„Vor dem Spiel ist nach dem Spiel“
„Hortus“ beeindruckt vor allem durch die konstruktive Schönheit seiner unverkleideten Struktur aus Holz und Lehm.
Foto Herzog & de Meuron, © Maris Mezulis
„Hortus“ ist der Name eines der nachhaltigsten Bürogebäude im deutschsprachigen Raum. Aus der Feder des weltweit tätigen Schweizer Architekturbüros „Herzog & de Meuron“, bietet der auf absolute Nachhaltigkeit setzende Bau in Allschwil, nahe Basel, eine moderne und flexible Arbeitswelt für eine neue Generation von Digital- und Technologiefirmen. Seit etwa einem Jahr fertiggestellt, war das Objekt bereits vor Baubeginn zu 100 Prozent vermietet. Mittlerweile ist es auch bereits an einen neuen Eigentümer übergeben. Eine Erfolgsgeschichte auf ganzer Linie.
Von Christine Müller

© Maris Mezulis
Abgeleitet von der lateinischen Bezeichnung für Garten, nimmt „Hortus“ Bezug auf den grünen Innenhof, das Herzstück des auf Stelzen über dem Boden schwebenden viergeschossigen Holzrahmenbaus mit Zwischendecken aus Stampflehm. Die Luft, die unter dem Gebäude zirkulieren kann, ist im Sommer kühl und im Winter warm – ein energetischer Vorteil in Verbindung mit Geothermie und Photovoltaik, womit das Haus mit Energie zum Heizen und Kühlen versorgt wird. Ein Regenwasserspeicher dient zur Bewässerung der Rankpflanzen an den Innenhoffassaden ebenso wie für die Spülung der Sanitäranlagen. Aber „Hortus“ steht auch für das Akronym „House of Research, Technology, Utopia and Sustainability“. Der Immobilien-entwickler Johannes Senn, Eigentümer der „Senn Resources AG“ und „Hortus“-Bauherr, wollte ein Bürogebäude aus nachwachsenden und wiederverwertbaren Rohstoffen. So folgen die wenigen eingesetzten erneuerbaren Materialien wie Holz, Lehm und Zellulose als Dämmmaterial einem ökologischen Grundgedanken, der auch die möglichst lokale Herkunft allen verbauten Materials berücksichtigt.
Radikale Nachhaltigkeit
Den Prinzipien „Cradle to Cradle“ und „Second Life“ folgend wurden alle Bauteile katalogisiert und sind so als Teil des ökologischen Kreislaufsystems der Wiederverwendung zuführbar. Die Holzverbindungen des Holzrahmenbaus mit modularem Raster kommen gänzlich ohne Metallschrauben aus, nur ineinandergesteckt sind sie leicht demontierbar. Das verbaute Holz wurde möglichst regional beschafft, selbst der Lehm der eigens entwickelten Deckenmodule kann der Erde erneut zugeführt werden. „Allerdings ist ‚Hortus‘ von seiner Gestaltung und Nutzungsflexibilität her dermaßen resilient, dass der Bau gute Chancen hat, sehr lange nutzbar zu bleiben“, ist Johannes Eisenhut, Geschäftsführer der „Senn Development AG“, verantwortlich für die Entwicklung und Vermarktung, überzeugt.


