KI, die neue Mitarbeiterin

Seit März dieses Jahres leitet die promovierte Betriebswirtin Sabrina Schneider die Forschungsgruppe „Digital Business Transformation“ an der FHV – Vorarlberg University of Applied Sciences. Wir haben die Expertin gefragt, auf welche Veränderungen in der Arbeitswelt wir uns gefasst machen – und freuen dürfen.
Von Simone Fürnschuß-Hofer

Als Betriebswirtin hat sich Sabrina Schneider vor Jahren schon auf den Bereich Künstliche Intelligenz (KI) spezialisiert – fasziniert vom Transformationspotenzial, insbesondere für die Arbeit von Menschen. Aktuell leitet sie die Forschungsgruppe „Digital Business Transformation“ sowie die gleichnamige Blum Stiftungsprofessur an der FHV. Mit ihrem Team begleitet sie dabei Unternehmen auf dem Weg in die digitale Zukunft. Hier sieht Schneider vor allem zwei zentrale Fragen: Wo wollen wir hin und wie können wir den Transformationsprozess vom Status quo in Richtung Zielbild gestalten? Bedenken aufseiten der Betriebe, wie: „Lohnt es sich? Welche Risiken bestehen? Wie können wir diese minimieren?“, seien dabei absolut berechtigt. Schließlich, betont Schneider, sei der zukünftige Einsatz von KI eine Gestaltungsaufgabe, bei der neben wirtschaftlichen und rechtlichen auch ethische Fragen adressiert werden müssen.

Wandel in der Arbeitswelt
Mitarbeitende, so Schneiders Erfahrung, wehren sich meist nur dann gegen KI, wenn diese Tätigkeiten übernimmt, die sie selbst gerne ausüben. Wie damals, als sie ein Unternehmen dabei begleitet hat, eine KI-basierte Software einzuführen, unter anderem um Meetings zu protokollieren. „Man könnte meinen, niemand schreibt gerne Protokolle – doch einige protestierten, weil sie die Rückzugsmöglichkeit fürs Protokollschreiben als angenehm empfanden.“

Zeitersparnis sei ohnehin selten das Hauptargument, betont Schneider. Vielmehr gehe es bei der Implementierung von KI-Technologie um Qualitätsverbesserung. Insgesamt wünscht sie sich eine differenziertere und ehrlichere Diskussion: „Natürlich sagen Unternehmen, sie wollen niemanden entlassen, sondern nur umgestalten. Doch angesichts des Wettbewerbsdrucks führt der Einsatz von KI vielerorts schlussendlich doch zu einer Reduktion der Belegschaft.“ Nicht, weil jetzt schon ganze Berufe verschwinden, sondern weil einzelne Tätigkeiten von KI-basierten Tools übernommen werden – und infolge Stellen nicht nachbesetzt werden müssen. Wenn sich Unternehmen digital rüsten, sei das aber vor allem eine Chance für die Angestellten: „Mit Technologie effektiv umgehen zu können, wird zu einem zentralen Unterscheidungsmerkmal auf dem Arbeitsmarkt.“ Genau diese Kompetenz sollen auch ihre Studierenden erwerben: „Uns ist wichtig, dass sie mit ihrem Abschluss KI effektiv nutzen können – nicht, um sich Noten zu erschleichen, sondern um die Tools im Berufsfeld gezielt und verantwortungsvoll einzusetzen.“

Ungewollte Begleiterscheinungen
Es sollte jedenfalls nicht nur um „besser, schneller, weiter“ gehen, gibt Schneider zu bedenken. Ebenso wichtig sei die Frage, wie menschliche Arbeit künftig aussehen soll, wenn Routineaufgaben an die KI delegiert werden. „Halten wir acht Stunden anspruchsvolle Tätigkeiten durch – fünf Tage die Woche? Vermutlich nicht“, meint sie. „Deshalb müssen wir uns auch fragen dürfen, was KI nicht übernehmen soll.“ Zudem gelte es, mögliche Nebenwirkungen ernst zu nehmen: „Wie wirkt sich intensive KI-Nutzung auf unsere psychische Gesundheit aus? Was passiert mit Selbstwert, Identität und Stolz, wenn Tätigkeiten, die uns wichtig sind, von Maschinen erledigt werden?“

