Glitzernde Glaskunst

Reflektor, Christbaumschmuck aus Gablonz, Hohlkörper mit leonischem Draht.

Eine Schau im Museum für angewandte Kunst (MAK) nimmt sich gerade dem Gablonzer Christbaumschmuck an. Der Star dabei ist die Glasperle: Wie aus ihr einzigartige filigrane Objekte für den Weihnachtsbaum entstehen, ist ein Schaubeispiel für die Begegnung von Handwerkskunst und industrieller Fertigung.
Text Magdalena Mayer, Fotos © MAK, Christian Mendez

Fallschirmspringer, Christbaumschmuck aus Gablonz. Glasperlen und Glasstäbchen mit Draht
Begonnen hat die Faszination auf dem Wiener Flohmarkt: Dort entdeckte die Kunsthistorikerin Waltraud Neuwirth ganz besondere Glasperlen: Hohlperlen, innen gerippt und doppelt gedreht. Es waren zwei Exemplare des Gablonzer Christbaumschmucks, jenes handgefertigten Baumbehangs aus hohlgeblasenem Glas aus dem böhmischen Raum rund um die tschechische Stadt Jablonec nad Nisou (Gablonz). Er wurde im 20. Jahrhundert zu einem bedeutenden kulturellen und wirtschaftlichen Phänomen dieser Region. Neuwirth, langjährige Leiterin der Sammlungen für Glas und Keramik im Museum für angewandte Kunst in Wien, begann aus Interesse an der perlverzierten Handwerkskunst, diese Objekte zu sammeln. Für die Ausstellung „Fahrrad & Hummer“ – die diesen Winter mit verspieltem und kunstvoll verziertem, erstaunlich filigranem und auch amüsant-kitschigem Baumschmuck aus Gablonz den Kunstblättersaal im MAK in eine funkelnde Parallelwelt verwandelt – erzählte sie ihre Anekdote vom Flohmarktfund, und wie sie danach weitersammelte, ihrer ehemaligen Museumskollegin Kathrin Pokorny-Nagel. Die Leiterin der Bibliothek und Kunstblättersammlung kam über die vielen Bücher, die Neuwirth nach dem Start ihrer Sammelleidenschaft über den Gablonzer Schmuck schrieb, mit ihr ins Gespräch darüber. Somit lag es nahe, dass sie die Schau dazu kuratieren würde, als Neuwirth eine Schenkung von unglaublichen 3.000 Objekten an das MAK übergab.
Fallschirmspringer, Christbaumschmuck aus Gablonz. Glasperlen und Glasstäbchen mit DrahtWenn Spinnen und Räder am Baum hängen
Es dauerte eine Zeit, bis sich Pokorny-Nagel durch die Schachteln mit den Objekten gewühlt hatte, aber das Stöbern habe glücklich gemacht. Mit der Präsentation im Museumssaal wolle sie diese Freude beim Entdecken und Bestaunen weitergeben: „Christbaumschmuck löst Emotionen aus, viele kennen das vom eigenen Zuhause, man hat Dinge von den Eltern übernommen und erinnert sich an früher, als es am Baum hing.“ Traditionelle Motive wie Sterne oder Engerl sind zwar in der Ausstellungsgestaltung von Designerin Johanna Pichlbauer dabei, die den Moment vom Auspacken und Aufputzen mit Schachtelformen und Mobile aufgreift, aber: „Es war von Anfang an das Markenzeichen des Gablonzer Christbaumschmucks, dass es unübliche Stücke sind, darunter viele Alltagsgegenstände“, sagt Pokorny-Nagel und zeigt auf das titelgebende Fahrrad, das im Raum baumelt. Motive aus dem Bereich der Mobilität – Räder, Schiffe, Autos – oder auch Tiere wie Spinnen (wegen eines weihnachtlichen Volksmärchens aus der Ukraine), Obst, geometrische Formen: Die Miniaturen seien erst später figürlicher geworden, der Stern, den man üblicherweise auf die Baumspitze steckt, überhaupt sehr spät eingeführt worden, erzählt die Kuratorin. Die Schau startet mit den 1920er Jahren, als der Christbaumschmuck breit gefächert in die Haushalte eingezogen ist und die Nachfrage hoch war, und verfolgt die Entwicklung bis in die 1980er Jahre, als man die Objekte erst vorwiegend als Miniaturen, dann auch in größeren Dimensionen anfertigte. Die Sammlungspräsentation zeichnet vor allem eines nach: die Verschränkung von Kunst und industrieller Fertigung, für die die Gablonzer Glasmachertradition bestes Beispiel ist.
Fahrrad, Christbaumschmuck aus Gablonz, Glasperlen, Glasstäbchen und Bangles mit Drah

