Elternsein in Echtzeit
Zwischen Glück und Chaos
Nach langem Warten, Nestbau und Geburtsvorbereitung ist der neue Erdenbewohner, die neue Erdenbewohnerin endlich da: Die ersten Wochen mit dem Baby sind aber oft anders, als man sie sich vorgestellt hat. Zwischen überwältigender Freude und leiser Erschöpfung erleben viele frischgebackene Eltern eine Achterbahn der Gefühle. Warum das Idealbild der ersten Zeit mit dem Nachwuchs so oft mit der etwas anderen Realität kollidiert – und wie Paare lernen, diese anzunehmen.
Von Judith Lorenzon
In der Welt der top gestylten, ausgeschlafenen, gertenschlanken Mombloggerinnen auf Instagram und TikTok, die mit ausgekochten Avocadokernen handgewebte Musselintücher färben und ihre friedlich schlummernden Babys fotogen darin drapieren, wirkt alles so leicht – und perfekt. Doch ein Blick neben den Filterblasen-Bildschirm erzählt eine andere Geschichte. „Bin ich eine schlechte Mutter? Mache ich etwas falsch?“ – Fragen wie diese tauchen schnell auf im ersten Jahr mit Baby. „Eine völlig verständliche Reaktion auf eine neue Familiensituation“, erklärt Petra Feurstein von der „connexia Elternberatung“. In ihrer Arbeit begegnen ihr immer wieder ähnliche Sorgen und Ängste bei jungen Eltern.
Denn Social Media und Werbung verkaufen uns ein Bild vom Elternglück, das kaum einer Realität entspricht. Solche Idealzustände sind schlicht unerreichbar. Dennoch entsteht der Eindruck, dass es bei allen anderen genau so ist, und das macht viele anfällig für Schuldgefühle. Dabei gibt es mitten im Chaos viele unvergleichliche Momente: erstes Lächeln, spontanes Brabbeln, winzige Fortschritte, die das Herz aufgehen lassen. Es sind diese Augenblicke, die daran erinnern sollen, dass der Alltag zwar anstrengend, aber gleichzeitig voller Zauber steckt.
24/7 – Ständige Nähe als Herausforderung und Chance
Neugeborene sind vollständig auf die Fürsorge ihrer Eltern angewiesen. Eine Rund-um-die-Uhr-Verantwortung, die viel von Müttern und Vätern abfordert. Plötzlich bestimmt der Rhythmus des Babys den Tagesablauf. Für viele Eltern entsteht dabei das Gefühl, ständig gefragt zu sein. Dass Säuglinge so viel Aufmerksamkeit und Körperkontakt einfordern, hat aber einen biologischen Hintergrund. Babys suchen instinktiv nach Nähe, Sicherheit und verlässlichen Reaktionen auf ihre Signale. Dieses Verhalten müssen sie nicht erst lernen – es ist angeboren. Die Wissenschaft bezeichnet das als „Bonding“. Für Eltern bedeutet das vor allem eines: präsent sein. Durch Berührung, Reden oder gemeinsames Spielen entsteht nach und nach Vertrauen – eine wichtige Grundlage für eine stabile Bindung und ein gesundes Aufwachsen.

Elternschaft und Bindung sind kein Automatismus, sondern entstehen Schritt für Schritt.
Magdalena Fink,
Ländlehebammen
„Etwa 30 bis 50 Prozent der Mütter empfinden direkt nach der Geburt noch kein starkes Bindungsgefühl zu ihrem Kind – ein Thema, das oft mit Scham behaftet ist, weil vielen Frauen vermittelt wird, ihr natürlicher ‚Mutterinstinkt‘ müsste automatisch eine enge Verbindung zu ihrem Kind herstellen. Der sogenannte Mutterinstinkt ist aber ein Mythos“, erklärt Magdalena Fink von den Ländlehebammen. „Studien zeigen nämlich, dass ähnliche Anpassungen im Gehirn der Mütter auch bei Männern auftreten können, wenn sie aktiv in die Betreuung des Babys eingebunden sind. Elternschaft und Bindung sind demnach kein Automatismus, sondern entstehen Schritt für Schritt.“
Wenn aus Erschöpfung Belastung wird
Ständige Aufmerksamkeit, Schlafmangel und die vielen neuen Anforderungen führen schnell zu Erschöpfung und Reizbarkeit. „Ausreichend Schlaf und regelmäßige Mahlzeiten sind keine Luxusgüter, sondern die Grundlage unserer körperlichen und emotionalen Stabilität“, so Petra Feurstein. „Diese Bedürfnisse wahrzunehmen und darauf zu reagieren, ist der wichtigste Schritt, um den Herausforderungen des neuen Alltags zu begegnen. Wer gut für sich sorgt, reagiert gelassener, und Gelassenheit ist eine wichtige Ressource im Familienalltag.“

Plötzlich bestimmt der Rhythmus des Babys den Tagesablauf. Für viele Eltern entsteht dabei das Gefühl, ständig gefragt zu sein.
Petra Feurstein,
connexia Elternbetreuung
Bei 10 bis 15 Prozent der Mütter und 10 Prozent der Väter entwickeln sich diese Belastungen aber zu postnatalen Depressionen. Dabei handelt es sich nicht um ein Versagen, sondern um eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung, die Hilfe und Verständnis verlangt. Dazu Magdalena Fink: „Besonders aufmerksam sollte man aber bei anhaltender Antriebs- und Freudlosigkeit sein. Auch starke Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit oder das Gefühl, mit der Situation überhaupt nicht mehr zurechtzukommen, können Warnzeichen sein. Wer unsicher ist, ob die Gefühle noch Teil der Anpassungsphase sind oder schon in Richtung einer Wochenbettdepression gehen, kann zur ersten Orientierung die „Edinburgh Postnatal Depression Scale“ (EPDS) ausfüllen. Dieser Fragebogen hilft, eine mögliche Belastung frühzeitig sichtbar zu machen und rechtzeitig einzugreifen.“
Die Bedeutung professioneller Unterstützung
Schon vor der Geburt sind Hebammen wichtige Ansprechpartnerinnen, um die bevorstehende Veränderung als Familie gut zu bewältigen. Aber auch nach der Entbindung bleibt professionelle Unterstützung entscheidend: Hebammenbesuche, Elternberatung und spezielle Angebote für junge Familien begleiten Eltern in den ersten Lebensjahren ihres Kindes, um Vertrauen in die neue Rolle zu gewinnen. „Zusammen mit den Eltern, die bei uns in der Sprechstunde sind, arbeiten wir an einem Umdenken. Ich ermutige sie, ihren Blick bewusst darauf zu richten, was bereits gut gelingt“, erklärt Petra Feurstein. „Wie: Feiern Sie kleine Erfolge und erkennen Sie, welche schwierigen Situationen Sie bereits gemeistert haben – daraus können Sie Kraft schöpfen.“ Magdalena Fink ergänzt: „Ich ermutige Eltern oft, sich selbst etwas Druck zu nehmen. Man muss nicht alles sofort perfekt können. Elternschaft ist ein Lernprozess. Dazu gehört auch, dass es völlig in Ordnung ist, Unterstützung anzunehmen. Niemand muss diese Zeit allein bewältigen!“
Weitere Informationen: eltern.care, laendlehebammen.at






