Es wächst sich zurecht! Kompostierbare Verpackungen.
Auch im Luxussegment kommt das pilzbasierte Material bereits zum Einsatz: Die Modemarke „Alexander McQueen“ ließ daraus Schutzhüllen für Kerzen in Glasbehältern produzieren.
Pilzbasiertes Packaging: Das britische Unternehmen „Magical Mushroom Company®“ (MMC) stellt mithilfe von Myzel und landwirtschaftlichen Nebenprodukten kompostierbare Verpackungen her – eine nachhaltige Alternative zu Kunststoffprodukten.
Von Jutta Nachtwey
Wenn wir von Pilzen sprechen, denken wir meist nur an das, was aus der Erde herausschaut. Dass dies aber quasi nur die Spitze des Eisbergs ist, wurde in den 1990er Jahren besonders deutlich, als man in Oregon einen dunklen Hallimasch fand, dessen feines Zellgeflecht sich unter der Erde seit Jahrtausenden ausbreitet und inzwischen eine Fläche von über neun Quadratkilometern durchzieht – er gilt als größtes Lebewesen der Welt.


Pilze sind bekanntlich weder Pflanzen noch Tiere. Ihre Verästelungen im Boden, die als Myzel bezeichnet werden, bestehen aus fadenförmigen Zellen, die Nährstoffe und Wasser transportieren. Das zarte Geflecht lässt sich jedoch auch für ganz andere Zwecke nutzen, wie das britische Unternehmen „Magical Mushroom Company®“ deutlich macht. Es produziert aus landwirtschaftlichen Nebenprodukten und Myzel biologisch abbaubare Verpackungen, die erdölbasierte Produkte – etwa Kunststoffschäume wie EPS und XPS – ersetzen.
Hierbei werden vor allem die holzigen Pflanzenteile von Hanf verwertet, die bei der Fasergewinnung für die Textilindustrie übrig bleiben. Der zerkleinerte Abfall wird mit Myzel vermengt und in Formen eingebracht, die für das jeweilige Produkt maßgeschneidert sind. Dann lässt MMC die Natur sechs bis sieben Tage lang für sich arbeiten. „Das Myzel wächst unter sorgfältig kontrollierten Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen auf natürliche Weise durch das Substrat hindurch, wobei es die Pflanzenfasern aufschließt und miteinander verbindet“, erklärt Denny Moyers, Head of Sale bei „Magical Mushroom Company®“. „Die landwirtschaftlichen Nebenprodukte liefern hierbei den Hauptanteil an Nährstoffen für das Myzel. Wir fügen außerdem eine kleine Menge Mehl hinzu, um ein gesundes und gleichmäßiges Wachstum zu fördern“, ergänzt sie. Sobald die Formen vollständig durchwachsen sind, werden die Verpackungen durch Hitze getrocknet, was das Pilzwachstum beendet. Wer sich fragt, ob die Endprodukte bei Feuchtigkeit erneut ein Eigenleben entfalten könnten, kann beruhigt sein: Sie sind biologisch inaktiv, sodass nichts mehr daraus hervorsprießen kann.



Für „MONC“ entstand eine Verpackung mit eingeprägtem Logo (siehe oben ) und bedruckter Banderole, mit der das Unternehmen sein ganzheitliches Nachhaltigkeitskonzept betonte.
Die Vorzüge dieses stabilen, leichten Verbundmaterials sind vielfältig: Es schützt vor Erschütterungen, wirkt wärmeisolierend und verträgt Temperaturen zwischen minus 25 Grad Celsius und plus 70 Grad Celsius. Bei Bedarf kann es auch wasserabweisend oder wasserdicht produziert werden. Nach Gebrauch können die Konsumentinnen und Konsumenten die Verpackungen in die Tonne für Nahrungsabfälle werfen, sodass sie zu Biogas und Kompost verarbeitet werden. Man kann sie aber auch von Hand in Stücke reißen und im eigenen Garten oder in Balkonkübeln in die Erde einbringen – dort zersetzen sie sich schadstofffrei in etwa 45 Tagen und geben Nährstoffe für die Pflanzen ab. Das im Myzel gespeicherte CO₂ bleibt in den Reststoffen gebunden.
