Hauptsache gesund. One Health im Praxistest

Bild: Das gemeinnützige Projekt „City Farm Augarten“. Foto privat

In der vergangenen Ausgabe haben wir Städte als Brennglas und Bühne der Klimakrise betrachtet. Nun richten wir den Blick auf die Praxis: Wie wird das „One-Health-Konzept“ konkret gelebt? Wie sieht der Ansatz im Alltag und in den Gemeinden aus? Verschiedene kommunale Initiativen zeigen, dass „One Health“ weit mehr ist als ein theoretisches Konzept.

Von Judith Lorenzon

Gesundheitskrisen entstehen heute selten isoliert. Pandemien, antimikrobielle Resistenzen und die Folgen des Klimawandels legen dar, wie eng die menschliche Gesundheit mit der von Tieren und Umwelt verflochten ist. Internationale Initiativen und politische Strategien – etwa durch die Zusammenarbeit europäischer Staaten (siehe beispielsweise das „One Health High-Level Expert Panel“ (OHHLEP)) – zeigen, dass sektorübergreifendes Handeln möglich ist. Doch so wichtig globale Kooperationen sind, ihre Wirkung entfaltet sich erst dann voll, wenn sie in konkrete Maßnahmen vor Ort übersetzt werden.

Von der Theorie in die Praxis
Nachhaltige Veränderungen entstehen, wenn Menschen Verantwortung übernehmen, wie das Projekt „Wiener Biodiversitätskorridor“ eindrucksvoll zeigt. Was die Stadtplanung der vergangenen Jahrzehnte versäumt hat, muss jetzt dringend nachgeholt werden. Demnach ist das erklärte Ziel des Projekts, „naturnahe, blühende Biodiversitätsoasen entlang von Straßen und Plätzen zu schaffen, die größere Grünflächen miteinander verbinden“, erklärt Projektleiter Mag. Florian Etl von der Universität Wien. Warum ist das so wichtig? „Diese Vernetzung ist entscheidend, weil viele Tier- und Pflanzenarten in isolierten ‚Inseln‘ leben – Parks, Innenhöfen oder Brachen, die oft voneinander abgeschnitten sind. Der Korridor schafft Trittsteine zwischen diesen Flächen. Nur so können genetischer Austausch und stabile Populationen ermöglicht werden.“

Mag. Florian Etl, Wiener Biodiversitätskorridor.
Foto Oliver Zeindl

Umgesetzt wird das durch die Anlage biodiversitätsreicher Beete im Straßenraum, die naturnahe Gestaltung von Alleen, die Verwendung heimischer Wildpflanzen und – wo möglich – durch Entsiegelung. Ergänzt werden diese Maßnahmen durch sogenannte Biodiversitäts-Grätzloasen: kleine, bepflanzte Aufenthaltsorte mit Naturlehrpfaden, die zugleich Treffpunkte für Führungen und Nachbarschaftsprojekte sind. „Durch die Einbindung der Bewohnerinnen und Bewohner kann jede und jeder einen Beitrag zum Erhalt und zur Förderung der Artenvielfalt leisten und gleichzeitig die eigene Umgebung verschönern“, so Florian Etl. „Liebevoll gestaltete Informationsschilder erklären komplexe Interaktionen zwischen Pflanzen und Tieren und stärken damit die Akzeptanz für mehr Wildnis in der Stadt. Anrainerinnen und Anrainer werden zudem animiert, selbst Flächen naturnah zu ‚begarteln‘, wozu die Initiative der Stadt Wien ‚Garteln ums Eck‘ ermutigt.“

