Mein Wunsch
Selbstportrait 2026. © Marianne Greber
Von Marainne Greber
Den Spuren eines meiner Wünsche gehe ich an diesem bewölkten Tag nach. Ich sause durch die Straßen der Stadt. Dunkle, warme Klarinettentöne aus irgendeinem Fenster betonieren mich am Gehsteig einer Hausecke fest. Der monotone Lärm der vorbeifahrenden Autos wird zum Background-Sound. Vorbeilaufende Menschen scheinen im Rhythmus dieser sonoren Töne zu tänzeln. Begleitet vom tragenden Pianissimo reisen meine Gedanken in die Ferne.
Wie kann ein Schutz der Gemeingüter dauerhaft werden? Wie ließe sich die Kooperation der vielen so potenzieren, dass die Geosphäre dauerhaft von Ausbeutung und Verschmutzung befreit wird, um Erde, Luft und Wasser für alle intakt zu halten?
Die Klarinette im Registerwechsel begleitet hell, klar und lyrisch den Verkehr und die Passierenden: ein Pärchen Arm in Arm; eine Gruppe Lachender mit Handys in der Hand; ein Auto hupt; Schüler mit Rucksack; ein Mädchen mit Katze an der Leine; ein Rollstuhlfahrer mit Blumenstrauß auf dem Schoß; ein Skateboarder fegt ums Eck; eine Transfrau mit Hut und Trolley; eine überfüllte Straßenbahn gleitet vorbei; eine Frau, lauthals schimpfend, geht vor einem geduckten Mann; zwei Nonnen spazieren; ein Rettungswagen mit Sondersignal; zwei schieben einen Kinderwagen, ins Handy schauend.
„Was wohl wäre, wenn die Erwachsenen mit einem temporären Social-Media-Verbot geschützt würden?“, denkt sich das Kleinkind – vielleicht?
Vier Tauben landen und watscheln flott dahin. Eine Dame blickt kurz in ihre Geldbörse und steckt sie schnell wieder ein. Die Klarinette wechselt ins Stakkato. Zu diesen durchdringenden Klängen setzen unerwartet Koloraturen einer Sopranistin ein. In der Schärfe dieses übenden Duetts stelle ich mir die aktuell virulenten Kriegs- und Gewaltmaschinerien, in allen materiellen und sprachlichen Formen, in einer Waschmaschine vor. Viel muss gewaschen werden, unvorstellbar viel, auf allen Temperaturstufen. Pfeffer das Waschmittel, Kunst, Tanz und Musik die Weichspüler, Zärtlichkeit der Balsam – die Sopranistin im Intervallmodus, die Klarinette im Crescendo.
Plötzlich setzt ein Saxophon im radikalen Free-Jazz-Stil zur energetischen Entladung ein. Der Gehsteig bebt. Die Waschmaschine im Schleudergang auf Hochtouren; die Trommeln rotieren wie Pulsare im All. Sie dreht sich im Kreis bei Mehrfachsaltos, vibriert, wie in Trance. Die Sopranistin dehnt das hohe C ins Unermessliche, die Klarinette bricht aus ins Altissimo-Register, das Saxophon singt schrill.
Dann: Der Schleudergang im Decrescendo. Ich eile weiter, bis die Klänge am Horizont verblassen. Lange hallen sie nach. Nun, nach dem Waschgang, trocknen alle noch geeigneten Teile an den Sonnenstrahlen. Die Keimlinge der Wohlstands- und Respektkulturen – für alle Lebewesen und die unbelebte Materie, an denen weltweit unzählige Menschen täglich arbeiten – wachsen unaufhaltsam. Von Orkanen getragen, breiten sie sich großflächig über unseren Planeten aus. Die vielstimmigen Chöre der Wirtschaft und Zivilgesellschaften zu einem nachhaltigen Ensemble vereint.
Marianne Greber, geboren in Andelsbuch, Vorarlberg, lebt in Wien. Die Fotografin und Künstlerin setzt sich unter anderem mit Lebensformen jenseits konformistischer Lebensentwürfe auseinander. Projektarbeiten mit Menschen diverser Identitäten in vielfältigen Tätigkeitsfeldern, die politische und soziale Sichtbarkeit verlangen – unter anderem in Kuba, Brasilien, Peru, Japan, Wien und im Bodenseeraum. Ihre Werke, die in Ausstellungen und auf Großbildern gezeigt werden, sind in Fotobüchern, Filmen sowie in Printmedien veröffentlicht.






