Blaupause für die Welt
Bild: CampusVäre Werkstatt zur Entwicklung der Zukunft. Foto Angela Lamprecht
Meilenstein für die „CampusVäre“: Das Kreativwirtschaftszentrum ist bei der „Expo“ 2025 in Japan vertreten. Gemeinsam mit weiteren 88 Innovationen wird im Österreich-Pavillon „Zukunft komponiert“. Wie man sich auf der Weltausstellung präsentiert und wieso es gar nicht so verwunderlich ist, ausgewählt worden zu sein, erzählt uns Geschäftsführerin Bettina Steindl im Interview. Von Simone Fürnschuß-Hofer

„Designing Future Society for Our Lives“ ist das Leitthema der „EXPO“ 2025 in Osaka, Japan. Klingt fast wie ein Claim für die „CampusVäre“.
Bettina Steindl: Stimmt. Das war auch der Grund, warum wir eingereicht haben. Als die Ausschreibung von der Wirtschaftskammer Österreich kam, habe ich mir gedacht, genau das ist es, was wir mit der „CampusVäre“ zeigen und erreichen wollen: dass man mit einem kollaborativen Konzern, und wir meinen Konzern wirklich ausschließlich positiv, Innovation aktiv fördern kann in Vorarlberg. Dass man gemeinschaftlich und spartenübergreifend viel besser zum Ziel kommt und bessere Ergebnisse erzielt. Wichtig dabei ist Diversität: in Ausbildung, Expertise, Sparte und Gewerk, Geschlecht und Herkunft. Das macht die „CampusVäre“ ja auch aus, dass hier so viele verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Branchen arbeiten und einander jeden Tag bereichern und unterstützen.
Ihr seid nun Teil des Österreich-Pavillons – des sogenannten „Innovation Lab“. Wie darf man sich so eine Einreichung vorstellen?
Die Entscheidung einzureichen hat nochmals zu einer sehr intensiven Auseinandersetzung mit uns selbst geführt und schlussendlich unser Profil stark geschärft. Hin zur Erkenntnis: Was und wer wir sind, ist nicht ein Ergebnis, sondern vor allem ein Prozess. Das Einreichen an sich bedeutet Formulare ausfüllen, beschreiben, was wir tun. So habe ich den Prozess der Entwicklung der „CampusVäre“ eingereicht.
Der grob skizziert für dich wie zusammengefasst werden kann?
Die Stadt Dornbirn als Eigentümerin besitzt 12.000 Quadratmeter große – und großartige – Industriehallen an einem der prosperierendsten Standorte im Land. Und mehrere weitere Stakeholder wie die Wirtschaftskammer, die Industriellenvereinigung und das Land Vorarlberg unterstützen, dass hier ein pulsierendes Zentrum für Kreativwirtschaft entsteht, aus dem heraus die Innovationskraft im Land forciert wird. Anstatt dann aber in Folge vorab in Infrastruktur zu investieren und erst dann die Kreativen dorthin einzuladen, haben wir den Prozess umgedreht. Wir holen interessierte Menschen in die Hallen, fragen sie, was sie überhaupt brauchen und adaptieren die Hallen nach ihren Bedürfnissen. Die „CampusVäre“ ist ein Reallabor, das zeigt, wie bestehende Gebäude umgenutzt werden können – und zwar so, dass sie den Ansprüchen eines multifunktionalen Arbeits- und Begegnungsraumes entsprechen.
Euer „Expo“-Beitrag trägt den Titel „Werkstatt zur Entwicklung der Zukunft“. Was genau ist es, was die „CampusVäre“ der Welt zeigen kann?
Den großen Mehrwert, der für ein Gebäude und die Gemeinschaft entsteht, wenn die Nutzung über einen Prozess multidisziplinär kuratiert wird. Was in der „CampusVäre“ passiert, folgt den Ideen einer funktionierenden und erprobten Ansiedelungsökonomie. Wir nennen es auch kuratierte Begegnung. Alles in der „CampusVäre“ ist bewusst ermöglicht oder gestaltet. Wir haben dazu Kunst und Kultur als Methode gewählt und realisieren bis heute möglichst viele Veranstaltungen, die – mit Bedacht auf diesen noch unreglementierten Raum – im Bereich des Möglichen liegen. Es war uns von Anfang an bewusst, dass es nur dann einen breiten Zuspruch aus der Bevölkerung für ein Projekt wie die „CampusVäre“ gibt, wenn wir es schaffen, den Menschen die Hallen, die ein Erbe der Vorarlberger Industriekultur sind, ins Herz zu legen. Sie müssen diese Hallen sehen, sie müssen zu uns kommen.