Die Perle im Mittelpunkt
„Der Gablonzer Christbaumschmuck steht für die Perle. Dieses kleinste Detail macht ihn aus. Man muss die Objekte ganz genau betrachten, dann sieht man die unterschiedlichsten Formen und Fertigkeiten“, betont Pokorny-Nagel. Sie besuchte die Produktionsstätte in Rautis, um die Handwerkskunst besser zu verstehen. Dort ist die einzige Firma im böhmischen Raum situiert, die bis heute besteht; auf die Hochblüte in den 1920ern folgte die Emigration vieler Produzenten, das Zentrum löste sich auf. In Rautis aber fand die Kuratorin noch die Möglichkeit, selbst in die Handwerkskunst einzutauchen und mitzuverfolgen, wie das Glas erwärmt, das Glasstäbchen in einem Model zu Perlen gepresst wird. Im Kunstblättersaal führt ein Film in die Produktionsabläufe ein. „Waltraud Neuwirth hat sich nicht nur für das schöne Objekt interessiert, sondern auch für die Technologie dahinter, den Entstehungsprozess“, erklärt Pokorny-Nagel. „Die Perlen sind zuerst durchsichtig, das ist für Christbaumschmuck von Nachteil, weil der Draht beim Auffädeln durchschimmert. Statt sie nur mit Farbe zu bemalen, die sich schnell abnützen würde, hat man begonnen, die Perlen innen mit einer Silbernitratlösung zu beschichten“ – das sei ein Qualitätsunterschied zu anderem Christbaumschmuck. Die fertigen Stücke glänzen auch in Gold und bunten Farben; weißes Glas entsteht, wenn man besonders viel Sauerstoff hineinbläst.

Perlenmännchen, Christbaumschmuck aus Gablonz, Glasperlen, Hohlkugeln, Draht und Filz.

An einigen Objekten ist der Weg der Produktion gut nachvollziehbar: Manche sind noch nicht fertig bemalt, andere sind als simple Perlenstangen – sogenannte Klautschen – ausgestellt, die noch kein Käppchen zur Aufhängung am Baum tragen. „Nicht alle wurden in Einzelperlen zerteilt, sondern teilweise auch als Stangen belassen, so bleiben geometrische Formen beim Christbaumschmuck später stabil.“ Die Gablonzer Glasmacherinnen und -macher wurden zuerst durch ihre Schmuckherstellung berühmt, bevor sie zur Christbaumdekoration wechselten. Aus Ringen, die produziert wurden, um in Indien als Schmuckstücke getragen zu werden, machte man später Christbaumanhänger, zeigt Pokorny-Nagel an anderen Objekten. Halsketten und Armreifen seien in der K. u. K.-Zeit ein gefragtes Exportgut nach Indien gewesen, dann wurden sie auch nach Japan verschifft. „Es ist bezeichnend, dass eines der größten Handelsschiffe der damaligen Zeit den Namen Gablonz trug“, meint die Kuratorin und ergänzt: Als der Bedarf an Christbaumschmuck ab 1900 gestiegen sei, bestellte man auch in den USA jenen aus Gablonz. So kam der Hummer als Motiv ins Museum: „In den USA wird Hummer zum Weihnachtsfest gegessen.“

MAK Ausstellungsansicht, 2025
„FAHRRAD & HUMMER“. Funkelnder Baumschmuck aus Gablonz. MAK Kunstblättersaal.

Glas mit Glimmer
Die Werkstätten in Gablonz reagierten auf Motivwünsche, eine richtige Industrie mit Musterkarten entstand. Von wann genau welches der Objekte ist, lasse sich im Nachhinein nicht sagen, Grundarchive seien verloren gegangen. Jedoch gehe es in der Ausstellung sowieso nicht um geschichtliches Detailwissen: Sie soll eine atmosphärische Schau sein, die Geschichten um die Stücke erzählt und den Blick für Details beim Handwerk schärft. Das ist am Ende nicht nur die Perle, die zwar der kleinste gemeinsame Nenner aller Objekte ist, denn zu ihr haben sich im Laufe der Jahre andere Materialien gesellt: Draht oder Karton, Textilien, Holz. Viele der Ausstellungsstücke sind mit Glimmer, zu feinem Staub und kleinen Stücken zerstoßenem Gablonzer Glas, veredelt, kleine Äpfel funkeln eindrucksvoll. Pokorny-Nagl verrät ihre persönlichen Lieblingsobjekte unter den Gegenständen des täglichen Gebrauchs: Miniaturhandtaschen, die durch Klautschen in ihrer Form gehalten werden.
Auch die klassische Christbaumkugel findet sich unter den ausgestellten Objekten. „Das ist eine Form, die in der Glasherstellung einfach gut zu blasen ist“, so die Kuratorin. Die Schau zeigt aber auch bei ihnen einen Twist: Glaskugeln mit Reflektoren, die an einer Seite eingedrückt sind und so ein Bildmotiv im Inneren freigeben – Tiere etwa. Mit zeitgenössischen Motiven läuft die Produktion in Rautis weiter, im Museumsshop sind Stücke erwerbbar. Viele der Sammlungsobjekte sind allerdings heute schwer auffindbare Einzelstücke. „Deshalb hängt jetzt mein eigener Hummer, den ich mir vor ein paar Jahren gekauft habe, hier in der Ausstellung, weil man den nicht mehr bekommt.“ 

FAHRRAD & HUMMER
Funkelnder Baumschmuck
aus Gablonz
24.9.2025 – 1.2.2026
MAK – Museum für angewandte Kunst,
Kunstblättersaal. mak.at

Hummer, Christbaumschmuck aus Gablonz, Glasperlen und Glasstäbchen mit Draht.


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