Scheitern, aber produktiv!
Christoph Schlingensief, „Bitte liebt Österreich – Erste österreichische Koalitionswoche“, 2000 © David Baltzer/bildbuehne.de
Das Museum für angewandte Kunst (MAK) und die Wiener Festwochen widmen sich den provokanten Arbeiten von Regisseur Christoph Schlingensief, dessen Stern viel zu früh verglüht ist.
Von Nicole Scheyerer
Er hob die Grenzen zwischen den künstlerischen Sparten auf und verwob alles mit allem: Das Schaffen von Christoph Schlingensief (1960–2010) umfasst Film, Theater, Oper, Kunst, Literatur ebenso wie TV-Shows, Parteigründungen und Aktivismus. Der deutsche Tausendsassa hinterließ ein Gesamtkunstwerk „bigger than art“ und verströmte auch als Persönlichkeit eine derartige Energie, dass die Schriftstellerin Elfriede Jelinek in ihrem Nachruf schrieb: „Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.“
Der Kurator Raphael Gygax schwärmte bereits als Student der Theaterwissenschaften für Schlingensiefs Stücke. Später konnte der Schweizer im Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst die größte Personale des Künstlers zu Lebzeiten realisieren. Gemeinsam mit der Witwe und Nachlassverwalterin Aino Laberenz hat Gygax nun für das MAK die Schau „Christoph Schlingensief. Es ist nicht mehr mein Problem!“ kuratiert. Die Ausstellung, deren Titel ein Zitat des Künstlers aufgreift, entstand in Kooperation mit den Wiener Festwochen sowie mit den Berliner Festspielen und dem Ausstellungshaus Gropius Bau. „Wir zeigen keine Retrospektive, sondern konzentrieren uns auf größere Werkkomplexe und verknüpfen dabei Themen, die immer wieder auftauchen“, erklärt Gygax das Konzept.

Als Apothekersohn in Oberhausen geboren, startete Schlingensief seine Karriere ursprünglich als Filmemacher. Ab 1989 fiel der Autodidakt mit trashigen Streifen wie „100 Jahre Adolf Hitler“ und „Das deutsche Kettensägenmassaker“ auf. Schon seine frühen Arbeiten attackierten mit politischem Furor, Trash, Horror, Satire und Slapstick das deutsche Bürgertum und dessen Medienkultur. Frank Castorf, der Intendant der Berliner Volksbühne, holte ihn schließlich ans Theater. Bald trat der manische Theatermacher selbst auf die Bühne und demontierte dort die leitende Rolle, indem seine Stücke regelmäßig aus den Fugen gerieten.
„Er schuf Versuchsanordnungen, die kaum zu beherrschen waren, und sah gerade darin eine Chance“, erklärt Gygax. Zum Beispiel bei der Inszenierung von „Hamlet“ am Schauspielhaus Zürich 2001, an der sechs ausstiegswillige Neonazis mitwirkten. Den Regisseur interessierte damals die virulente Frage, ob und wie Rechtsextreme wieder in die Gesellschaft integriert werden könnten. Vielleicht auf dem Wege der Kunst? Die Initiative wurde dafür kritisiert, dass er Neonazis ein Podium verschaffe und sie so aufwerte. In der Schau sind die Fahnen des Bühnenbilds, Videoaufnahmen der Aufführung und des kontroversiellen Bühnengesprächs sowie die vielen Zeitungsartikel zu dem Theaterskandal zu sehen.
Aber lässt sich Schlingensiefs Schaffen, das so stark auf der Einbeziehung und Überforderung des Publikums basierte, im Museum noch nachvollziehen? „Ich wollte auf keinen Fall eine Reinszenierung von Chaos, bei dem alles ‚messy‘ wird und ich Schlingensief spiele“, betont Gygax. Der Künstler hätte den Ausstellungsraum auch gerne als Ort für Reflexion genützt. Eine skurrile Gelegenheit für Einkehr bietet eine Kapelle am Beginn der Schau. Der weiße Holzbau, kaum größer als ein Gartenhäuschen, erinnert an einfache Kirchen im Hinterland Amerikas. Aber anstatt Glockengeläut ertönt von ihrem Turm der Gebetsruf eines Muezzins. Willkommen in der „Church of Fear“! Schlingensief gründete diese parodistische Glaubensgemeinschaft als Reaktion auf die Angst-Rhetorik nach dem New Yorker Terroranschlag 9/11 und nahm mit dem Projekt auch 2003 an der Biennale von Venedig teil.
Die Schau zeigt auch Plakate und anderes Material, bei dem der Künstler massenmediale Mechanismen oder PR-Strategien imitierte. So etwa für seine Partei „Chance 2000“, mit der er – als experimenteller Stresstest für die Demokratie – 1998 bei der deutschen Bundestagswahl antrat. In Österreich provozierten seine Theaterproduktionen immer wieder, aber kein Projekt sorgte für so viel Wirbel wie „Bitte liebt Österreich“ bei den Wiener Festwochen im Jahr 2000.
Vor dem Hintergrund der ersten ÖVP-FPÖ-Koalition und inspiriert von dem Fernsehformat „Big Brother“ ließ Schlingensief vor der Wiener Staatsoper einen Container mit dem Transparent „Ausländer raus“ aufstellen. Live-Cams zeigten Aufnahmen der (mutmaßlichen) Asylwerberinnen und Asylwerber, über deren „Abschiebung“ das Publikum per Online-Voting entscheiden sollte. Bald waren Theater und Realität nicht mehr voneinander zu trennen. Durch die unter anderem von der „Kronen Zeitung“ angeheizte Stimmung spielten sich vor Ort immer wieder tumulthafte Szenen ab. Schließlich stürmten Teilnehmende der Donnerstagsdemos gegen Schwarz-Blau das Containerdach und rissen die fremdenfeindliche Botschaft herunter – was Schlingensief prompt zu einem der Ziele seines Festwochen-Auftritts erklärte.
Schlingensiefs Projekte schwankten zwischen Inklusion, Provokation und Medienkritik. Der Musiksender VIVA strahlte die sechsteilige Show „Freakstars 3000“ aus, die als radikale Satire auf die damals boomenden Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ angelegt war. Im Zentrum standen Bewohnerinnen und Bewohner des Tiele-Winckler-Hauses, das unterschiedliche Lebens- und Betreuungsformen für Menschen mit geistigen Behinderungen anbietet, mit denen der Künstler einen fiktiven Talentwettbewerb entwickelte. Die Mitwirkenden gründeten eine reale Band, veröffentlichten mehrere Songs sowie ein Album. Schlingensief gestaltete die kultige Sendung mit Jury, Backstage-Interviews, Musikvideos und Merchandise – und ohne die Teilnehmenden vorzuführen.
Sei es der Aufschwung rechtsextremer Parteien, die Schwächung der repräsentativen Demokratie oder die vom Populismus geschürte Kultur der Angst: Es ist beängstigend, wie aktuell Schlingensiefs Themen heute wieder sind. Der Künstler fasste heiße Eisen an, um sich die Finger daran zu verbrennen. „Seine Ambiguität vermisse ich heute oft bei zeitgenössischen politischen Arbeiten. Die sind zu schnell auf der Seite der ‚Guten‘“, sagt Gygax. Die Ausstellung zeigt, wie viel Kraft in Schlingensiefs „produktivem Scheitern“ steckt.
CHRISTOPH SCHLINGENSIEF
Es ist nicht mehr mein Problem!
13. Mai bis 13. Sepetember 2026
MAK, Obere Ausstellungshalle
Weitere Informationen: mak.at






