Abschied(e)
Bild: Verena Roßbacher. Foto Joachim Germ
Von Verena Roßbacher
Als große Bewunderin von Barnes’ Werk lese ich sein letztes Buch mit Wehmut. Nicht, weil er kurz nach Veröffentlichung verstorben wäre, sondern weil er sein letztes Buch auch tatsächlich als „letztes Buch“ verstanden wissen will.

Julian Barnes
Abschied(e)
Roman
256 S., Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00919-4, 2026
In „Abschied(e)“ tritt der 1946 in Leicester geborene Autor, wie er es in vielen seiner Bücher zuvor schon tat, in Dialog mit seinen Leserinnen und Lesern. In diesem für ihn typischen Hybrid zwischen Essay, autobiografischem Erzählen und Fiktion schaut er ein bisschen auf sein Leben zurück, berichtet ein bisschen vom Älterwerden, erzählt ein bisschen eine Liebesgeschichte und denkt ein bisschen über außergewöhnliche medizinische Phänomene nach. Schon immer beherrschte er die große Kunst des Weglassens (zur absoluten Meisterschaft gebracht in seinem Roman „Vom Ende einer Geschichte“), dieses „ein bisschen dies, ein bisschen das“ ergibt im Ergebnis keineswegs ein wahlloses Kuddelmuddel von kuriosen Gedanken und losen Enden, ganz im Gegenteil gelingt es ihm mit der von ihm perfektionierten Methode, einen großen, spannenden Raum aufzumachen, in dem man sich noch lange nach Beendigung des Buchs aufhalten mag. Ein Denkraum, in dem er ganz unerwartet immer neue Türen öffnet. Und während man seine Bücher liest, übt man an seinem Beispiel diese Technik: Türen zu öffnen, von denen man nicht ahnte, dass sie da sind, hindurchzugehen und sich interessiert umzuschauen.
Wovon „Abschied(e)“ nun genau handelt, ist schwer zu sagen. Man müsste einen übergeordneten Begriff finden für das, was hier erzählt wird, aber braucht es wirklich einen übergeordneten Begriff?
Barnes tut das, was er perfekt beherrscht: Er mäandert. Er schweift ab. Er macht einen kleinen Umweg. Und er hat dieses Mäandern und Abschweifen verdammt fest im Griff, es gibt keinen Umweg, bei dem er sich verlaufen würde – er ist ihn gegangen, nicht, weil er den rechten Weg nicht wusste, sondern weil es ihm dort so gut gefallen hat. Beispielsweise Jimmy, ein alternder Jack Russell Terrier. Jimmy sitzt bei der Hochzeitszeremonie seiner beiden Besitzer, Stephen und Jean, zu Füßen des Erzählers und zerbeißt die Blumendekoration, die sein Halsband schmückt. Barnes schaut zu ihm hinunter und fragt sich, ob dies wohl ein schlechtes Omen sei, und prompt fragen wir Leserinnen und Leser uns das auch. Ahnen wir da schon, dass diese Sache hier, um derentwillen wir uns in der Kirche versammelt haben, nicht gut ausgehen wird? Später lebt Jimmy bei ihm, aber eigentlich ging es um die Geschichte von Stephen und Jean, die sich zu Studienzeiten in Oxford durch Barnes kennenlernten und ein Paar wurden, sich trennten und dann, vierzig Jahre später, abermals durch Barnes’ Vermittlung, wieder ein Paar wurden. Nun sind sie tot, wie so viele im Umfeld des Erzählers tot sind oder es bald sein werden, so auch er. Er denkt übers Altern nach, dieses allmähliche Versagen des Körpers. Vor zehn Jahren verlor er den Geruchssinn, mit Ende vierzig Teile seines Hörvermögens, vor sechs Jahren bekam er die Diagnose Leukämie, die ihn nicht umbringen, aber auch nicht mehr weggehen wird. Eine Krankheit, die „beherrschbar“ sei, wie seine Ärzte ihn wissen lassen. „‚Unheilbar, aber beherrschbar‘, das klingt doch wie … das Leben selbst, nicht wahr?“
Jimmy, in Menschenjahren stattliche 112, war zum Schluss blind und taub und krummbeinig, lebte aber nach seinem Vermögen stoisch und nicht sichtlich unglücklich sein kleines Hundeleben. „Da macht einfach das Universum seine Arbeit“ – ein Satz, der öfter fällt bei Barnes. Das Universum tut es bei Jimmy und bei Barnes’ vor zwanzig Jahren so unvermutet verstorbener Frau, bei Freunden und Weggefährten, und auch der Erzähler selbst sieht sich dabei zu, wie er in den Mühlen des Universums bearbeitet wird. Er tut das ein wenig melancholisch, doch zugleich mit viel Ironie, mit großem Interesse und nicht nachlassender Neugier auf alles, was der jeweilige Abschnitt mit sich bringt. Er hat Humor, immer hilfreich im Angesicht eines Universums, das einfach seine Arbeit macht. Er ist nicht selbstmitleidig, jammert nicht, er bleibt der gescheite, witzige Denker, der er immer gewesen ist, und blickt als solcher auf seine Vergangenheit, sein aktuelles Dasein und zukünftiges Sterben. „… wie man früher sagte, es (das Leben, Anm. d. V.) ist ‚eine Komödie für die Denkenden und eine Tragödie für die, welche fühlen.‘“ Julian Barnes, ein Autor mit Verstand und Gefühl, erkennt beides, wenn er sein Leben oder das Leben überhaupt betrachtet, die Komödie und die Tragödie, das schillernde, schreckliche, schöne Gesamtpaket. Mit diesem Buch gibt er uns eine letzte Kostprobe dieser großen Begabung und nimmt, ganz direkt und explizit, Abschied von seiner Leserschaft. Es ist eine Form der Selbstermächtigung, wenn man so will: Der Tod wird ihn nicht dahinraffen, ohne dass er anständig Adieu sagen konnte, er wird kein peinliches Alterswerk hinterlassen, keine losen Enden. Er geht auf der Höhe seines Könnens. Wir bleiben wehmütig zurück. Zum Glück bleiben uns seine Bücher, zum Glück bleibt uns die von ihm gelehrte Technik des neugierigen Betrachtens, ganz so, wie er sich die Beziehung zwischen ihm als Schriftsteller und seinen Leserinnen und Lesern immer vorgestellt hat: „Seite an Seite schauen wir hinaus auf die vielfältigen Erscheinungsformen des Lebens, die an uns vorüberziehen. (…) Es war mir ein Vergnügen, dass Sie da waren – ja, ich wäre nichts ohne Sie. Darum lege ich Ihnen einfach kurz meine Hand auf den Arm – nein, schauen Sie weiter – und stehle mich davon. Nein, schauen Sie weiter.“






