Zurück ins Netz – E-Autos als Stromspeicher der Zukunft
Die Batterie eines E-Autos als dezentralen Zwischenspeicher zu nutzen, kann künftig zu einer höheren Flexibilität des Stromnetzes beitragen. Im von der EU geförderten Forschungsprojekt „ePowerMove“ wird in Klagenfurt die wirtschaftliche Tragfähigkeit von „Vehicle-to-Grid“-Anwendungen getestet.
Von Daniel Furxer
Was wäre, wenn das geparkte Elektroauto vor der Haustür nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern auch ein kleiner Stromspeicher wäre? Genau das verspricht „Vehicle-to-Grid“ („V2G“): Die Batterie des E-Autos speichert überschüssigen Strom und speist ihn bei Bedarf wieder ins öffentliche Netz ein. Während Länder wie Japan, Frankreich oder die Niederlande diese Technologie bereits verstärkt nutzen, steht Österreich noch am Anfang. Ein EU-Forschungsprojekt in Klagenfurt soll nun zeigen, ob sich das bidirektionale Laden nicht nur technisch, sondern vor allem wirtschaftlich im Alltag umsetzen lässt.
„Bei ‚Vehicle-to-Grid‘ bewegen wir uns in Österreich aktuell noch im Pilotbereich“, sagt Lena Schwarz, Expertin für Elektromobilität bei der Bundesagentur „AustriaTech“. Eine der größten Herausforderungen sei, dass alle beteiligten Komponenten – Fahrzeug, Wallbox und Netz – standardisiert miteinander kommunizieren müssen. Dafür existiert zwar bereits der internationale Kommunikationsstandard ISO 15118-20, doch für „V2G“ serienmäßig freigeschaltete Fahrzeuge seien in Österreich bislang kaum verfügbar. „Momentan funktioniert vieles noch herstellerintern. Damit das Ganze massentauglich wird, braucht es eine tiefe gehende Standardisierung aller Komponenten und Schnittstellen.“
Mindestens ebenso komplex seien die wirtschaftlichen Fragen. Wer Strom von seinem Fahrzeug wieder ins Netz einspeise, müsse dafür auch einen finanziellen Anreiz erhalten. „Aktuell wäre es so, dass man fürs Laden und Entladen doppelt Netzentgelte zahlen müsste. Das würde sich für Endnutzerinnen und Endnutzer überhaupt nicht lohnen.“
Hinzu kommen offene Fragen zur Herkunft des Stroms, zu Abrechnungssystemen und zur Lebensdauer der Batterien. Viele Menschen befürchten, häufiges Be- und Entladen könne die Akkus schneller altern lassen. „Deswegen braucht es noch klare Garantiebedingungen der Hersteller und mehr Bewusstseinsbildung“, betont Schwarz. Wer letztlich die notwendigen Regeln schaffen müsse, lasse sich nicht auf eine einzige Institution reduzieren. Netzbetreiber, Regulierungsbehörden, Politik und Industrie müssten gemeinsam Lösungen entwickeln. „Es ist einfach ein Zusammenspiel von vielen Stellen“, sagt sie. „Das System ist sehr komplex.“

„Bei ‚Vehicle-to-Grid‘ bewegen wir uns in Österreich aktuell noch im Pilotbereich“
Lena Schwarz, Expertin für Elektromobilität bei der Bundesagentur „AustriaTech“
Foto AustriaTech / Golden Hour Pictures
Pilotprojekt in Klagenfurt, Helsinki und Nikosia
In Österreich (mit der Stadt Klagenfurt), Finnland (Helsinki) und Zypern (Nikosia) ist im Jänner 2025 ein dreieinhalbjähriges EU-Forschungsprojekt gestartet. Alle drei Städte setzen dabei einen anderen Schwerpunkt. Während Nikosia die Netzkompatibilität und die Optimierung des Energieflusses erforscht und Helsinki kostengünstiges Laden im nordischen Winter testet, liegt der Fokus in Klagenfurt auf der wirtschaftlichen Praxis. Auf dem Gelände der „Klagenfurt Mobil GmbH“ (KMG) erforscht das Team maßgeschneiderte Geschäftsmodelle für das bidirektionale Laden im öffentlichen Raum.
Der Standort ist das Busdepot der Verkehrsbetriebe Klagenfurt. „Dieser Ort eignet sich hervorragend, weil er direkt am Bahnhof liegt, öffentlich zugänglich ist und über einen Taxistand mit einer größeren Flotte verfügt, die dort künftig wohl auch laden wird. Da zudem die KMG-Flotte sowie die KMG-Mitarbeitenden dort laden werden, sind zahlreiche Use-Cases möglich“, erklärt Schwarz. „AustriaTech“ ist mit der Koordination des Pilotprojekts in Klagenfurt beauftragt. Der Carsharing-Anbieter „AvantCar“, ein direkter Projektpartner, testet am Use-Case „Carsharing“ die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Systems.
Die Herausforderungen, bidirektionales Laden alltagstauglich zu machen, sind vielfältig. Ein weiterer wichtiger Partner von „AustriaTech“ ist die „Kärnten Netz GmbH“, die die Interaktion zwischen Fahrzeug und Netz koordiniert.
„Aus technischer Sicht ist das bidirektionale Laden derzeit noch sehr herausfordernd, weil die Anzahl der Fahrzeuge, die bidirektionales Laden ermöglichen, noch begrenzt ist. Weiters muss aus netztechnischer Sicht sichergestellt werden, dass das Entladen der Autobatterie den technischen und organisatorischen Richtlinien entspricht, damit es im Netz zu keinen Grenzwertverletzungen kommt“, so Robert Schmaranz, Bereichsleiter Netzbetrieb von „Kärnten Netz“. Darunter versteht man beispielsweise eine zu hohe Netzauslastung oder unzulässige Spannungsabweichungen. Die „Technischen und Organisatorischen Richtlinien“ (TOR) enthalten die von der „E-Control“, der österreichischen Regulierungsbehörde für Strom und Gas, festgelegten Vorgaben für den Betrieb des österreichischen Stromnetzes.
Rechtlicher Rahmen nimmt Form an
Die rechtlichen Voraussetzungen für das bidirektionale Laden wurden teilweise bereits geschaffen beziehungsweise sind auf dem Weg der Umsetzung. Offen sind nun vor allem die wirtschaftliche Ausgestaltung sowie die Einführung des einheitlichen ISO-Standards.

