Land schafft Leben

Hannes Royer gründete „Land schafft Leben“ als er erkannte, dass viele Verbraucher ihre Kaufentscheidung primär über den Preis treffen. Foto Land schafft Leben

Ein 800 Jahre alter Bauernhof, ein Verein, der Lebensmitteln wieder mehr Wertschätzung verleihen möchte, und mit Hannes Royer ein Gründer, der lieber Brücken baut, als Vorurteile zu bedienen: „Land schafft Leben“ zeigt, wie viel Kraft in Neutralität steckt und warum Kommunikation manchmal wichtiger ist als Geld.
Von Angelika Kraft

Es gibt Orte, an denen man sofort spürt, dass Geschichte kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern etwas, das sich Tag für Tag weiterschreibt. Der „Schattenschupferhof“ von Biobauer Hannes Royer ist so ein Ort. „Ich bewirtschafte das 800 Jahre alte Gut in Schladming in der 32. Generation“, sagt er und klingt dabei nicht wie jemand, der beeindrucken will, sondern wie jemand, der Verantwortung trägt.

Die Zahlen sind erstaunlich: „Die ersten Aufzeichnungen über den Hof reichen bis ins Jahr 1204 zurück – unglaublich, dass so etwas über so lange Zeit Bestand hat.“ Seit mehr als 250 Jahren ist der Hof in Familienbesitz, Royer hat ihn im Alter von 21 Jahren übernommen. Heute leben hier rund 80 Rinder, Milchviehhaltung im steilen Gelände, eingebettet in eine Landschaft, die wenig Spielraum für Romantik lässt. Trotzdem ist die Zukunft bereits gesichert. „Meine älteste Tochter steht schon in den Startlöchern, hat die entsprechenden Ausbildungen bereits in der Tasche“, sagt der 49-Jährige stolz und lächelt: „Aber ein paar Jahre gebe ich mir noch. Ich bin ja noch jung.“

Meine Vision ist es, den Menschen den Wert österreichischer Lebensmittel bewusst zu machen und gemeinsam mit allen an der Produktionskette Beteiligten aufzuzeigen, was ein Lebensmittel ausmacht. Wer ein Produkt kauft, entscheidet mit, welche Qualität und welche Art der Produktion unterstützt wird. Jede und jeder einzelne hat es in der Hand!

Hannes Royer. Foto Land schafft Leben

Vom Direktverkauf zum Verein
Neben dem eigenen Milchviehbetrieb hat der engagierte Biobauer eine zweite Leidenschaft: seinen Verein „Land schafft Leben“. Royer berichtet von den Anfängen im Jahr 2013, als er in Schladming einen kleinen Bauernladen namens „Heimatgold“ eröffnete – eigentlich, um die eigenen Produkte an den Mann und an die Frau zu bringen. Doch schnell passierte etwas anderes: Menschen begannen zu fragen. Sehr viel mehr, als er erwartet hatte. „Ich habe gemerkt, wie wenig die Leute eigentlich über Lebensmittel wissen und darüber, wie sie entstehen“, sagt er.

Aus dem Verkaufs- wurde ein Erkenntnisraum, und aus dem Alltag des Bauern wuchs die Idee, größer zu denken. „Ich fand es schade, dass gute Lebensmittel so wenig Wertschätzung erfahren“, erinnert er sich. Daraus entstand schließlich der Verein „Land schafft Leben“ – bewusst nicht als Unternehmen, nicht als Lobby, nicht als Interessenvertretung einer bestimmten Gruppe, sondern als unabhängige Plattform für alle. „Mir war von Anfang an wichtig, neutral zu bleiben“, sagt er. Deshalb gibt es kein breites Mitgliederprinzip, sondern ein kleines Kernteam von nur drei Personen, 25 weitere Mitarbeitende und eine klare Struktur. „Mein Zugang war immer: Die gesamte Wertschöpfungskette, also alle, die mit Lebensmitteln zu tun haben, sollen sich wiederfinden – vom Bauernhof über die Verarbeitung bis zum Handel“, sagt Royer. Finanziert wird die Arbeit von rund 70 unterstützenden Unternehmen, die Bandbreite ist groß: Bauernhöfe, Molkereien, Schlachthöfe, Gemüseverarbeitung, Groß- und Einzelhandel ermöglichen das Bestehen des Vereins.

