Eine runde Sache

„Circl Pavillon“ in Amsterdam. Foto Ossip van Duivenbode

Klimafreundliche Architektur ist möglich. Das beweist der Designansatz „Cradle to Cradle“. Was steckt dahinter? Und wo macht „Cradle to Cradle“ schon heute sichtbare Unterschiede?
Von Katrin Brahner

Auf den ersten Blick sieht der „Circl Pavillon“ im Amsterdamer Finanzviertel „Zuidas“ wie ein ganz normales Gebäude aus: Eine große Glasfassade zieht sich um das längliche Bauwerk, das flache Dach ragt weit darüber hinaus und wird von schlichten Holzbalken gestützt. Auf zwei Stockwerken sind Konferenzräume, Büros und ein Restaurant untergebracht, oben auf der Dachterrasse gibt es eine Rooftop-Bar. Der „Circl Pavillon“, entworfen vom niederländischen Architekturbüro „de Architekten Cie.“, dient seit 2017 als Treffpunkt für die Menschen, die rund um Zuidas arbeiten und leben.

Was auf den ersten Blick nicht zu sehen ist: Für die Dämmung kamen rund 16.000 ausgediente Jeans zum Einsatz, die zu Fasern verarbeitet und zwischen wiederverwendeten Aluminiumprofilen eingespannt wurden. In den Konferenzräumen sorgt ein spezieller Putz aus alten Bankuniformen für eine angenehme Raumakustik, während die Glasrahmen aus Tropenholz einst Teil eines Philips-Büros in der Stadt Hilversum waren. Das Holzparkett stammt aus einem ehemaligen Kloster und einer Fußballbar, die Bodenfliesen in Küche und Sanitärbereichen bestehen aus recyceltem Beton, dem wärmespeichernde Stoffe beigemischt wurden. Selbst die Möbel im „Circl Pavillon“ haben eine Vergangenheit – es handelt sich um ausrangierte Stücke aus Gebäuden der niederländischen „ABN Amro Bank“.

Jeans wurden für die Decke verwendet.

Foto Ernst van Raaphorst

Auf dem Dach blüht ein öffentlich zugänglicher Garten, der über breite Stufen erreichbar ist. Auch die Seitenwand des Gebäudes ist komplett begrünt. Wenn es regnet, läuft das Wasser an der Außenwand hinab in eine unterirdische Zisterne. Dieses wird dann für die Toilettenspülung und zur Bewässerung des Gartens genutzt. Die 500 Solarpanels auf dem Dach sorgen für eine grüne Stromversorgung.

Gebäude und Produkte laufen im Kreis
Das Konzept, das dem „Circl Pavillon“ zugrunde liegt, nennt sich „Cradle to Cradle“. Übersetzt bedeutet das „von Wiege zu Wiege“. Produkte und Gebäude sollen demnach von Anfang an so gestaltet werden, dass sie nach der Nutzung entweder biologisch abbaubar oder technisch wiederverwertbar sind. Das heißt: Alle Materialien, die für ein Produkt oder ein Gebäude verwendet werden, sollen in den Kreislauf zurückgeführt werden können, aus dem sie stammen.

So kommen beim „Circl Pavillon“ statt neuer Materialien überwiegend recycelte oder bereits verwendete Baustoffe zum Einsatz. Sollte er eines Tages ausgedient haben, ließe er sich nahezu vollständig wieder auseinandernehmen. Selbst die Schrauben und Verbindungen wurden so gewählt, dass sie später gelöst werden können.

Damit bildet „Cradle to Cradle“ die Grundlage für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Ein klarer Gegenentwurf zum klassischen Ansatz „Cradle to Grave“, also „von der Wiege ins Grab“, der linearen Wirtschaft. Dieser folgt dem wenig nachhaltigen Muster: wegnehmen – herstellen – wegwerfen.

Bei „Cradle to Cradle“ geht es dabei nicht um Verzicht – im Gegenteil: Es geht um die Weiterentwicklung und Verbesserung von Produkten und Gebäuden. Diese sollen im besten Fall nicht nur klimaneutral, sondern klimapositiv sein. Vorbild ist die Natur: Auch hier bewegen sich Materialien im Kreislauf, es gibt keinen Müll. Wirft ein Baum seine Blätter ab, werden diese von Mikrolebewesen zu Erde zersetzt, aus der wieder Neues wachsen kann.

