Kampf gegen das stille Olivenbaumsterben

Bild: Olivenbäume sind Erinnerung, bäuerliche Kultur, Schatten – und Hüter alter Familiengeschichten. Foto Anine Joles

Das Feuerbakterium „Xylella fastidiosa“ hat bereits 21 Millionen Olivenbäume im süditalienischen Salento getötet. Die Menschen in Apulien setzen sich mit allen Mitteln für die Zukunft der Pflanzen ein, mit denen ihre Identität verwurzelt ist.
Von Lydia Stöflmayr

Strahlend blauer Himmel über dem Olivenhain, die silbergrünen Blätter der Bäume rascheln in einer leichten Brise. So idyllisch stellen wir uns die süditalienische Region Apulien vor. Die Realität sieht heute leider an vielen Orten des Salento anders aus. Wo einst üppiges Grün wuchs, ragen nur noch graubraune Skelette aus dem hohen Gras. Italiens Wissenschaft und Landwirtschaft verfolgen gemeinsame Projekte, um die wertvollen Pflanzen vor der weltweit größten Pflanzenepidemie zu retten.

Donato Boscia ist emeritierter Wissenschaftler des Nationalen Forschungsrats Italiens (CNR) und assoziiertes Mitglied des Instituts für nachhaltigen Pflanzenschutz (IPSP) in Bari. 2013 wurden im Labor des CNR und der Universität Bari erstmals mit dem Feuerbakterium infizierte Oliven-, Mandel- und Oleanderpflanzen aus Gallipoli (bei Lecce) analysiert. Das bereits in Nordamerika und in den Zitrushainen Brasiliens gefürchtete Bakterium „Xylella fastidiosa“ wurde vermutlich aus Costa Rica nach Italien eingeschleppt, wo die gleiche Variante, „pauca ST53“, anzutreffen ist.

Tote Olivenbäume.
Foto „Save the Olives“

Rasend schnell breitete sich das Feuerbakterium unter den besonders anfälligen Olivenbäumen aus. Es hat im Salento bereits 21 Millionen Pflanzen getötet, 5.000 Menschen haben nach dem Befall der Olivenhaine ihre Arbeit verloren.

Die Olivenöl-Produktion in Apulien ist in den letzten zehn Jahren durch die Xylella-Epidemie um 80 Prozent eingebrochen und hat damit die italienische Gesamtproduktion um 50 Prozent gesenkt – die Region gehört zu den wichtigsten Olivenölproduzenten des Landes. Auch der Schaden für das Klima ist nicht zu unterschätzen, denn so ein großer Olivenbaum baut etwa 730 Kilogramm CO₂ pro Jahr ab.

Übertragen wird das Bakterium von der Wiesenschaumzikade (Philaenus spumarius), die sich vom Pflanzensaft ernährt – ähnlich wie Gelsen menschliches Blut saugen. Das eigentlich harmlose Insekt ist stark verbreitet und kann nicht bekämpft werden, ohne große ökologische Schäden anzurichten. Einige vorbeugende Maßnahmen, wie etwa die Bodenbearbeitung, haben zumindest eine eindämmende Wirkung. Sind die Pflanzen erst einmal von „Xylella fastidiosa“ befallen, gibt es bisher keine Heilung, auch wenn die Wissenschaft mit Hochdruck daran forscht. In Amerika setzt man sich bereits seit 150 Jahren erfolglos gegen das Bakterium zur Wehr.

Ein Jahr nach der Veredelung. Der Olivenbaum erholt sich. Fotos „Save the Olives“

Durch Rodung und großflächige Quarantäne-Schneisen wird in Apulien versucht, der Xylella-Verbreitung Einhalt zu gebieten. „Seit einigen Jahren beobachten wir eine deutliche Verlangsamung der Verbreitung, die auf eine Kombination verschiedener Faktoren zurückzuführen ist – darunter weniger günstige klimatische Bedingungen, eine geringere Zahl an Überträgerinsekten infolge besserer Anbaubedingungen sowie eine schnellere und effizienter organisierte Umsetzung der Eindämmungsmaßnahmen durch die Pflanzenschutzbehörden“, erklärt Donato Boscia. Trotzdem gewinnt das Feuerbakterium noch immer an Terrain und hat die Provinz Bari erreicht.

Dabei wurden für die Forschung an einem Pflanzenpathogen laut Boscia bisher noch nie so viele Ressourcen aufgebracht. Derzeit stehen der wissenschaftlichen Gemeinschaft mehrere Dutzend Millionen Euro zur Verfügung, um ihre Forschungsprojekte im Kampf gegen das Feuerbakterium voranzutreiben. Trotzdem seien die Bemühungen noch nicht ausreichend, unterstreicht der italienische Forscher.

