Ljubljana Grün

Am Ufer der Ljubljanica finden sich zahlreiche Bars und Restaurants. Foto Nina Kurnik, www.slovenia.info

Wer heute durch Sloweniens Hauptstadt Ljubljana spaziert, bemerkt schnell, dass hier etwas grundlegend anders ist als in den meisten europäischen Städten. Kein Motorenlärm im Zentrum, keine Abgasschwaden an der Hauptstraße, keine Blechlawinen, die den öffentlichen Raum belagern. Stattdessen: Cafétische unter Platanen, Radfahrerinnen und Radfahrer, die entspannt an Barockfassaden vorbeigleiten, und eine merkwürdige, fast ungewohnte Stille mitten in einer Hauptstadt. Diese Ruhe ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis von fast zwei Jahrzehnten konsequenter, gelegentlich auch sturköpfiger Stadtpolitik, die sich an einer einzigen Leitlinie orientiert hat: der sogenannten „Vision 2025“.
Von Georges Desrues

Der entscheidende Wendepunkt kam 2007. Damals sperrte Ljubljana das Stadtzentrum für den motorisierten Individualverkehr – ein Schritt, der von Handel, Automobilverbänden und einem erheblichen Teil der Bevölkerung mit lautstarkem Protest quittiert wurde. Wer käme schon freiwillig in eine Innenstadt, in die man nicht mehr mit dem Auto fahren kann? Die Antwort, die Ljubljana in den Folgejahren gab, war eindeutig: mehr Menschen als je zuvor. Die Fußgängerflächen wurden seither um das Sechsfache vergrößert. Wo früher Ruß die Hausfassaden schwärzte, erstrecken sich heute zusammenhängende Flanierzonen, die zu den größten in Europa zählen. Für Seniorinnen und Senioren sowie Menschen mit eingeschränkter Mobilität patrouillieren die sogenannten „Grünen Kavaliere“ durch die Gassen – kleine, elektrisch betriebene Gefährte, die auf Handzeichen halten und kostenlos einsteigen lassen. Entschleunigung als Serviceleistung, nicht als Zumutung.

Was die Stadt dabei auszeichnet, ist nicht nur das, was sie aus dem öffentlichen Raum entfernt hat, sondern auch das, was sie hineingebracht hat. Fast drei Viertel des Stadtgebiets sind heute grün, ein erheblicher Teil davon naturbelassene Wälder, die bis tief in den Kernbereich hineinreichen. Der weitläufige Tivoli-Park geht nahtlos in die bewaldeten Hügel des Rožnik über, ohne dass eine Straße diese Verbindung kappt. Rund 542 Quadratmeter öffentliche Grünfläche stehen statistisch jedem Einwohner und jeder Einwohnerin zur Verfügung – ein Wert, der im europäischen Vergleich seinesgleichen sucht. Diese Grünflächen funktionieren nicht nur als Naherholungsgebiet, sondern auch als natürliches Klimasystem: Sie belüften die Stadt, kühlen sie an Hitzetagen und filtern die Luft. Angesichts der zunehmenden Sommerhitzewellen, die auch Slowenien erfassen, ist das keine romantische Geste, sondern knallharte Klimaanpassung.

Einen ähnlich pragmatischen Ehrgeiz zeigt Ljubljana beim Thema Abfall. Die Stadt ist die erste europäische Hauptstadt, die sich verbindlich einer sogenannten „Zero Waste“-Strategie verschrieben hat – und meint das ernst. Die Quote der getrennten Abfallsammlung liegt bei über 68 Prozent, weit jenseits des EU-Durchschnitts. Das Herzstück dieses Systems ist das „Regionalzentrum für Abfallmanagement“, kurz RCERO, eine der technologisch fortschrittlichsten Anlagen des Kontinents. Hier landen keine Abfälle, um entsorgt zu werden. Sie kommen, um weiterverarbeitet zu werden: Bioabfall wird zu hochwertigem Kompost, Restmüll zu Brennstoff. In der Altstadt verschwanden herkömmliche Mülleimer unter die Erde – unterirdische Sammelbehälter, die nicht nur effizienter sind, sondern auch das Stadtbild schonen. Die philosophische Verschiebung dahinter ist bemerkenswert: Abfall ist in Ljubljana kein Problem mehr, das man loswerden muss, sondern ein Rohstoff, den man bewirtschaftet.

