Wi(e)der die Plastiksuppe!

Foto Eelke Dekker

Merijn Tinga kämpft mit Haut und Haar gegen die Verschmutzung der Ozeane: Auf Surfboards aus Meeresmüll reiste er entlang europäischer Küsten und Flüsse, um auf das globale Problem aufmerksam zu machen. Die von ihm gegründete Organisation „Plastic Soup Surfer“ wirkt zudem der Entstehung von Kunststoffabfall auf vielfältige Weise entgegen.
Von Jutta Nachtwey

Was zieht man am besten an, wenn man die britische Umweltministerin trifft? Merijn Tinga behielt einfach den Neoprenanzug an, in dem er gerade per Surfbrett von Oslo nach London gekommen war, und schob sein Board mit sich durchs Regierungsviertel Westminster. Er brachte nicht nur britische Plastikflaschen mit, die er an Schwedens Küste aufgelesen hatte, sondern überreichte auch eine Petition, die auf die Einführung von Einwegpfand im United Kingdom zielte.

Die Etappe Oslo–London war 2023 der Auftakt seiner vierteiligen Expedition. 2024 surfte der Niederländer von London weiter nach Paris und 2025 von dort per Stand-up-Paddling auf Binnengewässern zur „UN Ocean Conference“ nach Nizza. Ende April 2026 brach er in Nizza auf, um über das Mittelmeer und den Tiber bis nach Rom zu reisen. (Anm.: Dieser Artikel entstand direkt vor dem Start) Merijn Tinga hat wertvolle Erfahrungen im Gepäck: Vor der vierteiligen Expedition hatte er in den Niederlanden durch eine Petition mit 55.000 Unterschriften die Einführung von Einwegpfand für Plastikflaschen und Dosen initiiert. Seitdem versucht er, anderen Ländern auf die Sprünge zu helfen, in denen es noch keine Rückgabesysteme gibt. Zu diesem Zweck legte er seine Route bewusst entlang der europäischen Küsten und sprach unterwegs immer wieder mit renommierten Leuten aus Politik und Wirtschaft. Dabei erklärte er, dass sich das Plastikmüllproblem durch Einwegpfand wirksam an der Wurzel packen lässt: Es reduziert die Menge achtlos weggeworfener Flaschen und Dosen laut der Organisation um 80 Prozent.

Während seiner Surftrips durch Europa – auf Boards aus Meeresplastik – kooperiert er mit lokalen Initiativen und trifft führende Leute aus Politik und Wirtschaft.

Die Leidenschaft, mit der er gegen die „Plastiksuppe“ kämpft, speist sich aus verschiedenen Quellen. Merijn Tinga, geboren 1972, studierte Biologie und arbeitete als Lehrer, interessierte sich zugleich aber auch für künstlerische Strategien. In der Figur und Rolle des „Plastic Soup Surfer“ kombiniert er seine naturwissenschaftlichen und kreativen Ambitionen mit seiner Begeisterung fürs Surfen. Basierend auf diesem multidisziplinären Ansatz entwickelt der Aktivist mit seinem Team immer neue medienwirksame Kampagnen – 2017 zum Beispiel „From Source to Sea“: Hierfür paddelte er auf einem Board den Rhein von der Quelle in den Alpen bis zur Mündung in die Nordsee hinab und fischte dabei unterwegs Verpackungsmüll heraus. Anschließend konfrontierte er die Firmen, die diese Produkte in Umlauf gebracht hatten, mit dem Müll und griff dabei zu einem unkonventionellen Mittel: Das Team schickte eine gerichtliche Mitteilung an die CEOs von niederländischen Supermarktketten und Firmen wie Coca-Cola, Heineken, PepsiCo oder Spa, um sie offiziell auf die Plastikverschmutzung hinzuweisen. Da diese Mitteilungsart nur durch einen Gerichtsvollzieher an die jeweiligen Adressierten persönlich überreicht werden darf, stellte das Team damit sicher, dass die Nachricht tatsächlich ankam. Auf diese Weise gelang es, mit einigen dieser Unternehmen einen Dialog über die Vermeidung von Kunststoffabfall und den wirtschaftlichen Nutzen der Wiederverwertung von Ressourcen in Gang zu setzen.

