Transparent & kooperativ
Foto Thinking MU
Das Modelabel „Thinking MU“ aus Barcelona bietet nachhaltige, fair produzierte Kleidung, die Streetwear-Style mit mediterranem, weltoffenem Esprit kombiniert.
Von Jutta Nachtwey
Eine Hündin namens „Mu“? Pepe Barguñó hatte sie so genannt, weil sie so gefleckt war wie eine Kuh. Als er 2007 zusammen mit Gleichgesinnten ein nachhaltiges Modeunternehmen startete, nannten sie es „Intrépida Mu“ (deutsch: furchtlose Mu) – als Hommage an die Energie und Neugier der Hündin, an ihre freie Art, durchs Leben zu streifen, nach Lust und Laune in jedes Becken zu springen und einfach ihr eigenes Ding zu machen.
Nachdem das Unternehmen vor dem Hintergrund der damaligen spanischen Wirtschaftskrise schließen musste, entschied sich Pepe zusammen mit Miquel Castells 2010 für einen Neuanfang. Dabei besannen sie sich erneut auf den gefleckten Terrier und nannten das neue Label „Thinking MU“. Auf Basis der gesammelten Erfahrungen setzten sie weiterhin auf eine klare nachhaltige Ausrichtung und gingen einige Schritte weiter: 2019 führten sie Etiketten mit QR-Codes ein, sodass man seither die Herstellungsgeschichte der Kleidungsstücke nachverfolgen und den jeweiligen ökologischen sowie sozialen Fußabdruck ablesen kann.
Das Thema Nachhaltigkeit durchzieht alle Bereiche, wobei die Materialwahl natürlich eine besondere Rolle spielt. Die Marke verwendet neben Bio-Baumwolle zum Beispiel Hanf, der bis zu viermal mehr CO₂ als Bäume speichert und die Bodenqualität verbessert. Sie nutzt auch Stoffe aus Seacell-Fasern, die aus Meeresalgen hergestellt werden, sowie Textilien aus TENCEL™-Fasern, die aus nachhaltig erzeugtem Holz gewonnen werden und biologisch abbaubar sind. Auch ECOVERO™-Fasern, ebenfalls aus nachhaltigem Holz, kommen zum Einsatz – im Vergleich zu herkömmlicher Viskose verursacht die Produktion weniger Emissionen und benötigt weniger Wasser.

Auch im Herstellungsprozess setzt das Unternehmen auf Umweltschutz: Geschlossene Wasserkreisläufe sorgen für Wiederverwendung, und zwecks Abfallvermeidung werden Stoffreste recycelt und zur Herstellung neuer Materialien genutzt. Der nachhaltige Ansatz des Labels ist durch Zertifizierungen nach Standards der Organisationen „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) und „Textile Exchange“ bestätigt.
Die Firma setzt auf langfristige Partnerschaften und lässt die Kleidung unter fairen Bedingungen in Spanien, Portugal, der Türkei, Indien und China fertigen. Sie pflegt enge Beziehungen zu den Herstellern, etwa zu „Industrial Textile Material Sourcing“ (ITMS) in Faridabad (Indien). Mit dem Gründer Harrendra S Gumgaonkar ist Pepe seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden. Gemeinsam bauten sie zu Beginn der Kooperation eine Community von 20 Frauen auf, die die ersten Kleidungsstücke für das katalanische Label herstellten. Inzwischen ist daraus eine Firma mit mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entstanden, wobei faire Arbeitsbedingungen weiterhin von zentraler Bedeutung sind.
Das „Thinking MU“-Team in Barcelona umfasst insgesamt 40 Personen, darunter auch hauseigene Designerinnen und Designer. Sie entwickeln sämtliche Stoffmuster, Drucke und Illustrationen sowie die Schnitte für die Kleidungsstücke. Der Stil orientiert sich an der Idee, zeitgenössische Streetwear mit mediterranen Elementen zu kombinieren. Die Marke ist von den Traditionen, Menschen, Räumen, Farben und Texturen der Region inspiriert und möchte diese Einflüsse neu interpretieren. Sie ist zudem den Bereichen Kunst, Design und Musik zugewandt, was sich auch auf der Website unter „Journal“ widerspiegelt: Dort findet man zum Beispiel ein Porträt des argentinischen Künstlers Alejo Palacios, der in seinem katalanischen Atelier abstrakte Arbeiten auf regional erzeugtem Papier entwickelt, oder einen Beitrag über Clara Infante, die unter dem Namen „Copito“ Wachsmalkreiden und Kerzen mit natürlichen Pigmenten herstellt.

Foto Thinking MU
Pepes Interesse am Thema Nachhaltigkeit reicht in seine Studienzeit zurück, in der er Schwerpunkte in den Bereichen Soziologie und Botanik setzte, bevor er sich auf umweltfreundliche Textilproduktion spezialisierte. Aus seiner Sicht reicht es nicht, Bestehendes nur zu erhalten, es gehe vielmehr darum, den Zustand der Natur zu verbessern. „Entlang unserer Produktionskette versuchen wir, den Einfluss auf die Natur so weit wie möglich zu reduzieren – was wir jedoch nicht weiter minimieren können, kompensieren wir durch Kooperationen: Unser textiler Abfall wird zum Beispiel zusammen mit anderem organischen Abfall, etwa aus dem Lebensmittelbereich, zu hochwertigem Kompost verarbeitet, der es erlaubt, nährstoffarme, ausgelaugte Böden zu regenerieren“, erklärt er. Derzeit führt „Thinking MU“ ein Pilotprojekt mit dem Biobauernhof „Can Font Organic“ durch, der sich auf regenerative Landwirtschaft spezialisiert hat. Durch solche werteorientierte Vernetzungen von Akteurinnen und Akteuren aus verschiedenen Branchen lässt sich die Revitalisierung der Natur aus Pepes Sicht weiter vorantreiben.

ECOVERO™ ist eine Viskosefaser der Lenzing AG, die aus zertifiziertem Holz gewonnen wird. Sie zeichnet sich durch eine bis zu 50 % geringere Umweltbelastung (Wasserverbrauch/Emissionen) gegenüber konventioneller Viskose aus, da sie in einem geschlossenen Produktionsprozess hergestellt wird. Foto Thinking MU
Und wo liegen derzeit die größten Herausforderungen für „Thinking MU? „In dieser für die Industrie und den Konsum so schwierigen Zeit geht es darum, das Wachstum und die Rentabilität zu erhalten, aber gleichzeitig auch an den ethischen Prinzipien festzuhalten“, erklärt Pepe. Die Zielgruppe des Labels seien „wache Kundinnen und Kunden, die sich eben nicht nur für Mode interessieren, sondern auch unsere nachhaltigen Werte teilen“. Außerdem achtet die Marke auf faire Preise, damit umweltfreundliche Mode für mehr Menschen zugänglich wird. All das klingt nach einem echten Balanceakt, aber Pepe setzt sich mit viel Enthusiasmus für die Fortentwicklung von „Thinking MU“ ein. Besonders schätzt er den kreativen Teil, etwa das Entwickeln neuer Kollektionen oder die Suche nach neuen Materialien und neuen Talenten, die das Team erweitern. „Das ist wie bei einer großen Familie – sie wächst eben nicht nur quantitativ, sondern dank des Miteinanders auch qualitativ!“
Weitere Informationen: thinkingmu.com
„Thinking Mu“ ist auch in Österreich erhältlich
Store-Locator: thinkingmu.com/de/pages/store-locator






