Shopping mit Haltung
c: Im Dezember 2025 hat die ORIGINAL Redaktion den ersten Vorarlberger „Green Shopping Guide“ veröffentlicht, um das Angebot an nachhaltigem Konsum sichtbar zu machen. Edgar Eller, Unternehmensberater, Kulturentwickler und Vorstand von Stadtmarketing Austria, über den Wert kuratierter Konsumräume und den Bedarf an neuen politischen Spielregeln.
Von Simone Fürnschuß-Hofer
Jede Stadt, zumindest jeder Stadtkern, definiert sich auch über seine Geschäfte. Die Anziehungskraft hängt stark davon ab, welche Vielfalt und Qualität vor Ort vorzufinden sind. Könnte man also behaupten, Shopping ist auch ein Teil von Kultur?
Edgar Eller: Dinge auszutauschen bzw. etwas zu verkaufen oder zu kaufen, ist eine Grundkonstante der menschlichen Kultur. Nur so funktioniert die Gesellschaft überhaupt, insofern ist das durchaus auch Teil der Kultur. Der Begriff „Shopping“ wird allerdings eher damit gleichgesetzt, Dinge aus Spaß zu kaufen. Dinge, die man vielleicht nicht bräuchte. Da würde ich schon einen qualitativen Unterschied machen. Also Kaufen und Verkaufen im Sinne des Warentauschs ist menschliche Kultur und Shopping vielleicht eher eine Ausdrucksweise der jeweiligen Persönlichkeit.
Was und wo ich einkaufe, sagt viel über mich selbst aus.
Natürlich. Wie wir konsumieren, erzählt sehr viel darüber, was uns wichtig ist, wie wir gesehen werden wollen, wie wir uns selbst sehen und wie wir die Welt sehen. Insofern ist Shopping vielleicht sogar eine sehr ausdrucksstarke Art zu zeigen, was einem wichtig ist und wer man ist. So hergeleitet ist es also sehr wohl Teil der Kultur.
Was braucht denn ein Stadtkern, damit er lebendig und anziehend wirkt?
Ehrlicherweise muss man sagen, dass in den letzten 50, 60 Jahren das Thema Handel in der Stadt überrepräsentiert war. Der stationäre Einzelhandel, also Geschäfte ohne Manufaktur in der Erdgeschosszone, ist eine Erfindung der Moderne und als solche keine 200 Jahre alt. Eine über 800 Jahre alte Stadt wie Feldkirch hat also über viele hundert Jahre anders funktioniert. Das heißt, die Stadt selbst ist deutlich mehr, sie ist der Kulminationspunkt von Gesellschaft. Dort findet gesellschaftliche Verhandlung statt. Und weil der Handel als Haupttreiber gerade ein Stück weit wegbricht, funktionieren jetzt vor allem jene Geschäfte, die eine gewisse „Kuratierungs-Qualität“ zeigen. Geschäfte, in denen jemand vor Ort ist, der sich mit den Produkten gut auskennt, der mir ein guter Ansprechpartner ist, dem ich vertrauen kann.