Umweltbildung im Sinne von „One Health“
Ein weiterer nennenswerter Pluspunkt ist die frühkindliche Bewusstseinsbildung, denn der „Wiener Biodiversitätskorridor“ ist ein Projekt, das buchstäblich Schule macht: „Eine enge Kooperation mit Schulen macht es möglich, dass Schulklassen Pflanzen und Tiere im eigenen Grätzl erforschen“, erzählt Florian Etl. „Klassen müssen dementsprechend nicht erst in den Wienerwald oder in den Nationalpark Donau-Auen fahren, um in Kontakt mit der Natur zu treten. Sie entdecken sie ganz einfach entlang des täglichen Schulwegs.“ Neben dem Bildungseffekt erfüllen die Blühflächen auch wichtige klimatische Funktionen. Sie tragen zur Kühlung der Stadt bei, verbessern das Mikroklima, filtern Luftschadstoffe und produzieren Sauerstoff. Alles messbare Effekte, die sich in eine wachsende Liste bis dato dokumentierter Projekterfolge einfügen: „Durch regelmäßige Erhebungen wurden bereits rund 90 Wildbienenarten und etwa 180 bestäubte Pflanzenarten entlang erster Korridorabschnitte dokumentiert. Einzelne Wildbienen und Hummeln werden mit Farbcodes markiert, um ihre Wanderbewegungen sichtbar zu machen – dabei konnten Distanzen von bis zu 700 Metern zwischen einzelnen Oasen nachgewiesen werden.“ Solche Daten belegen, dass selbst kleine, kostengünstige Maßnahmen eine große Wirkung entfalten können, wenn sie richtig umgesetzt und kommuniziert werden.

„One Health“ beginnt vor Ort
Der „Wiener Biodiversitätskorridor“ ist nur ein Beispiel dafür, wie verschiedene Sektoren, Disziplinen und Gemeinschaften auf unterschiedlichen Ebenen gemeinsam aktiv werden. Das Planungsprojekt „Supergrätzl“ „mobilisiert“, indem es umweltfreundliche Mobilität in den Fokus rückt und die Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner von Beginn an als zentralen Bestandteil versteht. „So wie in vielen anderen europäischen Städten sind auch in Wien die Auswirkungen des Klimawandels deutlich spürbar – die Zahl der Hitzetage steigt“, erklärt Dipl.-Ing.in Ina Homeier, stellvertretende Abteilungsleiterin und Leiterin des Referats für Transdisziplinäre Urbane Themen der Abteilung für Stadtentwicklung und Stadtplanung der Stadt Wien. „Die Umsetzung der Supergrätzl steht in diesem Kontext für eine zukunftsweisende Stadtplanung und klimafitte Stadtentwicklung, die nicht nur auf kommunaler Ebene beschlossen wird, sondern unter aktiver Einbindung der Wienerinnen und Wiener selbst. So floss das Feedback der Anrainerinnen und Anrainer, welches im Rahmen von Informationsveranstaltungen, Straßenlaboren, Grätzl-Spaziergängen sowie Sommeraktionen und Straßenfesten gesammelt wurde, direkt in die Planung der neuen klimabewussten Gestaltung und Nutzung öffentlicher Straßenräume ein.“

Dipl.-Ing.in Ina Homeier, Magistratsabteilung 18
für Stadtentwicklung und Stadtplanung.
Foto Stadt Wien, Luiza Puiu


Kern der Transformation zu einem „Supergrätzl“ ist die vollständige Unterbindung des Durchzugsverkehrs für Autos und andere motorisierte Fahrzeuge. Ziel ist es, Straßenräume nicht länger primär dem Autoverkehr zu widmen, sondern sie als sichere und lebenswerte Aufenthaltsorte für die Bevölkerung zu gestalten. „Im urbanen ‚Freiluftwohnzimmer‘ – Wiens erstem „Supergrätzl“ im Herzen Favoritens – wurden Straßen und Kreuzungen mithilfe sogenannter Diagonalfilter so umgebaut, dass der motorisierte Verkehr gezielt auf die umliegenden Hauptstraßen zurückgeleitet wird. Rund um das ‚Herzstück‘ des Viertels entstand zudem eine großzügige Fußgängerzone und parallel zur Verkehrsberuhigung wurde der öffentliche Raum umfassend begrünt und aufgewertet“, so Dipl.-Ing.in Ina Homeier. „Wir wollen den öffentlichen Raum wieder stärker den Menschen zurückgeben und gleichzeitig einen Beitrag zur Klimaanpassung leisten.“

