Natur auf Rezept
Schon rund 20 Minuten in einer ruhigen, naturnahen Landschaft können helfen, die Konzentration des Stresshormons Cortisol zu senken und für Erholung und Regeneration sorgen. Foto: Hochrotherd. Wienerwald Tourismus, Andreas Hofer
Mit der Verschreibung in der Hand geht es nicht in die Apotheke, sondern direkt in den Wald. Falscher Weg? Nicht unbedingt: Immer mehr Studien zeigen, dass Aufenthalte im Grünen Stress abbauen, die mentale Gesundheit stärken und bei chronischen Beschwerden unterstützend wirken können. Damit fällt der Natur als Gesundheitsressource eine neue Schlüsselrolle in der Prävention zu.
Von Judith Lorenzon
Dass die Natur Körper und Geist guttut, ist längst wissenschaftlich belegt. Neu ist jedoch die Erkenntnis, dass grüne Räume auch einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigen Gesundheitsversorgung leisten können.
Bedarf ist auf jeden Fall vorhanden. Aktuelle Zahlen einer Umfrage des österreichischen Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz belegen: Etwa jede zehnte befragte Person in Österreich gibt an, mehr als einmal pro Woche verschreibungspflichtige Schlaf- oder Beruhigungsmittel einzunehmen, jede zwanzigste sogar täglich. Gleichzeitig schätzt die internationale „Organisation for Economic Co-operation and Development“ (OECD), dass die volkswirtschaftlichen Kosten psychischer Erkrankungen – darunter insbesondere Angststörungen, Depressionen sowie Alkohol- und Suchterkrankungen – sich in Österreich auf rund 14,9 Milliarden Euro pro Jahr belaufen. Hinzu kommen krankheitsbedingte Fehlzeiten und infolgedessen Produktivitätsverluste und eine langfristige Verringerung des Bruttoinlandsprodukts um durchschnittlich 1,7 Prozent.
Würde „Nature Prescribing“ – also die gezielte ärztliche Empfehlung von Aufenthalten in Parks, Wäldern und an Seen zur Förderung des Wohlbefindens – künftig stärker im Gesundheitssystem verankert werden, könnte sich das dementsprechend doppelt auszahlen: in Form von mehr Lebensqualität für die Bevölkerung und als wirtschaftspolitische Investition, die dazu beitragen kann, Gesundheits- und Sozialausgaben zu begrenzen.
Vitamin N: Was im Körper passiert
Statt nur eines Medikaments verschreibt der Arzt oder die Ärztin ab sofort regelmäßige Spaziergänge im Wald, gemeinsames Gärtnern oder Zeit an einem See als Präventionsmaßnahme beziehungsweise als ergänzende Therapie – insbesondere bei Stress, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronischen Beschwerden. Denn schon ein kurzer Aufenthalt im Grünen kann im Körper erstaunlich viel bewirken, wie Prof.in DDr.in Daniela Haluza, Medizinische Universität Wien, Zentrum für Public Health und Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin, erklärt: „Unser Körper reagiert sehr schnell auf seine Umgebung, denn Anpassungsfähigkeit war bei unseren Vorfahren ein Überlebensvorteil. Schon rund 20 Minuten in einer ruhigen, naturnahen Landschaft können helfen, die Konzentration des Stresshormons Cortisol zu senken und die Aktivität des Parasympathikus zu fördern, also jenes Systems, das für Erholung und Regeneration zuständig ist.“

„Im Wald wirken gleichzeitig viele beruhigende Reize auf uns ein: das Rascheln der Blätter im Wind, das Zwitschern der Vögel, das Spiel von Licht und Farben sowie die besondere Struktur einer natürlichen Umgebung“.
Prof.in DDr.in Daniela Haluza.
Foto MedUni Wien
Die richtige Dosis Natur
Je nach Beschwerden, Alter und persönlichen Bedürfnissen kommen ganz unterschiedliche naturbasierte Maßnahmen infrage. Das Spektrum reicht von „Waldbaden“ über geführte Naturspaziergänge bis zu „Green Exercise“ wie Wandern, Radfahren oder Nordic Walking. „Ein wichtiger Faktor beim ‚Erlebnis Natur‘ ist die multisensorische Wahrnehmung: Im Wald wirken gleichzeitig viele beruhigende Reize auf uns ein: das Rascheln der Blätter im Wind, das Zwitschern der Vögel, das Spiel von Licht und Farben sowie die besondere Struktur einer natürlichen Umgebung. Unser Gehirn verarbeitet diese Eindrücke anders als die häufig gleichförmige oder überfordernde Reizkulisse moderner Städte“, so Daniela Haluza.