„Es sollte selbstverständlich werden, dass Produkte nachhaltig sind, sodass man fast keine Wahl mehr hat.“ Edgar Eller
Foto Cornelia Hefel
Eine Kuratierung im Sinne einer Vorselektion – als Gegenbewegung zum inflationären und oft überfordernden Online-Angebot?
Genau. Primär für Produkte, die mehr erfüllen als nur Funktion. Damit meine ich: Ich muss nicht Stunden damit verbringen, Zahnpasta und Waschmittel zu kaufen. Aber bei anderen Dingen ist der Austausch umso wichtiger, weil es um etwas geht. Und weil es dem Produkt von außen in der Regel nicht anzusehen ist, ob ich es mit gutem Gewissen kaufen kann, brauche ich jemanden, der mir das verspricht und dessen Auswahl ich vertrauen kann.
Nachhaltige, werteorientierte Geschäfte müssen ihre Produkte allerdings oft zu höheren Preisen verkaufen, um überleben zu können. Was sich wiederum nur eine gewisse Klientel leisten kann. Ein Dilemma.
Geschäfte, die nachhaltig produzierte Produkte anbieten, agieren ein Stück weit gegen eine Marktlogik, die auf „immer billiger“ bzw. „Hauptsache Umsatz“ setzt. Es hängt an den Rahmenbedingungen auf gesetzlicher Ebene, an den Mietpreisen, an Förder- und Steuerlogiken, kurzum an fairen Wettbewerbsbedingungen, inwieweit sich da etwas verändern kann. Wenn also Städte sagen, wir hätten gerne mehr von diesen Geschäften, dann ist doch die Frage: Was können sie dazu beitragen, dass diese Geschäfte bei uns überleben können? Das ist durchaus ein Appell an die Politik, da genauer hinzuschauen.
Worin siehst du in erster Linie das Potenzial eines „Green Shopping Guides“, wie er nun seit Dezember vergangenen Jahres vorliegt?
In meinen Augen ist das eine wertvolle kuratorische und verantwortungsvolle Arbeit, die mir als Konsument viel Zeit an Recherche erspart. Denn wenn ich das wirklich ernst nehme mit dem bewussten und fairen Konsum, dann kostet es mich viele Stunden herauszufinden, wo ich was herbekomme. Umso höher der Aufwand, desto mehr knicke ich ein. Alles, was hilft, den Konsum bequemer und einfacher zu machen, tut der Sache gut. Und insofern ist natürlich so eine Auflistung von Geschäften eine große Hilfe.
Wie nimmst du das Green-Shopping-Angebot in Vorarlberg im Vergleich zu Restösterreich wahr?
Rein aus der Beobachtung heraus scheint mir der Anteil in Relation zur Einwohnerzahl hoch. Erstens, weil es allen Unkenrufen zum Trotz immer noch eine wohlhabende Region ist mit vielen wohlhabenden Menschen. Und zweitens ist das Rheintal, auch wenn es ländlich strukturiert ist, vom Habitus her eine urbane Region. Ein dritter Aspekt ist, dass eine gewisse Form von Lebensqualität und Ästhetik in unserem Bundesland wichtig ist. Das bedeutet auch Rückkopplungseffekte: Wo beispielsweise viel mit Architektinnen und Architekten und damit auf qualitativem Niveau gearbeitet wird, ziehen die Qualitätsfrage und der Nachhaltigkeitsgedanke weitere Kreise.
Wo siehst du noch unausgeschöpfte Potenziale in Bezug auf bewussten, fairen Handel?
Sicherlich im Bereich der öffentlichen Hand – in ihrem eigenen Einkauf, aber auch in der Art der Projektförderung. Da wäre ein riesiger Hebel. Wenn ich sehe, wie die Diskussionen hochkochen, sobald in irgendeiner Kantine der Anteil der Bioprodukte erhöht werden soll, dann ist es für mich immer wieder unverständlich, wie sich die öffentliche Hand dieser Verantwortung überhaupt entziehen kann. Es sollte selbstverständlich werden, dass Produkte nachhaltig sind, sodass man fast keine Wahl mehr hat. Aber das ist wieder eine Frage von Steuermechanismen. Natürlich kann man sagen, alle neun Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Österreichs sollen sich hinsetzen und recherchieren und dann die für sie richtige Entscheidung treffen. Oder aber ich sage, es ist einfach gesetzlich geregelt, dass, egal in welches Regal ich greife, es dem entspricht, wie wir als moderne Gesellschaft mit der Natur und unseren Mitmenschen umgehen wollen.
Hast du persönlich so etwas wie einen Kompass, an dem du dich ausrichtest, was deine Einkaufsgewohnheiten angeht?
Ich versuche, mir über die Wahl von guten Geschäften den Einkauf möglichst einfach zu machen. Aber wir sind alle Kinder des Systems, natürlich ist es auch ein Ausprobieren, Ringen und Dranbleiben. Weil das System anders aufgebaut ist, weil sich durchsetzt, was bequem ist, und man dadurch permanent bewusst Gegenentscheidungen treffen muss, kann es auch mühsam sein. Man darf darum auch mal scheitern, man sollte sich nicht zu sehr versteifen.
Edgar Eller ist Vorstandsmitglied bei Stadtmarketing Austria. Bevor er sich als Unternehmensberater mit besonderer Expertise in Stadtraumgestaltung und Entwicklung von Kulturhäusern selbstständig machte, war er mehrere Jahre für die Stadt Feldkirch aktiv, wo wir ihn zum Interview getroffen haben.


Green Shopping Guide Vorarlberg
Vorarlberg verfügt über eine bemerkenswerte Vielfalt an Unternehmen, Manufakturen und Geschäften, die verantwortungsvoll produzieren, bewusst handeln und neue Wege gehen. Mit dem „Green Shopping Guide“ des ORIGINAL MAGAZIN Verlags möchten wir diese Vorreiter sichtbar machen und Orientierung bieten: für Menschen, die Wert auf Qualität, Herkunft und Transparenz legen. Der „Green Shopping Guide“ zeigt, wo in Vorarlberg Produkte entstehen, die ökologische Kriterien erfüllen, faire Arbeitsbedingungen berücksichtigen und regionale Wertschöpfung stärken.
Die Broschüre wurde über Sponsoren finanziert, für die gelisteten Geschäfte war der Eintrag kostenlos.
Zu bestellen unter: original-magazin.at. Kosten: 6 Euro

„Für uns als Vorarlberger Raiffeisenbanken ist nachhaltiges und regionales Handeln ein echtes Anliegen. Der Green Shopping Guide macht sichtbar, was unsere Region stark macht: Menschen und Betriebe, die mit Achtsamkeit, Verantwortung und echter Leidenschaft arbeiten. Er eröffnet Konsumentinnen und Konsumenten Wege, sich bewusst zu entscheiden – für unsere Natur, für unsere Gemeinschaft und für eine Zukunft, die unseren Lebensraum stärkt und zusammenhält. Nachhaltigkeit entsteht dort, wo wir sie möglich machen. Packen wir gemeinsam an!“