Für Unternehmen ist das Material attraktiv, weil es sich positiv auf die Umweltbilanz auswirkt und Lösungen für aktuelle Herausforderungen bietet: Im Rahmen des „European Green Deals“ wurde 2024 die „Packaging and Packaging Waste Regulation“ (PPWR) verabschiedet, die auf Klimaneutralität, Förderung der Kreislaufwirtschaft und Abfallvermeidung zielt. Sie trat 2025 in Kraft und ist seit 12. August 2026 verbindlich, sodass Unternehmen ihre Verpackungskonzepte zunehmend auf Nachhaltigkeit ausrichten müssen.
Ein weiterer Pluspunkt: Laut Angaben des Herstellers sind die myzelbasierten Produkte für viele Anwendungsbereiche preislich mit herkömmlichen erdölbasierten Verpackungen konkurrenzfähig. Für Unternehmen, die nur geringe Mengen benötigen, hat das Unternehmen auch eine Reihe vorgefertigter Standardformen im Angebot. „Sie bieten eine kostengünstige Möglichkeit, von nachhaltigen Verpackungen zu profitieren, ohne dass Investitionen für eine maßgeschneiderte Lösung erforderlich sind“, erklärt Denny Moyers.
MMC ist für die wachsende Nachfrage nach umweltfreundlichem Packaging gut aufgestellt und verfolgt eine klare Mission: „Make polystyrene a thing of the past.“
Das Unternehmen wurde 2019 von Paul Gilligan als forschungsorientiertes Start-up in England gegründet und hat sich seitdem zu einem Hersteller von Biomaterialien im industriellen Maßstab entwickelt. Neben dem Standort in Beeston, wo die Produktion für britische und internationale Kunden angesiedelt ist, betreibt MMC in Addlestone ein Forschungszentrum, das sich auf Produktinnovation, Design, Prototypenbau und Prozessentwicklung konzentriert. In Attenborough ist die E-Commerce-Unit angesiedelt, und in West Hallam ein eigener Standort für Recycling und Wiederverwertung.
Die „Magical Mushroom Company®“ beliefert bereits namhafte Kunden aus den unterschiedlichsten Branchen, darunter Hersteller von Wärmepumpen, Küchenmöbeln, Elektrogeräten, Kosmetikprodukten, Brillen, Kerzen, Weinflaschen oder Eiscreme. Das Spektrum reicht von rein funktionalem Schutz beim Transport bis hin zu ästhetisch ausgefeilten Verpackungen mit eingeprägten Logos. Aber auch jenseits des Packagings eignet sich das Material zum Beispiel für Interior-Design-Anwendungen, etwa für Schallschutzwände und Lampenschirme, oder für Anwendungen im Eventbereich.
Auch für die ghanaisch-philippinische Künstlerin, Designerin und Architekturwissen
schaftlerin Mae-ling Lokko hat MMC bereits individuelle Produkte entwickelt. Bereits im Vorfeld untersuchte sie, wie sich landwirtschaftliche Abfälle für leistungsstarke, umweltfreundliche Baumaterialien einsetzen lassen. Anlässlich ihrer Ausstellung „Grounds for Return“ 2021 im „Z33 – House for Contemporary Art, Design & Architecture“ im belgischen Hasselt ließ sie basierend auf CAD-Entwürfen jeweils 300 Myzelplatten für die Installationen „Mycotunnel“ und „Healing Meadow“ herstellen. Bei letzterer sorgte die fein gestaltete Oberfläche der skulpturalen Module für hohe ästhetische Qualitäten. Kaum zu glauben, dass sich die filigranen Muster tatsächlich züchten ließen. Der Myzel-Hanf-Mix erweist sich wahrhaftig als magisches Material: Es wächst sich perfekt zurecht!
Weitere Informationen: magicalmushroom.com
Alle Fotos: Magical Mushroom Company®