Zwei Kreisläufe, ein Ziel
So funktioniert auch der biologische Kreislauf von „Cradle to Cradle“. Dieser umfasst Verbrauchsprodukte wie Lebensmittelverpackungen, Kleidung aus Naturfasern oder Papier. Produkte im biologischen Kreislauf werden so gestaltet, dass sie nach der Nutzung kompostiert werden, zerfallen und Nährstoffe für neue Pflanzen liefern können. Damit das funktioniert, dürfen keine Schadstoffe enthalten sein. So verwandelt sich vermeintlicher Abfall in Nahrung für die Natur.

Da aber nicht alle Materialien biologisch abbaubar sind, gibt es einen zweiten, den technischen Kreislauf. Dieser betrifft zum Beispiel Metalle oder Kunststoffe. Das heißt, Gebrauchsprodukte wie Waschmaschinen oder Smartphones werden nach der Nutzung in ihre Einzelteile zerlegt, um neue Produkte in gleicher Qualität herzustellen. Auf diese Weise entstehen aus alten Produkten neue – ohne dass wertvolle Materialien verloren gehen.

Die Erfinder des Prinzips
Begründet wurde das „Cradle to Cradle“-Prinzip Ende der 1990er Jahre vom US-amerikanischen Architekten William McDonough und dem deutschen Chemiker Michael Braungart. Die beiden trafen sich zum ersten Mal in den frühen 1990er Jahren in New York. 2002 stellten sie den Ansatz in ihrem Buch „Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things“ der Welt vor. McDonough ist unter anderem mit dem „Presidential Award for Sustainable Development“ (1996) und dem „Hero for the Planet Award“ des Time Magazine (1999) ausgezeichnet.

Schon während seines Architekturstudiums an der Yale-Universität entwickelte er die Idee, dass Gebäude nicht nur funktional, sondern auch ökologisch regenerativ sein sollten. Vor allem seine Kindheit in Japan habe ihn dahingehend geprägt, wie er in einem Interview mit dem Magazin Vanity Fair preisgibt. Nachts habe er die Bauern hören können, die mit ihren Ochsenkarren auf den kopfsteingepflasterten Straßen die Abwässer holten. Seine Mutter habe ihm dann erklärt, dass sie die Fäkalien auf den Reisfeldern ausbrachten, woraus neue Nahrung wachsen würde. So lernte er früh eines der zentralen Prinzipien seines späteren Konzepts kennen: Abfall ist Nahrung.

„Cradle to Cradle“: Sichtbare Unterschiede
Gerade in der Architektur ist „Cradle to Cradle“ so wichtig: Laut dem „Global Status Report for Buildings and Construction“ (deutsch: Globaler Statusbericht für Gebäude und Bauwesen) des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) ist der Gebäudesektor weltweit für etwa 38 Prozent der energiebedingten CO₂-Emissionen verantwortlich. Diese Zahl umfasst sowohl die Emissionen, die direkt durch den Bau und Betrieb von Gebäuden entstehen, als auch die, die bei der Herstellung von Baumaterialien wie Zement, Stahl und Glas freigesetzt werden.

Zirkuläre Architektur hingegen soll einen Mehrwert für Mensch und Umwelt generieren, anstatt Schaden anzurichten. Die Bauweise setzt auf wiederverwendbare Materialien, erneuerbare Energien und ein umfassendes Wassermanagement. Der „Circl Pavillon“ in Amsterdam ist dabei nur eines von vielen Beispielen, die schon heute zeigen, wie die Architektur von morgen funktioniert.

Viele weitere „Cradle to Cradle“-Gebäude finden sich im Portfolio des 1981 von McDonough gegründeten Architekturbüros „McDonough + Partners“. Eines davon ist das „ICEhouse“ in der Schweizer Gemeinde Davos. Dieses wurde 2016 für die Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums errichtet. Beim Bau der Fassade kamen sogenannte „WonderFrames“ von McDonough zum Einsatz. Dabei handelt es sich um ein leichtes, wiederverwendbares Raumtragwerk. Die einzelnen Elemente können mit einfachen Werkzeugen verbunden werden. So benötigte ein vierköpfiges Team gerade einmal neun Tage, bis das „ICEhouse“ fertiggestellt war. Alle verwendeten Materialien können nach der Nutzung wieder in ihre Kreisläufe zurückgeführt werden.
Seither wird das „ICEhouse“ an verschiedenen Orten aufgebaut, wie etwa bei der „Circular EXPO“ in den Niederlanden und jedes Jahr aufs Neue in Davos. „Im poetischen Sinne ist es, wie Eis, vergänglich: Es ist für eine Woche hier, in den Alpen“, beschrieb McDonough das Gebäude 2016 in einem Interview mit der New York Times. „Nächste Woche schmilzt es – und wird anderswo wieder auftauchen.“
mcdonoughpartners.com


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