Neben den Kampagnen ist die Beschaffung zuverlässiger Daten ein zentrales Anliegen der Organisation. Hierfür entwickelte sie die „Plastic Avengers“-App, die es freiwilligen Müllsammelnden ermöglicht, ihre Fundstücke zu dokumentieren und sich an Crowdsourcing-Studien zu beteiligen. Die App erkennt per KI Marken, Materialien und Objekte und wandelt die Ergebnisse in Karten und Grafiken um.Dass „Citizen Science“ ein wirksames Tool ist, hat „Plastic Soup Surfer“ bereits unter Beweis gestellt. Dank der Auswertung zehntausender Müllfotos wurden zum Beispiel kunststoffhaltige Feuerwerkskörper in den Niederlanden vom Markt genommen, und viele Geschäfte entfernten Plastikkonfetti und Wasserballons aus ihrem Sortiment.

Durch die Oslo-Rom-Expedition macht Merijn Tinga deutlich, dass wir über Flüsse und Meere alle miteinander verbunden sind. Nur wenn möglichst viele Länder durch Einwegpfand der Entstehung von Abfall entgegenwirken, können wir die Ozeane vom Plastik befreien. Österreich leistet hierzu seit 2025 dank der Einführung eines solchen Systems einen wichtigen Beitrag (siehe Factbox), aber in Italien fehlt dies zum Beispiel noch. Bleibt zu hoffen, dass Merijn Tingas Surfreise nach Rom für Impulse sorgt, die dort zu entsprechenden Reformen führen – er würde gerne Papst Leo XIV. als Fürsprecher gewinnen.

Weitere Informationen: plasticsoupsurfer.org


Einwegpfand in Österreich – eine Erfolgsgeschichte
Einführung: 1. Jänner 2025
Sammelquote 2025: 81,5 Prozent
Retournierte Flaschen und Dosen: 1,4 Milliarden
Rückgabeautomaten: 6.400
Pfand pro Verpackung: 25 Cent
Nutzen: Rückführung wertvoller Ressourcen (PET und Metall) in den Kreislauf;
bessere Recyclingfähigkeit; Vermeidung von Littering (achtloses Wegwerfen von Flaschen und Dosen in der Natur)
Quelle: recycling-pfand.at


Interview

Foto Klaas Jan van der Weij

Was sind die größten Herausforderungen einer 1.000-Kilometer-Surfexpedition im Mai im Mittelmeer?
Merijn Tinga: Diesmal sind es nicht Gezeiten, Strömungen oder das Überqueren von Schifffahrtswegen wie in der Nordsee und im Kattegat, sondern Windstille und sich rasch ändernde Wetterbedingungen. Vor allem in Ligurien ist die Küste steil und felsig, also hat man nur sehr wenige Ausweichmöglichkeiten. Anders als in den Niederlanden, in Belgien oder Deutschland gibt es dort kaum breite Sandstrände oder Inseln, auf denen man Schutz suchen könnte. Eine weitere Herausforderung ist es, Schlafplätze zu finden. Normalerweise schlafe ich unter meinem Segel, am liebsten in der Natur, aber ein Großteil der italienischen Küste ist stark bebaut. Deshalb habe ich über Duolingo Italienisch gelernt, um erklären zu können, was ich tue, und um höflich zu fragen, ob ich in einer Ecke eines Privatstrands, hinter einer Segelschule oder auf dem Parkplatz eines Yachthafens schlafen darf.

Triffst du dich auf deiner Reise von Nizza nach Rom auch wieder mit Entscheidungsträgerinnen und -trägern?
Ja, in Monaco spreche ich zum Beispiel mit Fürst Albert II., in Genua mit der Bürgermeisterin Silvia Salis, in Rom mit dem Bürgermeister Roberto Gualtieri und schließlich mit dem Papst. Ich werde ihn bitten, im Vatikan ein Pfandrückgabesystem einzuführen – auch wenn Priester wohl nicht viel Müll produzieren, wäre die symbolische Wirkung enorm. Der Vatikan ist zwar ein sehr kleiner Staat, hat aber ein weltweites Publikum von rund 1,4 Milliarden Menschen. Eine solche Entscheidung würde Führungsstärke beweisen und im Einklang mit der von seinem Vorgänger Papst Franziskus eingeschlagenen ökologischen Ausrichtung stehen.

