„Ich wollte nicht als Eremit irgendwo allein Kartoffeln anbauen“
Bild: Heinz Feldmann, Mitbegründer des „Wohnprojekt Wien“ und überzeugter Soziokrat. Foto rupertpessl.com
Gemeinschaftliches Wohnen gilt vielen als Gegenentwurf zu Vereinzelung, Wohnungsmarktlogik und Ressourcenverschwendung. Doch wie entsteht ein solches Projekt wirklich – jenseits von Idealismus und romantischen Vorstellungen? Im Gespräch erzählt Heinz Feldmann – einer der Initiatoren des gemeinschaftlichen „Wohnprojekt Wien“ – von seinem persönlichen Weg, von Konflikten, Lernprozessen und der Frage, wie gemeinsames Leben in der Stadt langfristig gelingen kann.
Von Harald Triebnig
Herr Feldmann, wie kommt man dazu, sich so intensiv mit Gemeinschaft und gemeinschaftlichem Wohnen zu beschäftigen?
Heinz Feldmann: Wenn man sich meinen Lebenslauf anschaut, wirkt das auf den ersten Blick gar nicht logisch. Ich habe eine Karriere hingelegt, wie sie damals möglich war: Lehre, Verkauf, später Führungsfunktionen bis hin zur Leitung einer Konzernniederlassung eines internationalen Medizintechnikunternehmens. Mit Anfang 30 war ich am Höhepunkt dieser Karriere und hatte ein sehr gutes Gehalt und viel Verantwortung. Also alles, was man landläufig unter Erfolg versteht. Gleichzeitig habe ich gemerkt: Dieses Spiel will ich nicht bis zum Ende spielen. In Konzernen gilt irgendwann nur noch absolute Verfügbarkeit. Wenn dir jemand sagt, du sollst morgen in Shanghai sein, dann ist es egal, ob dein Kind gerade Matura feiert. Man verlangt von dir, dass du Prioritäten setzt. Da wusste ich: Das passt nicht zu meinem Leben.
War das der Moment des Umbruchs in Ihrem Leben?
Es war ein erster. Danach habe ich mit Partnern eine Verkaufstrainingsfirma gegründet und war sehr erfolgreich damit. Aber ich hatte noch immer das gleiche Mindset: Leistung, Wachstum, Optimierung. Der entscheidende Wendepunkt kam später, auf einer Weltreise, die ich mir mit Anfang 40 endlich selbst erlaubt hatte – mit dem Rucksack einmal rund um die Welt. Auf dieser Reise habe ich sehr deutlich gesehen, wie absurd unser Wirtschaftssystem funktioniert. Ich war in so vielen Ländern mit riesigen Rohstoffreichtümern, und fast gar nichts davon kommt bei der Bevölkerung an. Da ist mir klar geworden: So, wie wir wirtschaften und leben, fahren wir die Karre an die Wand – ökologisch und sozial.
Und daraus entstand Ihr Wunsch nach Gemeinschaft?
Ja! Ich wollte versuchen, einen enkeltauglichen Lebensstil für mich zu entwickeln. Ich wollte aber nicht als Eremit irgendwo allein Kartoffeln anbauen. Denn ich habe auf der Reise erlebt, wie gut Gemeinschaft funktionieren kann – ganz pragmatisch. In einem Overland-Bus mit zwanzig fremden Menschen lernst du schnell: Mit klaren Regeln und Arbeitsteilung ist das Leben eigentlich viel leichter. Das war für mich ein Aha-Moment. Gemeinschaft ist nicht nur Verzicht, sie kann auch Komfort und Lebensqualität bedeuten.
Wie wurde aus dieser Erkenntnis ein konkretes Projekt?
Nach meiner Rückkehr habe ich mir bestehende Gemeinschaftsprojekte angeschaut – Ökodörfer, Kommunen, Wohnprojekte. Vieles war sympathisch, aber für mich nicht stimmig. Ich wollte nicht aufs Land ziehen und dann beispielsweise für ein breites kulturelles Angebot erst wieder stundenlang in eine Stadt fahren. Mir wurde klar: wenn Gemeinschaft, dann urban. 2009 habe ich gemeinsam mit zwei Freundinnen begonnen, Menschen einzuladen, die an gemeinschaftlichem Wohnen in Wien interessiert waren. Wir haben nichts anderes gemacht, als regelmäßig Treffen zu organisieren und diese mit ganz einfachen Methoden zu moderieren. Jede und jeder sollte sagen können, was er oder sie sich wünscht – ohne Diskussion, ohne Bewertung.
Kommt man so überhaupt zu einer Einigung?