Neben der Stressreduktion fördern Angebote wie therapeutisches Gärtnern, „Community Gardening“ oder sogenannte „Care Farms“, auf denen Menschen aktiv in landwirtschaftliche Tätigkeiten eingebunden werden, auch soziale Kontakte und stärken das Gemeinschaftsgefühl. Gerade für Personen, die unter Einsamkeit oder psychischen Belastungen leiden, können solche „Behandlungsmethoden“ neue Perspektiven eröffnen.
Was andere Länder bereits vormachen
Was hierzulande noch ein Novum ist, hat sich in anderen Ländern bereits als Win-win-Konzept herausgestellt: So setzt Kanada mit dem Programm „PaRx“ (Park Prescriptions) seit einigen Jahren auf die heilsame Wirkung der Natur und gewährt mit Rezept teilweise sogar freien Zugang zu Nationalparks. In Japan hingegen ist das „Waldbaden“ („Shinrin-Yoku“) seit den 1980er Jahren als gesundheitsfördernde Methode etabliert und wird in einigen Kliniken begleitend zu medizinischen Therapien eingesetzt. Neuseeland wiederum nutzt seit Ende der 1990er Jahre sogenannte „Green Prescriptions“, um Bewegung in der Natur gezielt zur Prävention chronischer Erkrankungen zu fördern.
Als europäischer Vorreiter gilt Großbritannien. Im Rahmen des staatlichen Gesundheitssystems NHS können Ärztinnen und Ärzte ihren Patientinnen und Patienten speziell geschulte „Link Worker“ vermitteln, die passende Angebote wie Naturspaziergänge, gemeinschaftliches Gärtnern, Waldgruppen oder Aktivitäten an Gewässern organisieren. Eine groß angelegte Studie – „National Evaluation of Green Social Prescribing for Mental Health – Final Report (2024)“ – mit mehr als 8.000 Teilnehmenden zeigte, dass sich dadurch Ängste verringerten, die Lebenszufriedenheit stieg und sich die psychische Gesundheit deutlich verbesserte. Gleichzeitig erwiesen sich die Programme als kosteneffektiv und konnten dazu beitragen, das Gesundheitssystem entsprechend zu entlasten.
Und Österreich? Zwar gibt es bislang noch keine flächendeckenden Programme nach internationalem Vorbild, doch das Interesse wächst. Forschungsprojekte wie die von Daniela Haluza und ihrem Team an der Medizinischen Universität Wien sowie die Initiativen „Green Care WALD“ des Bundesforschungszentrums für Wald (BfW) und „Green Care – Wo Menschen aufblühen“ oder erste Social-Prescribing-Pilotprojekte als auch der erste zertifizierte Heilwald Österreichs in Göttweig zeigen, dass das Potenzial erkannt wurde. Angesichts der reichen Waldlandschaften und des guten Zugangs zur Natur wäre Österreich wie geschaffen, diesen Ansatz als festen Bestandteil der Gesundheitsvorsorge zu etablieren.
Für Daniela Haluza ist „Nature Prescribing“ jedoch nur der erste Schritt. Langfristig gehe es darum, Natur nicht nur als Therapiemaßnahme zu verstehen, sondern als selbstverständlichen Bestandteil des Alltags: „Aus Public-Health-Sicht sollte Natur nicht nur Freizeitangebot sein. Viel wirksamer wäre es, wenn Natur Teil des täglichen Lebens wäre: durch mehr Bäume entlang von Straßen, attraktive Parks, begrünte Schulhöfe, schattige Geh- und Radwege oder kleine Grünflächen direkt im Wohnumfeld. Gesundheitsförderung beginnt nicht erst in der Ordination beim kranken Menschen, sondern dort, wo wir täglich leben. Wenn wir Städte so gestalten, dass regelmäßige Naturkontakte selbstverständlich werden, schaffen wir eine Gesundheitsressource, von der besonders stressbelastete, überwiegend sitzend arbeitende Menschen profitieren können, unabhängig von Alter, Einkommen oder Bildungsniveau.“
Werden Wälder, Parks und Gewässer künftig als Teil unserer Gesundheitsinfrastruktur verstanden, profitieren Mensch, Umwelt und Gesellschaft gleichermaßen. So sind Investitionen in die Natur dann nicht mehr nur ein Beitrag zum Klima- und Artenschutz, sondern zugleich eine Investition in die Gesundheit der Bevölkerung und die Zukunftsfähigkeit des Landes.








