag (38 °C) oder Budapest (38 °C) – in Klebrigkeit vereint träumten wir sehnsüchtig von kühlen, schattigen Orten. Dank jahrhundertealter Erfahrungen weiß man sich im Süden architektonisch besser gegen die Hitze zu wappnen. So brachten etwa die Mauren ab dem 8. Jahrhundert das Gitterwerk auf die iberische Halbinsel, das sowohl dekorative als auch klimatische Zwecke erfüllte. Es wurde aus Holz oder Gips gefertigt und diente dazu, Räume abzuschirmen, für Sonnen- und Sichtschutz zu sorgen und zugleich auch natürliche Luftzirkulation zu ermöglichen.


In Katalonien wurde dieses multifunktionale architektonische Gestaltungsmittel weiterentwickelt, indem man modulare Elemente aus Keramik fertigte, etwa in La Bisbal d’Empordà in der Provinz Girona, wo bereits seit dem 16. Jahrhundert örtlicher Ton verarbeitet wird. Im 19. Jahrhundert avancierte die Stadt zu einem renommierten Zentrum der Keramikproduktion. Das dort angesiedelte Familienunternehmen „Ferrés“, 1956 von den Brüdern Enrique und José Maria Ferrés Bosch gegründet, hat sich neben Fliesen auf die licht- und luftdurchlässigen Wandelemente spezialisiert, die im Katalanischen „gelosia“ genannt werden.

Die Herstellungsmethode ist uralt: Lokale Tonmineralien, die hier aus der Erde von La Bisbal und Teruel stammen, werden vermahlen, mit Wasser zu einer Masse vermengt, in Formen gepresst, getrocknet und dann gebrannt. Durch den Einsatz von sogenannten Engoben (dünnflüssigen Tonmineralmassen), natürlichen Oxiden und verschiedenen Glasuren lassen sich zudem zahlreiche Farbvarianten erzielen.
Während die Keramikindustrie in der Region im Niedergang war, fand das Familienunternehmen, das heute von Neus Ferrés und Lluís Ferrés Marcó geführt wird, einen Weg, die handwerklichen Traditionen zukunftstauglich zu machen. Sie erweiterten das Formstein-Sortiment in Kooperation mit Gestaltungsteams wie dem „emiliana design studio“ und „Twobo arquitectura“, die beide in Barcelona ansässig sind. Gemeinsam entwickelten sie ein zeitgenössisches Formenrepertoire, das mit fein aufeinander abgestimmten Farbtönen und teils matten, teils glasierten Oberflächen dazu einlädt, individuelle Muster zu erstellen. Dieser umfangreiche keramische Baukasten ermöglicht es, Fassaden und andere Wände so zu gestalten, dass sie durch Verschattung und Luftzug zur natürlichen Klimatisierung von Gebäuden beitragen – ob Museum, Sporthalle oder Privathaus. Außerdem erzeugen die Formsteine ein wirkungsvolles Licht- und Schattenspiel, das sich im Verlauf des Tages stetig wandelt und der Architektur Lebendigkeit verleiht.
Was im Süden wunderbar funktioniert, stößt weiter nördlich an seine Grenzen: Der Einsatz von „gelosia“ ist in Regionen, in denen die Temperaturen unter 0 °C sinken, im Außenbereich nicht zu empfehlen, weil Frostschäden entstehen können. Die Formsteine lassen sich jedoch auch im Innenbereich vielfältig einsetzen, etwa um Räume in verschiedene Zonen zu gliedern, ohne diese komplett voneinander zu trennen. Das offenporige Material wirkt zudem feuchtigkeitsregulierend, sodass die durchbrochenen Wandelemente das Raumklima verbessern.
Darüber hinaus lassen sich die Module dafür nutzen, dem Interior Design hohe ästhetische Qualitäten zu verleihen. Eindrucksvolles Beispiel: das Gourmet-Restaurant „Disfrutar“ in Barcelona. Hier gestaltete das Architektenteam „El Equipo Creativo“ aus Barcelona ein luftiges keramisches Gewebe aus ornamentalen Mustern, das die grafische Eleganz der 1960er Jahre neu interpretiert. Beim Warten auf die deliziösen Speisen können die Gäste durch die ausgesparten Kreise, Quadrate und Ellipsen genüsslich das Treiben in der Küche betrachten. Ein wahrer Augenschmaus.

Interview Neus Ferrés
In La Bisbal mussten viele Keramikunternehmen schließen. Was ist das Geheimnis eures Erfolgs?
Neus Ferrés: Wir haben stets auf Spezialisierung und handwerkliche Qualität gesetzt, anstatt im Mengen- oder Preiswettbewerb mitzuhalten. Als sich andere Firmen in La Bisbal in Richtung Massenproduktion orientierten oder sich nicht an den Wandel des Markts anzupassen wussten, konzentrierten wir uns weiterhin auf Produkte mit eigener Identität, die sich durch eine hohe Designqualität und Funktionalität auszeichnen. Ein zentraler Aspekt war auch, den Architektinnen und Architekten sowie den Designstudios zuzuhören – zu verstehen, was sie brauchen, und maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln. Und natürlich hat auch die familiäre Kontinuität in schwierigen Momenten für Stabilität und eine langfristige Perspektive gesorgt.
Hat die zunehmende Bedeutung des nachhaltigen Bauens die Nachfrage nach euren Produkten erhöht?
Das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit hat genau das in den Vordergrund gerückt, was Keramik schon seit jeher auszeichnet: ein natürlicher, langlebiger Werkstoff aus lokaler Produktion, dessen Lebensdauer sich in Jahrzehnten oder Jahrhunderten bemisst. Insbesondere die „gelosia“-Elemente reagieren passiv, also ohne aktive Systeme und ohne elektronische Wartung, auf aktuelle Herausforderungen – sie wirken der Überhitzung von Fassaden entgegen und senken den Energieverbrauch bei der Klimatisierung. Wenn Architektinnen und Architekten sowie Bauträger nach nachhaltigen Fassadenlösungen suchen, rückt die Keramik wieder in den Mittelpunkt der Diskussion.
Wo liegen für euch die größten Herausforderungen hinsichtlich der Nachhaltigkeit eurer eigenen Produktion?
Der Keramikprozess erfordert das Brennen bei 1.020 °C, was mit einem erheblichen Energieverbrauch verbunden ist. Die größte Herausforderung ist also, die Produktion zu dekarbonisieren, ohne dabei das zu verlieren, was unser Produkt so besonders macht. Vor drei Jahren haben wir beispielsweise Solarpaneele auf dem Dach installiert, und wir arbeiten daran, erneuerbare Energien in der Trocknungsanlage und für den Betrieb der Öfen einzusetzen. Unser Ziel ist es, unseren Fußabdruck schrittweise zu verringern. Was wir bislang noch nicht weiter reduzieren können, kompensieren wir durch Zertifikate, sodass wir CO₂-Neutralität garantieren können.
Wie sehen eure Pläne für die Zukunft aus?
Wir forschen an neuen Geometrien und Oberflächen, die die Einsatzmöglichkeiten von „gelosia“ in der zeitgenössischen Architektur erweitern. Darüber hinaus möchten wir die Zusammenarbeit mit Architekturbüros bereits in frühen Projektphasen vertiefen – nicht nur als Dienstleister, sondern als Teil des kreativen Prozesses. Wir wollen weiterhin Vorreiter für maßgeschneiderte architektonische
Designkeramik sein – und dabei die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts fest im Blick behalten.
Weitere Informationen: ceramicaferres.com