Und wie schafft man all diese Aspekte in eine Präsentation für eine Weltausstellung zu gießen?
Das war gar nicht so einfach. Wir haben ja kein Produkt, dafür aber sehr viel Film- und Fotomaterial, um den Prozess der letzten fünf Jahre sichtbar zu machen. So werden wir in Osaka mit einem Film vertreten sein, der die Entwicklung der „CampusVäre“ zeigt und vor allem wichtige Aussagen rund um den Prozess dieses Standortes zusammenfasst.


Was bedeutet es dir persönlich, als eines von 89 ausgewählten Österreich-Projekten in Japan dabei zu sein?
Es ist ein Meilenstein. Die „CampusVäre“ darf damit weit über Vorarlberg hinaus strahlen und sich einem internationalen Publikum präsentieren. Für uns ist es ein Beweis, am richtigen Weg zu sein – und es ist auch eine Versicherung für diejenigen, die die „CampusVäre“ ermöglichen: unsere Stakeholder. Gleichzeitig verstehe ich manchmal nicht ganz, wieso die Überraschung so groß ist über die Zusage. Denn diese 12.000 Quadratmeter an einem so begehrten Standort in Österreich nicht zu vergolden, sondern Meter für Meter entwickeln zu lassen und Menschen und ihren Ideen zu einem leistbaren Preis zur Verfügung zu stellen, das ist an sich doch tatsächlich eine Wahnsinnsleistung von politischer Seite. Und dem gebührt Anerkennung.
Weil es ein ungewohntes Möglichkeitsfeld abseits betretener Pfade eröffnet?
Ja, und weil man hier gleichzeitig den Weg der Reduktion geht. Es gibt diesen Spruch „Reduce to the max“. Ich glaube, das ist es. Es ist eine Reduzierung aufs Maximum, was wir hier verfolgen. Aber nicht das Maximum in gebauter Realität, sondern das Maximum an Möglichkeiten. Mit Hallen, die nicht konkurrenzieren, schon gar nicht gegen den perfekten Raum. Nicht aus dem Vollen schöpfen zu können, sondern mit Restriktionen zu arbeiten und sich dabei nach den Prämissen des zirkulären Bauens zu richten, sprich sekundäre, nachwachsende oder kreislauffähige Ressourcen zu verwenden, das finde ich persönlich unglaublich spannend und erfüllend.
1851 fand in London die erste Weltausstellung statt. Unter anderem wurde dabei als Innovation die erste Zahnbürste präsentiert. Was macht aus deiner und heutiger Sicht eine gute Innovation aus?
Ich glaube, es muss zwischen Innovation und Weiterentwicklung unterschieden werden. Vor allem im Produktbereich gibt es viel, was ich als Weiterentwicklung von Bestehendem definieren würde. Wenn man es kritisch im Sinne der Innovationsökonomie betrachtet, sind diese Dinge aber selten innovativ. Innovation an sich bedeutet viel eher, dass Erfindungen, die aus unterschiedlichen Sparten, Gewerken inspiriert sind, einen wirklichen Quantensprung in der Entwicklung ergeben. Wie zum Beispiel ein neu entwickeltes Zahntechnik-Produkt, das sich die Idee eines Rolltreppen-Konstrukteurs zunutze gemacht hat.
Wir sind das Trampolin. Wir selbst kreieren nicht die Innovation, wir sind vor allem der Raum, der Innovation ermöglicht und kuratiert. Wo jetzt schon ein Künstler mit einem Architekten oder ein Industriebetrieb mit einem Designer zusammentrifft. Und wo in Zukunft in Halle 4, die gerade umgebaut wird, mit über 150 Arbeitsplätzen genau diese Möglichkeit der Begegnung weiter ausgebaut wird, um Innovation entstehen zu lassen. Die Idee der „CampusVäre“ sehe ich wie eine Blaupause. Was wir hier gerade erforschen und tun, könnte man ganz sicher in anderen Städten genauso umsetzen – und wenn wir all unsere Erfahrungen und Forschungsergebnisse wie in einem Katalog weitergeben, dann ersparen sich andere viele Wege, die wir in diesem Entwicklungsprozess schon zurückgelegt haben.
Wir wünschen euch: Yoi tabi o! Gute Reise! Und kommt mit viel Inspiration zurück!
Weitere Informationen: c-i-v.at, expo2025.or.jp






