Die „Arena Wien“
Arena Wien. Patti Smith 2016. Foto © Matthias Hombauer
Wo Haltung Programm ist
Seit 50 Jahren werden auf dem ehemaligen Schlachthofgelände Konzerte gespielt und Partys gefeiert. Was aber als Programm sichtbar wird, entsteht durch die Menschen, die diesen Ort tragen, und eine Struktur, in der jede Stimme gleich viel zählt.
Von Nina Burian
Nähert man sich der „Arena Wien“ von der U3 aus, sieht man das schwarz-weiße Banner schon von Weitem: „Love Music. Hate Fascism.“ Es ist die Visitenkarte eines Ortes, der seit Jahrzehnten zwischen wirtschaftlichem Überleben und der Haltung balanciert, Profit nicht über die Menschen zu stellen.
Betritt man das Gelände, begibt man sich in ein Ökosystem, in welchem Autonomie kein romantisches Schlagwort ist. Seit der Besetzung 1976 funktioniert der basisdemokratische Verein „Forum Wien – ARENA“ fast unverändert. Es ist eine Struktur, die auf Vertrauen und Kooperation basiert, bei der Entscheidungen im Konsens getroffen werden und der Mensch in den Mittelpunkt des Handelns gestellt wird.
Wenn die Wirtschaft heute Organisationsformen wie Soziokratie als Heilsbringer feiert, kann man in der „Arena“ nur müde lächeln, denn hier wird so ein Modell seit jeher ohne teure Beratung gelebt. Operative Aufgaben sind auf autonome Arbeitsgruppen aufgeteilt, von Security bis hin zur Putz-AG. Jede AG erarbeitet sich ihre Abläufe selbst und orientiert sich dabei an dem, was die individuellen Personen mitbringen. Tätigkeiten werden nicht von oben verteilt, sie formen sich nach dem, was die Beteiligten können und tragen wollen. Das schafft Selbstwirksamkeit, denn wer die Regeln mitschreibt, wird vom Rädchen im Getriebe zum Konstrukteur. Entscheidungen brauchen zwar oft mehrere Schleifen, doch letztendlich sind sie nachhaltiger, weil sie vorab aus vielen Blickwinkeln durchleuchtet wurden.
Jede Person ist sich ihrer Verantwortung bewusst, denn über 230 Veranstaltungen im Jahr zu stemmen, ist eine Meisterleistung, mit der keine andere Venue mithalten kann. Eine weitere Besonderheit ist, dass, anders als sonst üblich, das Personal ganzjährig angestellt ist. Die Folge ist eine Beständigkeit in den Teams, was in der Eventbranche eine Anomalie darstellt, manche sind seit über 15 Jahren mit dabei. Was die Menschen hier hält, ist die Liebe zur Musik, die Selbstermächtigung und der Wunsch, die alte Dame „Arena“ gemeinsam am Leben zu erhalten.


Den Backstagebereich erreicht man über einen Aufzug, an der Innenwand ein Schild aus Schlachthofzeiten, das den Transport von Schweine- und Rinderhälften regelt; rundherum unzählige Sticker, Zettel, Graffiti-Tags. Es ist nicht das einzige Relikt, das mit dem Heute verwachsen ist. Die Symbiose von industriellem Schlachthof und gelebter Gegenwart erzeugt eine ganz eigene DIY-Punk-Patina und dient als Metapher für das ganze Areal. Altes wird hier nicht einfach entsorgt, es wird überschrieben und weiterbenutzt. Oben angekommen wird klar, warum Bands gerne wiederkommen. In den Räumlichkeiten, in denen einst Kurt Cobain abhing, stehen wild zusammengewürfelte, gespendete Sofas, ergänzt durch gepflegte Topfpflanzen und Stehlampen, die alles in warmes Licht tauchen. Viele Bands schwärmen vom familiären Ambiente und schätzen das fixe Hauspersonal sehr. Denn es sind diese kontinuierlichen Beziehungen, die einen Unterschied machen, sei es, dass die Soundcheck-Arbeit erleichtert wird durch noch gespeicherte Soundfiles einer Tontechnikerin, oder einfach die Freude, dieselben Gesichter zu sehen. Jan Delay könnte locker eine Stadthalle füllen, entscheidet sich aber bewusst lieber für drei Auftritte hintereinander in der „Arena“. Glückliche Bands tragen diese Atmosphäre mit auf die Bühne, von wo aus sie dann bis ins Publikum wirken kann.
