Vivi Vassileva: „Fünf Stunden am Strand halte ich nicht durch“
Frenetischer Applaus ist Vivi Vassileva, 32, meist sicher: Gleichviel, ob die deutsch-bulgarische Schlagzeugerin und Perkussionistin große Konzerthallen zwischen Hamburg und Wien gemeinsam mit Symphonieorchestern bespielt oder im Rahmen von Festivals in Zagreb oder Valencia in bescheideneren Arenen auftritt – mit Jubel des Publikums ist zu rechnen. Vassileva ist in ihrem Metier eine Ausnahmeerscheinung: Der deutsche Komponist Gregor A. Mayrhofer hat für sie eigens das „Recycling Concerto“ komponiert, der spanische Tonsetzer Oriol Cruixent widmete der Musikerin das Werk „Oraculum“ für Perkussion und symphonisches Orchester.
Text und Fotos von Wolfgang Paterno
Frau Vassileva, fällt es Ihnen mitunter schwer, Ihre Hände ruhig in den Schoß zu legen?
Vivi Vassileva: Absolut. Unruhige Finger und Hände sind wohl typische Charakteristika vieler Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger! Menschen haben Ohrwürmer. Perkussionistinnen und Perkussionisten dagegen oft Rhythmusohrwürmer. Ich schlafe häufig mit einem bestimmten Groove in meinem Kopf ein. Natürlich zucken da auch die Finger.
Völlig unkontrolliert?
Nein, eher unbewusst. Ich merke oft gar nicht, dass ich manchmal minutenlang einen bestimmten Rhythmus klopfe. Irgendwann fange ich sogar an, mich selbst zu analysieren: Was mache ich eigentlich? Welche Takte klopfe ich? Ich transkribiere mich dann regelrecht selbst
Ihre Mitmenschen sind zuweilen echten Geduldsproben ausgesetzt.
Es wirkt, als wäre ich ungeduldig, genervt oder gereizt – was natürlich ein absolutes Missverständnis ist. Einen bestimmten Takt zu klopfen, ist beruhigend und meditativ.
Was passiert da noch alles?
Atmen ist Rhythmus. Wir alle versuchen doch ständig, unser Gedankenkarussell zu stoppen, jenen Zustand, der auch als „Monkey Mind“ bezeichnet wird, bei dem sich unser Geist bildlich gesprochen wie ein wilder Affe verhält, der zappelig von Ast zu Ast springt. Rhythmus hilft in einem solchen Fall, ganz im Moment zu leben. Er versetzt einen in einen Flow-Zustand, entlässt einen in den Frieden des Moments. Schlagwerke gehören zu den ältesten Instrumenten der Menschheit. Rhythmus und Tanz waren immer Bestandteile des Lebens.
Ein Transatlantikflug muss Ihnen regelrechte Schmerzen verursachen.
Acht Stunden ohne Schlagzeug? Ein Horror! Wir Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger lieben unsere Drum-Pads und Schlägel. Insofern habe ich bereits alles Mögliche versucht, wie ich damit auch in einem Flugzeug üben könnte. Tendenziell sind meine Mitreisenden davon aber genervt: „Könnten Sie bitte mit dem Geklopfe aufhören?“ Diesen Satz hörte und höre ich immer wieder – worauf nicht selten schöne Gespräche zustande kommen.

Sie üben täglich bis zu neun Stunden. Betreiben Sie Hochleistungssport?
Es ist tatsächlich wie Sport, man muss in Form bleiben. Ein bekannter Musikerspruch lautet: Wenn ich einen Tag nicht spiele, merke ich es; wenn ich drei Tage nicht übe, fällt es meinen Kolleginnen und Kollegen auf. Zwei Wochen ohne Praxis? Das Publikum wird es hören.
Dieser Druck gehört zwingend dazu?
Für diese Leidenschaft entscheidet man sich früh im Leben. Benötige ich eher die Gewissheit, nach langen Bürostunden komplett abschalten zu dürfen, an den Wochenenden keinen Gedanken an meinen Job verschwenden zu müssen? Oder bin ich imstande, 24 Stunden am Tag pausenlos an meine Arbeit zu denken? Mir war schon immer klar, wohin es mich treibt.
Schon von Kindesbeinen an?
Als Kind war ich fasziniert von Sportlerinnen, Tänzern, Künstlerinnen, vom rigorosen Commitment der jeweiligen Disziplin gegenüber. Balletttänzer und -tänzerinnen beispielsweise: was für eine Disziplin, welche Opfer, die man für die Kunst bringt! Dieser innere Motor, der einen viele Hürden des Lebens überwinden lässt!
Kasteien Sie sich auch für Ihr Publikum?