Und dass KI mitunter soziale Ungleichheiten ausgleichen könnte, lässt die Professorin nicht gelten: „Im Gegenteil – die Schere geht eher weiter auseinander. Wer schon gute Voraussetzungen hat, lernt meist auch schneller, KI effektiv zu nutzen – und vergrößert so den Vorsprung. Noch sind die Unterschiede zwischen Gratis- und Premiumversionen überbrückbar, aber wer weiß, wie lange noch?“ Auch geopolitisch sieht sie Risiken: „Da könnten Player auftreten, die wir heute noch gar nicht auf dem Radar haben.“

Gewinn für Kreativschaffende
Gerade im kreativen Bereich ortet Schneider großes Potenzial: „Nicht, weil die Technologie besonders kreativ ist, sondern, weil sie so viele unterschiedliche Rollen für uns einnehmen kann.“ Beim Brainstorming etwa sei KI ein wertvoller Partner: „Mit einer zweiten oder dritten Person ist die Ideenfindung meist produktiver. Wenn diese gerade fehlt, kann ich gemeinsam mit KI Ideen entwickeln.“ Ebenso ließe sie sich gezielt zum Visionieren nutzen – etwa indem man sie bittet, sich in einen Produktmanager des Jahres 2030 zu versetzen und ein Produkt zu beschreiben, das es noch gar nicht gibt. Oder KI als Filter: „Früher haben wir in Innovationsworkshops unzählige Ideen gesammelt, deren Bewertung enorm viel Zeit kostete. Mit den richtigen Prompts übernehmen Chatbots das Evaluieren heute in Sekunden“, zeigt Schneider auf, wie Künstliche Intelligenz menschliche Arbeit zwar inspiriert und unterstützt, sie aber nicht überflüssig macht.

KI und Nachhaltigkeit
In der Diskussion rund um den Einsatz von KI wird ein Aspekt häufig ausgespart: der Ressourcenverbrauch, der insbesondere seit der Einführung der populären Chatbots wie „ChatGPT“, „Gemini & Co“ stetig steigt. Ein Liter Wasser für rund 70 Prompts – das summiert sich. Auch der Stromverbrauch ist enorm. Dem gegenüber steht das Argument, dass KI helfen kann, die globalen Nachhaltigkeitsziele voranzubringen – etwa durch prädiktive Modelle in Landwirtschaft, Handel oder Logistik. Sabrina Schneider: „Supermärkte können jetzt schon mithilfe von KI-basierten Tools recht genau vorhersagen, welche Produkte in welcher Menge verkauft werden. Wetter, Ferien oder regionale Events werden dabei miteinberechnet – das reduziert die Lebensmittelverschwendung erheblich.“
Im Spannungsfeld zwischen ökologischem Fußabdruck und Nachhaltigkeit wäre es derzeit wohl verfrüht, Bilanz zu ziehen. Am Ende, so Schneider, sei jede und jeder Einzelne gefordert, verantwortungsvoll und reflektiert mit KI umzugehen. Sie sei sich dabei der Ambivalenz bewusst – gerade, weil wir erst am Anfang einer Entwicklung stünden: „Aber wir müssen auch üben dürfen, um besser zu werden – das Experimentieren gehört einfach dazu.“


Digital Business Transformation
Kernaufgabe der Forschungsgruppe Digital Business Transformation und der gleichnamigen Blum Stiftungsprofessur an der FHV ist die Unterstützung von Vorarlberger Unternehmen und Studierenden beim Umgang mit digitalen Technologien – ein Schwerpunkt liegt dabei auf Künstlicher Intelligenz.

Die Leitung hat seit März 2025
Dr. Sabrina Schneider inne. Die promovierte Betriebswirtin blickt auf internationale Lehrerfahrung an Universitäten in Paris und Kattowitz sowie Forschungsaufenthalte in Barcelona, Kopenhagen und Wellington zurück. Zuletzt war Schneider als Professorin am Management Center Innsbruck (MCI) tätig, wo der Fokus ihrer Forschung auf den Auswirkungen Künstlicher Intelligenz lag, insbesondere auf menschliche Arbeit und die Strategiegestaltung.

Aufgewachsen ist Sabrina Schneider in der Nähe von Frankfurt und pendelt derzeit zwischen Dornbirn und Innsbruck.


Foto Anna Mare Geisler


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