Die „Arena“ finanziert sich fast vollständig über die Veranstaltungen und die Gastronomie. Der Förderanteil, der sich in der Hochkultur oft zwischen 60 und 70 Prozent bewegt, liegt hier im niedrigen einstelligen Bereich. Es ist ein ständiger Tanz am Break-even-Point, erschwert durch die strengen Auflagen der Bürokratie. Man ist sich hier bewusst, dass wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben. Geld ist wichtig, und man braucht Geld, aber nicht auf Kosten der Menschen und der eigenen Werte. Deshalb wird manchen Bands verwehrt, hier zu spielen, auch wenn es lukrativ wäre. Es wird niemandem eine Plattform geboten, der Sexismus, rechtes Gedankengut oder diskriminierende Inhalte verbreitet. Auch die „No-Flag-Policy“, die auf dem ganzen Gelände sowohl fürs eigene Personal als auch für Künstlerinnen und Künstler, deren Merch und für die Gäste gilt, ist unumstößlich. Nationalflaggen empfindet man als Symbole der Ausgrenzung. Gleichzeitig hat sich das Haus im vergangenen Jahrzehnt weiter geöffnet. Immer mehr Bands, die früher als zu Mainstream oder poppig empfunden wurden, finden ihren Platz gleichwertig neben einer Punk-Ikone wie Patti Smith. Diese Entscheidung hat man bewusst getroffen, denn man versteht sich als fixer Bestandteil der österreichischen Kulturszene und als kulturell diverser Ort. Das ergibt überraschende Programmpunkte wie Heurige mit Rollschuhdisco, Kinder-Metal-Bands oder Technopartys mit Kunstgalerie. Es entsteht dann ein Bild voll charmanter Kontraste, wie beim gesellschaftskritischen Kindertheater „Little Big „Arena“. Da wird die große Halle komplett mit Gummiboden ausgelegt, damit die Kinder barfuß laufen können, die schwarzen Wände und Totenköpfe verschwinden hinter farbenfrohen Plakaten, von Kopf bis Fuß tätowiertes Personal hantiert mit quietschbunten Kindersachen.

1976, Wien Museum
Zum 50-Jahr-Jubiläum gibt es eine Sonderausstellung im „Wien Museum“ und ein Buch über die Geschichte der „Arena“. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man bei laufendem Betrieb historisiert wird, aber es hilft dabei zu erkennen, was man durch reine Eigenleistung schon alles geschafft hat und dass man sich den Platz als eine der wichtigsten Kulturinstitutionen im Land redlich verdient hat. Man war Geburtshelfer so manch großer Stars, ist Zufluchtsort für Subkulturen und schafft es dabei, ohne Unterbrechung zu funktionieren und die Balance zwischen Gewinn und Haltung zu meistern.
Was bleibt, ist der Wunsch, dass diese Sichtbarkeit auch politisch honoriert wird und sich großzügiger in Fördermitteln niederschlägt. Denn die „Arena“ ist ein kulturelles Denkmal, dessen Schornsteine so fest zum Stadtbild gehören wie das, was darunter Abend für Abend passiert.
Weitere Informationen: arena.wien
TIPP
Arena Wien
Jedenfalls ist es Liebe!
18. Juni – 27. September 2026
Wien Museum, Community Gallery, Karlsplatz 8,
1040 Wien
wienmuseum.at/arena