Auch der öffentliche Nahverkehr folgt dieser Logik der Transformation. Die Busflotte wird schrittweise von Diesel auf emissionsfreie Antriebe umgestellt, wobei neben Erdgasfahrzeugen verstärkt auf Wasserstofftechnologie gesetzt wird. Das Ziel ist formuliert: Kein einziger Dieselbus soll nach 2030 noch durch die Stadt fahren. Parallel dazu hat das Leihfahrradsystem „Bicike“ das Alltagsbild der Stadt verändert. Die ersten sechzig Minuten jeder Fahrt sind kostenlos – eine bewusst niedrige Hemmschwelle, die dafür gesorgt hat, dass das Fahrrad für Kurzstrecken schlicht das naheliegendste Fortbewegungsmittel geworden ist. Die frühere Hauptverkehrsader Slovenska cesta, einst täglich von Tausenden Fahrzeugen durchflossen, funktioniert heute als sogenannte Begegnungszone, auf der Busse, Radfahrende sowie Fußgängerinnen und Fußgänger gleichberechtigt nebeneinander existieren.

Zu den weniger sichtbaren, aber nicht weniger bemerkenswerten Aspekten gehört die Wasserversorgung. Ljubljana versorgt seine Bevölkerung mit Trinkwasser direkt aus natürlichen Quellen, ohne chemische Aufbereitung. Das ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen konsequenten Schutzes der Wasser-einzugsgebiete und der umliegenden Wälder.

Auch im Tourismus hat die Stadt einen eigenen Weg gewählt. Das „Slovenia Green Destination Gold“-Siegel, das auf strengen internationalen Kriterien basiert, ist kein Marketinglabel, sondern eine messbare Verpflichtung. Ljubljana setzt nicht auf Massenabfertigung, sondern auf eine Beziehung zwischen Gast und Stadt, die den lokalen Strukturen nicht schadet. In den Restaurants finden sich häufig Produkte von Betrieben aus der direkten Umgebung, kurze Lieferwege sind kein Trend, sondern Standard. Was den eigentlichen Kern des Wandels ausmacht, ist jedoch weniger technischer als sozialer Natur. Die Stadtverwaltung hat von Anfang an darauf verzichtet, die Transformation als Verbotspolitik zu gestalten. Statt Autos einfach hinauszudrängen, wurde der gewonnene Raum sofort mit Leben gefüllt: Kultur, Gastronomie, Grün, Mobilität für alle. Das Ergebnis ist eine Bevölkerung, die die ökologischen Maßnahmen nicht als Einschränkung wahrnimmt, sondern als Privileg. Über 92 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner geben an, gerne in Ljubljana zu leben.

Ljubljana war 2016 „Grüne Hauptstadt Europas“. Doch dieser Titel war nie Endpunkt, immer nur Zwischenstation. Die Stadt ist heute, im Jahr 2026, weder am Ziel angelangt noch selbstgefällig. Eher ist sie ein laufendes Experiment, das zeigt, dass urbane Lebensqualität und ökologische Verantwortung nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern einander bedingen. Für Städte, die noch am Anfang dieses Weges stehen, ist Ljubljana kein Utopia, sondern der Beweis dafür, was alles möglich ist.


Tipp
Georges Desrues / Erich Bernard
Ljubljana für Fortgeschrittene
192 S.,Styria Verlag, 2024
ISBN 978-3-222-13727-3


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