Kommunikation als Kernarbeit
Wer die Anliegen aller vertritt, sitzt zwangsläufig zwischen den Stühlen. „Ja, das ist nicht immer einfach, weil die Interessen der einzelnen Beteiligten sehr unterschiedlich sind“, gibt Royer zu. Wie bleibt man dabei glaubwürdig neutral? Er muss nicht lange überlegen: „Das erfordert viel Fingerspitzengefühl. Und Kommunikation ist ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit.“ Diese Kommunikation ist nicht nur Mittel zum Zweck, sie ist das eigentliche Werkzeug. Denn „Land schafft Leben“ will nicht polarisieren, sondern erklären. Nicht zuspitzen, sondern sichtbar machen.

„Wir sind nicht die Vertreterinnen und Vertreter einer einzelnen Gruppe“, sagt Royer klar. „Wir sind nicht für die Biobauern, nicht gegen die Konventionellen, nicht für die Produzenten, nicht für den Handel, nicht für die Großen oder die Kleinen – wir sind für alle.“ Genau diese Haltung sorgt aber immer wieder für Irritation. „In Österreich ist man es gewohnt, dass man sich einordnet: Für wen bist du eigentlich?“ Doch genau diese Einordnung verweigert der Verein bewusst. „Wir schauen sehr neutral und objektiv auf das Thema.“ Ein zentraler Hebel dabei ist Bildung. Der Verein betreibt heute auf seiner Website Österreichs größten digitalen Wissenspool rund um Lebensmittel und Ernährung. Für Lehrpersonal stehen Materialien zu allen Lebensmittelgruppen bereit – aufbereitet für Schülerinnen und Schüler vom Volksschulalter bis zur Oberstufe. In den vergangenen dreieinhalb Jahren wurden diese Inhalte rund 400.000 Mal heruntergeladen. „Wenn wir junge Menschen erreichen, verändert sich langfristig auch die Wertschätzung für Lebensmittel“, ist Royer überzeugt.

Wissen als Schlüssel
Ergänzt wird das Bildungsangebot durch Formate wie den Podcast „Wer nichts weiß, muss alles essen“. Der Titel ist bewusst provokant gewählt, die Haltung dahinter jedoch ernst. Es geht um Orientierung im Alltag. Woher kommt unser Essen? Was wissen wir darüber wirklich? Und warum essen wir, was wir essen? Auffällig ist der Grundgedanke, der sich durch alle Projekte zieht: Essen hat in der Gesellschaft an Bedeutung verloren. „Früher war Ernährung viel stärker im Alltag verankert“, sagt Royer. „Heute wird weniger gekocht, weniger hinterfragt, und dadurch geht wertvolles Wissen verloren.“ „Land schafft Leben“ setzt genau hier an: nicht mit Schuld, sondern mit Verständnis.

Auch beim Thema Preise setzt der Verein auf Aufklärung: Während viele Menschen Lebensmittel als zunehmend unleistbar empfinden, zeigen Daten ein anderes Bild. „Laut aktuellen Zahlen von Eurostat, dem statistischen Amt der EU, geben wir in Österreich nur rund 11,6 Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel aus – so wenig wie noch nie“, sagt Royer. Österreich liege damit im europäischen Vergleich im unteren Drittel. „Man sieht: Die Wahrnehmung ist oft eine andere als die Realität“, so Royer.

Am Ende geht es „Land schafft Leben“ um genau diese Übersetzungsleistung: komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen, ohne zu belehren. Oder, wie Royer es zusammenfasst: „Veränderung beginnt immer mit Verständnis.“ Vielleicht ist das die eigentliche Stärke dieses Vereins – dass er nicht laut sein will, sondern nachvollziehbar. Und damit leise etwas verschiebt, das sehr groß ist: unseren Blick auf das, was wir täglich essen.

Weitere Informationen: landschafftleben.at

Podcast „Land schafft leben“


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