Save the Olives
„Save the Olives“ ist eine gemeinnützige Organisation, die 2017 mit dem Ziel gegründet wurde, praktische Lösungen gegen das Pflanzensterben zu finden. Der Fokus liegt darauf, die monumentalen Olivenbäume im Itria-Tal, die zwischen 1.000 und 2.000 Jahre alt sind, vor dem Feuerbakterium zu retten. Dafür müssen die Baumriesen mit resistenten Olivensorten veredelt werden, noch bevor sie sich mit „Xylella fastidiosa“ anstecken. Dabei gehe es keineswegs nur um die Olivenölproduktion, erklärt Generalsekretär Patrizio Ziggiotti, denn ein so alter Baum sei kein Rekord-Produzent mehr. Die wichtigen Naturmonumente sollen aber unbedingt geschützt werden.

Mit einem speziellen Verfahren, das von „Save the Olives“ durch Kurse an die Betriebe weitergegeben wird, werden die neuen Sorten auf die antiken Olivenbäume gepfropft. Nur der originale Stamm bleibt erhalten, das Grün, das für den Befall der Überträgerinsekten anfällig ist, wird durch eine widerstandsfähige Sorte „ersetzt“. Das Zeitfenster dafür ist kurz, denn die Veredelung ist nur im Frühling möglich.

Momentan sind vier resistente Olivensorten bekannt: Leccino, Favolosa, Lecciana und Leccio del Corno. Nach weiteren Sorten wird durch Kreuzungen gesucht, doch der Prozess braucht seine Zeit. Die Widerstandsfähigkeit gegen das Feuerbakterium ist polygenetisch, also von mehreren Genen gleichzeitig abhängig. Die Immunität ist nicht vollständig, doch die resistenten Sorten werden durch eine Infektion mit dem Feuerbakterium nicht beeinträchtigt und geben durch die geringe Bakterienkonzentration im Pflanzensaft auch kaum Bakterien an andere Pflanzen weiter.

Olivami
Einige apulische Landwirtschaftsbetriebe haben mit „Olivami“ eine weitere Initiative gestartet. Solange es noch kein Heilmittel gegen den Olivenbaum-Killer gibt, müssen die neuen resistenten Sorten den Platz der toten Olivenbäume einnehmen. Um die Wiederaufforstung zu finanzieren, bietet „Olivami“ Patenschaften für Olivenbäumchen an. Diese werden an Kleinbetriebe gespendet. Denn Landwirtschaften, die weniger als fünf Hektar Olivenbäume an das Bakterium verloren haben, bekommen keine staatliche Unterstützung für die Wiederaufforstung. Dank „Olivami“ haben die kleinen Produzentinnen und Produzenten eine Chance, wieder von vorne anzufangen.

Betroffene Kleinbetriebe erhalten durch die Initiative „Olivami“ resistente Jungpflanzen. Foto Olivami

Der adoptierte Baum erhält eine eigene Namensplakette und sein Pate beziehungsweise seine Patin bekommt jedes Jahr einen Liter Olivenöl zugeschickt. Wer mag, kann seinen Olivenbaum in Apulien sogar besuchen. In den drei Jahren seit der Gründung hat „Olivami“ mithilfe der Patenschaften 42.000 Olivenbäumchen gepflanzt. Unternehmen haben auch die Möglichkeit, in ihrem Namen ganze Xylella-resistente Olivenhaine pflanzen zu lassen und CO₂-Zertifikate zu erhalten, die sie in ihre Nachhaltigkeitsbilanz und ESG-Berichte aufnehmen können.
Chiara Nocco, Community Managerin von „Olivami“, ist optimistisch: „Xylella hat eine verheerende Wirkung auf die Landschaft, die Wirtschaft und die Seele des Salento und von uns Salentinerinnen und Salentinern. Es geht nicht nur um den Verlust von Millionen Olivenbäumen, sondern um das Verschwinden eines jahrtausendealten Erbes, das ein wesentlicher Teil unserer Identität ist. Die Olivenbäume sind nicht einfach nur Bäume: Sie sind Erinnerung, Wurzeln, bäuerliche Kultur, Schatten während der heißen Sommer – und Hüter von Familiengeschichten, die über Generationen weitergegeben wurden. Die Wunden sind noch nicht verheilt, doch heute wächst mit den Olivenbäumen auch die Hoffnung, den Salento wieder grün zu sehen. Vor allem aber lebt die Hoffnung, ihn lebendig und fruchtbar an die kommenden Generationen weiterzugeben.“

Weitere Informationen:
savetheolives.com
olivami.com


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