Hast du schon Pläne für die Zeit nach der Nizza-Rom-Expedition?
Sicherlich werde ich auch in Zukunft weiter surfen – vielleicht nach Athen, Tunesien, Algerien oder Marokko. Aber wir gehen auch andere Wege: Gemeinsam mit der Technischen Universität Delft untersuchen wir, welche Eigenschaften von Verpackungen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie zu Abfall werden. Wenn wir diese Abfallrisikofaktoren identifizieren können, lassen sich finanzielle Anreize schaffen, um risikoarme Verpackungen zu entwickeln. Ein einfaches Beispiel ist der festsitzende Verschluss bei Plastikflaschen: sehr effektiv, aber lange Zeit gab es keinen Anreiz, ihn einzuführen. Erst als die EU dies verbindlich vorschrieb, wurde es umgesetzt – oft zu höheren Kosten, weil die Systeme nicht darauf vorbereitet waren. Wir glauben, dass man solche Prozesse intelligenter steuern kann.

Welche Erfahrungen habt ihr mit der „Plastic Avengers“-App und eurem „Citizen Science“-Ansatz gemacht?
Unsere Gemeinschaft wächst stetig. Wir haben 500 Gruppen, Einzelpersonen und Organisationen in unserer Community, sodass wir insgesamt rund 60.000 Menschen erreichen können. Immer mehr Leute erkennen, dass es nicht nur darauf ankommt, Müll zu beseitigen, sondern auch zu dokumentieren, was sie finden. Die Daten helfen uns, die gängige Vorstellung zu hinterfragen, dass allein die Verbraucherinnen und Verbraucher verantwortlich sind. Wir zeigen damit, dass auch Hersteller und Systeme Verantwortung tragen.

Die CEOs, denen ihr per Gerichtsvollzieher eine Nachricht geschickt habt, waren vermutlich nicht gerade begeistert. Wie gelang es euch, trotzdem mit ihnen ins Gespräch zu kommen?
Wir haben die Kampagne sorgfältig geplant und den Dialog in den Mittelpunkt gestellt. Die Einbeziehung von Gerichtsvollziehern klingt aggressiv, was in gewisser Weise hilfreich war, denn es sorgte für mediale Aufmerksamkeit und verschaffte mir Zugang zu Unternehmenschefs vor der Kamera. Wir wollten einerseits Raum für gemäßigtere Stimmen schaffen – für Unternehmen, die nicht offen gegen das Pfandrückgabesystem waren, wie etwa Coca-Cola und Heineken, und es manchmal sogar hinter den Kulissen unterstützt haben. Andererseits wollten wir diejenigen exponieren, die sich aggressiv dagegen stellten, zum Beispiel die Supermarktkette „Albert Heijn“. Die „Aufforderung zur Kenntnisnahme“ ist ein formelles Mittel vor der Einleitung rechtlicher Schritte. Sobald ein Unternehmen sie erhält, kann es nicht mehr behaupten, es habe keine Kenntnis von den Umweltschäden gehabt, die seine Verpackungen verursachen. Sollte es jemals zu einem Haftungsanspruch kommen, würde er bis zu diesem Zeitpunkt zurückreichen.

Wo liegen die Wurzeln für den künstlerischen Anteil deines Ansatzes?
Es begann während meines Biologiepraktikums in Togo, Westafrika, wo ich Darmparasiten untersuchte. In einem kleinen Dorf fing ich an, mit einem einfachen Taschenmesser Holzskulpturen zu schnitzen. Jahre später gründete ich in meiner Heimatstadt Leiden ein Kunstkollektiv mit, das große Holzskulpturen im öffentlichen Raum aufstellte – ohne Erlaubnis. Der Trick dabei war, es nicht heimlich nachts zu tun, sondern am helllichten Tag, mit Warnweste, Kaffee und Musik – als gehörten die Skulpturen dorthin. Damals habe ich gelernt, wie man eine Kampagne aufbaut, wie man Medien, Behörden und die Öffentlichkeit einbindet. Ich habe auch gelernt, dass mehr möglich ist, als man annimmt – wenn man etwas wagt und es sichtbar macht. Ich denke immer in drei Bildern: vorher, währenddessen und nachher. Wenn man sich diese vorstellen kann, hat man seine Kampagne. Füge Humor, Selbstreflexion und ein bisschen Kühnheit hinzu, gehe auf die Menschen zu – und sie werden sich dir anschließen. 


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