Johannes Senn erfand die Definition „radikale Nachhaltigkeit“, der alle Schritte zur Umsetzung folgten. Im Zentrum standen eine deutliche Reduktion des CO₂-Fußabdrucks sowie die Einhaltung eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitskonzepts. Mit einem optimierten Betriebskonzept für rund 600 Arbeitsplätze und dem Überschuss an selbst erzeugter Energie soll die bei der Errichtung aufgewendete graue Energie innerhalb von 31 Jahren amortisiert sein.
Alexander Franz, der leitende Architekt, ist stolz auf die Aufenthaltsqualität von „Hortus“: „Bei Außentemperaturen von bis zu 35 Grad ist es im Gebäude stets angenehm kühl. Das bestätigt, dass das Haus thermisch gesehen auch durch den Einsatz von Lehm funktioniert.“ Dass das mit „ZPF Ingenieure“ aus Basel, dem Holzbauunternehmen „Blumer Lehmann“ aus Sankt Gallen und dem Vorarlberger Lehmspezialisten „Lehm Ton Erde“ eigens entwickelte Holz-Lehm-Deckenmodul in der Fachwelt auf so großes Interesse stoßen würde, hatte niemand erwartet. „Die Anfragen für Vorlesungen, Symposien, Führungen reißen seit dem Planungsprozess vor drei Jahren nicht ab“, freut sich Franz. „Hortus“ steht aber für weit mehr: Es ist ein ganzheitlich zu betrachtendes Projekt mit hoher architektonischer Qualität und hat auch im Architekturbüro „Herzog & de Meuron“ Spuren hinterlassen. „Hoffen wir, dass die als Open Source gedachten Deckenelemente im Vergleich zur ‚Hortus‘-Entwicklung preisgünstiger angeboten und auf dem Markt konkurrenzfähig gegenüber anderen Systemen werden können.“ Den Weg dorthin könnte auch das eigens gegründete Unternehmen „Lehmit“ ebnen. Das Joint Venture dreier Pionierunternehmen des nachhaltigen Bauens liefert gebündeltes Fachwissen und begleitet Bauherrinnen und Bauherren bei der Errichtung von Lehmholzbauten vom Konzept bis zur Umsetzung. Neben der Holzbaukompetenz von „Blumer Lehmann“ bringen zwei Vorarlberger ihre Kompetenzen ein: „gbd constructive thinking“ die Ingenieurskunst, Martin Rauchs „Lehm Ton Erde“ das Lehmbau-Know-how. „Lehm Ton Erde“ entwickelte aus 76 Prozent lokalem Aushubmaterial und 24 Prozent regionalem Mergel die Stampflehmrezeptur, eine Mischung aus gesiebten und gebrochenen Komponenten, und entwickelte Maschinen, um die von „Blumer Lehmann“ gefertigten Holzelemente mit der Lehm-
mischung zu befüllen.
Hightech im Lowtech-Gewand
„‚Hortus‘ ist ein Hightech-Gebäude im Lowtech-Gewand“, betont Franz. Lowtech, was die Materialität angeht. Der Planungsprozess aber „erfolgte mit hochdigitalisierten Methoden, ebenso der Herstellungsprozess bei ‚Blumer Lehmann‘. In der gesamten Supply Chain und beim Fabrikationsprozess kamen Maschinen zum Einsatz. Und schließlich haben wir gemeinsam mit dem Lichtplaner ‚Reflexion‘ und dem Vorarlberger Leuchtenhersteller Zumtobel eine Leuchte entwickelt, die nicht nur für das rechte Licht sorgt.“ Entworfen von „Herzog & de Meuron“, verfügt „Solena“ über eine spezielle Sensorik, die Lichtplaner Thomas Mika von „Reflexion“ aus Zürich technisch entwickelte. Gefertigt hat sie der Vorarlberger Lichtspezialist Zumtobel. Sehr luftig und reduziert, aus Glas und Aluminium gestaltet, ist „Solena“ demontierbar. Ein Sensorpaket leitet die geforderte Helligkeit aus Umgebungsalgorithmen ab und misst Lüftung und Kühlung, also VOCs, CO₂, Sauerstoffgehalt der Luft, um die Ergebnisse an die darauf reagierende Haustechnik weiterzuleiten. Die Leuchte „Solena“ ist ein weiterer Baustein auf dem Weg zur radikalen Nachhaltigkeit von „Hortus“ und fand Eingang in „The Editions“, Zumtobels „kuratierte Sammlung für Räume mit Haltung“.

Architektonische Klarheit
„Hortus“ hat Architekt Alexander Franz beruflich wie privat bereichert. „Ich habe in den vergangenen Jahren mein Leben bewusst der Nachhaltigkeit angepasst. Bei ‚Herzog & de Meuron‘ leite ich seit anderthalb Jahren eine von mir aufgebaute Nachhaltigkeitsabteilung. Die Qualität unserer Architektur mit dem Aspekt der Nachhaltigkeit zu kombinieren, ist nicht immer einfach, aber das umzusetzen, ist meine Aufgabe.“
Die Entwicklung eines in seiner architektonischen Klarheit doch sehr komplexen Bauvorhabens war kostenintensiv. Wie hoch aber war das Risiko für die Bauherrschaft? „Man muss zwischen Kosten und Risiko unterscheiden“, sagt Johannes Eisenhut. „‚Hortus‘ hat sich gerechnet, aber man hätte vielleicht günstiger bauen und den gleichen Ertragswert erreichen können mit weniger Baukosten und höherer Miete.“ „Hortus“ beeindruckt vor allem durch die konstruktive Schönheit seiner unverkleideten Struktur aus Holz und Lehm. Dementsprechend wurden Eichenböden eingezogen und darin die Stromverteilung vorgesehen, um die Flächen inklusive Kühlung und Lüftung als Vollausbau anzubieten. „‚Hortus‘ ist sozusagen ein integraler
Gebäudetyp, den sich auch Architektinnen und Architekten immer wünschen“, ergänzt Eisenhut.
Hat „Hortus“ die Unternehmenskultur bei „Senn“ verändert? „Die weitere Suche nach der radikalen Nachhaltigkeit wurde hier zugespitzt“, meint Eisenhut. Ambitionierte Architektur und Nachhaltigkeit wirtschaftlich zu realisieren, sei seit „Hortus“ tatsächlich ein Teil des Firmenleitbildes geworden. Mit „Hortus“ wurden die Weichen gewissermaßen neu gestellt. Der Begriff Nachhaltigkeit wird bei „Senn“ zur „Vorhaltigkeit“ – um sie mitzudenken, müsse man etwas vorwegnehmen, was irgendwann als Nachhaltigkeitsstandard gelten werde. Hauptsache, man wisse, in welche Richtung der Zug fährt. „Man muss in einen vorderen Waggon gehen und nicht nach hinten aus dem Fenster sehen“, so Eisenhut, der allen Grund hat, stolz auf das erfolgreiche Projekt zu sein. „Aber wir sind nun natürlich schon wieder einen Schritt weiter – nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“
Weitere Informationen: hortus.ch