Sehr schnell sogar. Gemeinschaftsküche, Werkstatt, Gästezimmer, Kinderbereiche – in diesen Bereichen gab es große Übereinstimmungen. Der einzige echte Konfliktpunkt war die Lage: Stadt oder Speckgürtel. Also haben wir die Gruppe geteilt. Das war wichtig und richtig, weil Kompromisse in diesem Bereich am Ende niemanden glücklich machen. Mit den Leuten, die pro Stadt waren, ging es dann sehr rasch in die Umsetzung. Innerhalb eines halben Jahres war der Verein gegründet, es gab eine Kerngruppe und eine klare Vision.
Wie wurde aus der gemeinsamen Vision dann das „Wohnprojekt Wien“, das mittlerweile seit mehr als zwölf Jahren im 2. Wiener Gemeindebezirk besteht?
Wir haben uns auf einen städtischen Bauträgerwettbewerb eingelassen, obwohl diese Verfahren eigentlich nicht für Baugruppen gedacht waren. Es gab Finanzierungsprobleme, rechtliche Hürden, und kurz vor dem Einzug ist auch noch die Baufirma pleitegegangen. Rückblickend war das ein Kraftakt, der mich – und viele andere – an Grenzen gebracht hat. Aber es hat auch gezeigt, was möglich ist, wenn Menschen wirklich gemeinsam etwas wollen. Es war natürlich ein entscheidender Vorteil, dass wir von Anfang an Architekten und Architektinnen in der Gruppe hatten, die heute noch immer ihr Büro im Erdgeschoss des Gebäudes haben.
Aktuell leben rund 100 Menschen im Haus. Wie funktioniert das im Alltag?
Es gibt Fluktuation, aber nicht übermäßig viel. Wir haben bewusst auf die Altersdurchmischung geachtet, damit das Haus nicht nach einigen Jahren zum Altersheim wird. Denn alle zusammen werden wir jedes Jahr 100 Jahre älter. Besonders wichtig war uns, auch junge Erwachsene einzubinden. Deshalb gibt es eine große WG, in der man nur bis zum 30. Lebensjahr wohnen darf und für die man keine Eigenmittel einbringen muss. Die gängigen Herausforderungen kennt jede und jeder: unterschiedliche Vorstellungen von Sauberkeit, Kindererziehung, zu viel oder zu wenig Engagement. Es sind eigentlich nie die großen, abstrakten Themen, sondern immer das Alltägliche, das zu Reibung führt.
Was ist die größte Herausforderung für Sie?
Loslassen. Ich bin von Anfang an dabei. Das ist ein Privileg, aber auch eine Verantwortung. Ich muss aufpassen, nicht übergriffig zu werden. Gemeinschaft funktioniert nur, wenn Entscheidungen wirklich geteilt werden, auch wenn einem das Ergebnis manchmal nicht gefällt.
Das Haus ist soziokratisch organisiert. Warum hat sich die Gemeinschaft für dieses Modell entschieden?
Weil es eine Balance zwischen Effizienz und Resilienz schafft. Entscheidungen werden in klar definierten Arbeitskreisen mit klaren Zuständigkeiten getroffen. Das ist zwar ein langsamerer Prozess als in klassisch hierarchischen Modellen, aber dafür ein extrem stabiler. Wir haben in der Planungs- und Bauphase rund 24.000 ehrenamtliche Stunden eingebracht. Das entspricht einem enormen Wert – und es zeigt, dass Gemeinschaft nicht nebenbei entsteht. Man muss bewusst Zeit und Energie investieren.
Was würden Sie anderen Gemeinschaftsprojekten mitgeben?
Erstens: Man braucht eine ehrliche Motivation. Gemeinschaft ist kein Ort, um eigene Probleme abzuladen. Zweitens: Man sollte realistische Erwartungen haben. Es wird gestritten, es wird mühsam und es verändert einen selbst. Und drittens: Pragmatismus. Gemeinschaft darf kein Luxusprojekt werden. Sie braucht eine kritische Größe, klare Strukturen und die Bereitschaft, Fehler zu machen – und aus ihnen zu lernen.


Wohnprojekt Wien
Das „Wohnprojekt Wien“ im 2. Wiener Gemeindebezirk bietet rund 100 Menschen in 40 Wohnungen Platz und setzt auf gemeinschaftliches Eigentum, geteilte Ressourcen und soziale Nachhaltigkeit. Durch klare Strukturen, Altersdurchmischung und freiwilliges Engagement entstand 2013 eine Wohnform im urbanen Raum, die nicht der Marktlogik unterworfen ist.

Heinz Feldmann
Praxishandbuch Leben in
Gemeinschaft: partizipativ planen,
bauen und wohnen
352 S., oekom verlag
ISBN 978-3-96238-361-9, 2022
Leseprobe: leben-in-gemeinschaft.com