„Aus technischer Sicht ist das bidirektionale Laden derzeit noch sehr herausfordernd, weil die Anzahl der Fahrzeuge, die bidirektionales Laden ermöglichen, noch begrenzt ist.“
Robert Schmaranz, Bereichsleiter Netzbetrieb von „Kärnten Netz“
Foto Kelag
„Mit dem Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) wurden erstmals die rechtlichen Grundlagen für bidirektionales Laden beziehungsweise ‚Vehicle-to-Grid‘ in Österreich geschaffen und die Rolle aktiver Kundinnen und Kunden sowie unabhängiger Aggregatoren gestärkt“, heißt es aus dem Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur. Die konkrete Ausgestaltung der Netzentgelte erfolge jedoch erst durch die derzeit in Begutachtung befindliche Systemnutzungsentgelte-Grundsatzverordnung (SNE-GV), die für die Wirtschaftlichkeit von „V2G“ von zentraler Bedeutung sei. Darüber hinaus schaffe auch die europäische „Alternative Fuels Infrastructure Regulation“ (AFIR) regulatorische Voraussetzungen für „V2G“. Neue öffentlich zugängliche Ladepunkte müssten ab 1. Jänner 2027 den Kommunikationsstandard ISO 15118-20 unterstützen und damit technisch für Funktionen wie „Plug & Charge“ und bidirektionales Laden („V2G“) vorbereitet sein. „Bis zu einer flächendeckenden Anwendung sind darüber hinaus noch Marktprozesse, Messkonzepte sowie ein ausreichendes Angebot an kompatiblen Fahrzeugen und bidirektionaler Ladeinfrastruktur erforderlich“, betont das Ministerium.
Mit 1. Oktober 2026 erreicht das EU-Pilotprojekt die Hälfte seiner Laufzeit. Noch bleibt abzuwarten, welche Entwicklung das System „Vehicle-to-Grid“ in Österreich, aber auch in Europa nimmt. Angesichts einer stetig wachsenden Zahl an E-Autos und E-Lkw könnte diese Technologie jedoch zum Gamechanger für die Energiespeicherung werden.
Robert Schmaranz legt die Vorteile für das Stromnetz dar: „Für die ‚Kärnten Netz‘ könnte dies die Möglichkeit eröffnen, bestehende Netzinfrastruktur noch effizienter zu nutzen. Gleichzeitig kann bidirektionales Laden einen Beitrag zur Integration erneuerbarer Energien leisten, weil überschüssige Energie – beispielsweise aus Photovoltaikanlagen – zwischengespeichert und zu einem späteren Zeitpunkt genutzt werden kann. Dies kann langfristig zu einer höheren Flexibilität des Energiesystems führen und den Betrieb des Verteilnetzes unterstützen, insbesondere bei einem steigenden Anteil an Elektromobilität und dezentraler Energieerzeugung.“

E-Mobilität in Österreich – Zahlen & Trends:
Pkw
• Juni 2026: mit 26,25 % bisher höchster Anteil vollelektrischer Pkw bei den Neuzulassungen
• Jahresdurchschnitt 2024: 18 %
• Knapp jeder vierte neu zugelassene Pkw ist vollelektrisch
• Ländervergleich: Norwegen ist mit einem Anteil von 95,9 % vollelektrischer Fahrzeuge bei den Neuzulassungen im Jahr 2025 europäischer Spitzenreiter
Warum wächst der Markt der E-Autos?
• Modellpalette: 40 Modelle (2020) – 160 Modelle (2025)
• Fahrzeuge vom Kleinwagen bis zum Sportwagen
• Beliebte Modelle: ca. 32.000 – 65.000 Euro
• Sinkende Einstiegshürden
• Prognose bis 2035:
95 % der Pkw-Neuzulassungen elektrisch undrund 2,25 Millionen E-Autos in Österreich im Bestand
Gebrauchtwagenmarkt
• Zunehmend ehemalige Leasing- und Firmenfahrzeuge
• Anteil elektrischer Pkw unter den Gebrauchtwagenzulassungen: unter 5 %
• Größeres Angebot gängiger Modelle
• Höheres Vertrauen in die Batterielebensdauer
• Neue Fahrzeuggenerationen mit mehr Reichweite
Leichte Lkw
• Elektroanteil an den Neuzulassungen: 12 %
• Juni 2026: 15 %
• Prognose 2028: 32,5 %
• Prognose 2030: 65 %
Schwere Lkw
• Juni 2026: erstmals rund 1.000 schwere E-Lkw im Bestand
• Förderprogramm „ENIN“ als wichtiger Impuls
• Prognose 2030:
über 15.000 E-Lkw im Bestand, 73 % der Neuzulassungen elektrisch
Zahlen zur Verfügung gestellt von „AustriaTech“