Ja, weil Musik mehr denn je den Menschen hilft. Wir brauchen sie, gerade in schwierigen Zeiten. In vielen Konzerten spüre ich, dass die Musik das Publikum anders als früher erreicht. Kunst und Musik schenken uns Lebensfreude, sie geben uns die Liebe zum Leben zurück. Dafür lohnt es sich, Lebenszeit zu opfern, jeden Tag über mein eigenes Limit zu gehen. Dies dem Publikum weitergeben zu dürfen, ist das wunderbarste Geschenk auf der Welt.
Sie sind sieben Tage in der Woche, 24 Stunden am Tag, Musikerin. Müssen Sie nie abschalten?
Nie. Nach Konzerten liege ich oft noch stundenlang im Hotelbett und lasse dabei den vorangegangenen Abend in meinem Kopf Revue passieren. Was war gut? Was hätte ich besser machen können?
Ein Sprichwort besagt: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“ Restzweifel am Wahrheitsgehalt dieses Kalenderspruchs sind angebracht, oder?
Die Macht der Musik begleitete die Menschheit von Beginn an. Jede Macht kann aber auch missbraucht werden. Wir wissen, wie Musik im Nationalsozialismus instrumentalisiert wurde. Musik soll Menschen miteinander verbinden, sie soll uns mit unseren Emotionen in Kontakt bringen – und nicht davon trennen. Einerlei, ob es sich um das beste Orchester der Welt oder um eine Steinzeit-Band vor 30.000 Jahren handelt: Am Ende geht es darum, dass Menschen gemeinsam Musik machen und dabei in einen Flow-Zustand geraten.
Sie sind eine gefeierte Konzertmusikerin. Flüstert Ihnen das Teufelchen auf der Schulter nicht manchmal zu: „Lass das Üben sein! Das hast du nicht mehr notwendig!“
Gerade die größten Künstlerinnen und Künstler, Komponistinnen und Komponisten von einst und heute sind Menschen, die mit immensen Selbstzweifeln ringen. In meiner Jugend liebte ich Tschaikowsky, seine romantische, temperamentvolle, energiegeladene Musik. Er war für mich der Größte. Damals las ich in einer Biografie, dass er jahrelang mit sich kämpfte, um überhaupt an sich selbst zu glauben.
Wie Rachmaninow.
Wenn er nicht in Therapie gegangen wäre, hätte er sein zweites Klavierkonzert nie fertiggestellt. Wenn selbst diese Menschen solche Selbstzweifel haben, dann gehört das anscheinend dazu. Stehe ich heute in einem Konzertsaal mit jubelnden Menschen, ist es das Größte für mich, wenn ich durch meine Musik ihre Herzen erreicht, sie nachhaltig inspiriert habe. Darum geht es im Leben. Das ist Motivation genug. Wir sind Diener der Musik. Wir wissen um diese unglaubliche Kraft und Magie. Da kann das Teufelchen auf der Schulter flüstern, was es will.
„Ich kann es, also ab an den Strand“: Schleicht sich ein solcher Gedanke nie ein?
Natürlich, aber das ist gar nicht so einfach, weil ich das Nichtstun tatsächlich nicht als entspannend empfinde. Mein Puls ist oft auf 180. Da kann man nicht einfach sagen: So, jetzt fahre ich das ganze System herunter. Einmal zwang ich mich dazu, zwei Tage lang im Zelt an einem Strand zu übernachten. Ich hielt das keine fünf Stunden durch, weil ich viel lieber üben wollte.
Im Zusammenhang mit dem eigens für Sie komponierten „Recycling Concerto“ von Gregor A. Mayrhofer, bei dem unter anderem Plastikflaschen und Blechdosen zu Instrumenten werden, äußerten Sie, einen Blumentopf könne man nicht nachstimmen. Welche Objekte würden Sie noch nachjustieren?
Alles hat einen Ton! Man kann aus allem eine Melodie zusammensetzen. Es gibt keine Grenzen, keinen musikalischen Mount Everest. Die Reise geht nie zu Ende.
Das Schlagzeug, bemerkten Sie in einem Interview, sei das Instrument des 21. Jahrhunderts. Gitarre und Querflöte dürften Ihnen deshalb ziemlich gram sein.
Die hatten ihre Zeit! In Orchestern zu Mozarts Zeiten gab es noch einen Pauker. Mozart setzte bald die türkischen Becken ein, bei Mahler gab es bereits vier, fünf Schlagzeuger im Orchester. Heutige Komponistinnen und Komponisten beschäftigen für eine Oper bis zu zehn Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger. Verzeiht, liebe Gitarre und Flöte, aber das große Novum in der klassischen Musik – das steuern wir an den Schlagwerken bei.
Nietzsche behauptete, ein Leben ohne Musik wäre ein Irrtum. Einverstanden?
Absolut. Musik war für mich immer Leuchtturm und Leitlinie für mein Leben, eine sehr ergiebige, sehr erfüllende. Musik ist Magie. Man kann sie nicht restlos erklären.
Konzertkalender: vividrums.com