(K)ein Einzelprojekt
Das „Supergrätzl“ ist Teil einer umfassenderen Entwicklung in Wiens Stadtplanung. Über 340 Projekte hat Österreichs Hauptstadt in den vergangenen Jahren unter dem Titel „Raus aus dem Asphalt“ umgesetzt. Sie alle verfolgen dieselben Ziele: versiegelte Flächen zurückzubauen, Grünräume zu schaffen und den öffentlichen Raum so zu gestalten, dass Klima, Gesundheit und Lebensqualität gleichermaßen gestärkt werden.

Dipl. Päd. Wolfgang Palme, City Farm Augarten. Foto supercontent.at


Ein echtes Unikat ist die „City Farm Augarten“ in Wien. Pädagogisch konzipiert nach dem Vorbild großer internationaler Institutionen wie dem „Brooklyn Botanic Garden“ in New York, sieht sich das gemeinnützige Projekt „als lebendiger Lernort mitten in der Großstadt, wo Klein und Groß die Entstehungsgeschichte von Lebensmitteln sowie die Freude an Gemüse und am Gärtnern erleben können“, erklärt Wolfgang Palme, Obmann „City Farm Augarten“ und Dipl. Päd. Agrarpädagogik. Die private Initiative bringt mit Engagement Wissen über die Vielfalt von Gemüse und den gekonnten Anbau in die Stadt, macht Lust auf Urban Gardening und die Kunst, auch im Winter Gemüse zu ernten. „Tausende Kinder und Erwachsene besuchen jedes Jahr unseren Garten bei Gartenworkshops, Erlebnistouren oder bei unseren saisonalen Bio-Jungpflanzenmärkten. Hier lernen sie am lebenden Objekt, was Ökologie, Bodenfruchtbarkeit, Gemüsevielfalt, Nützlingsförderung und Partizipation bedeutet. Ganz nach dem Motto ‚Nice to eat you‘ ist unser Garten als kleines Stück Landwirtschaft zu verstehen, der zeigt, wie eine nachhaltige Beziehung zwischen Mensch und Pflanze aussieht.“

„Leben im Einklang mit der Natur“
Was die „City Farm Augarten“ im Kleinen ist, ist der UNESCO-Biosphärenpark Großes Walsertal im Großen – eine riesige Kulturlandschaft, der sich knapp 3.500 Einwohnerinnen und Einwohner im Herzen Vorarlbergs mit viel Fürsorge widmen, um die Biodiversität als Grundlage für Leben und Wirtschaft im Tal zu bewahren. „Das Große Walsertal versteht sich als Modellregion für nachhaltiges Leben im ländlich-alpinen Raum“, erzählt Matthias Merta, Leiter Natur- und Landschaftsschutz, Forschung und Bildung.

Matthias Merta, UNESCO Biosphärenpark Großes Walsertal, Vorarlberg.
Foto Lisa Platzgumme

„Einheimische wie Gäste profitieren gleichermaßen. Mit dem Tourismus, der sich hier auf Erholung und Erlebnis authentischer Natur und Kultur fokussiert, wird Wertschöpfung weit über die Übernachtungen hinaus in den Wirtschaftsbetrieben der Region generiert. Einheimische wiederum leben von Infrastruktur wie Seilbahnen und Gastronomie. Intakte Natur, Landwirtschaft, Tourismus, Gewerbe und Lebensqualität sind nicht voneinander zu trennen.“ Der sichtbare Erfolg ist die Region selbst, wie sie heute dasteht: eine junge Talschaft mit sechs Gemeinden; Ganzjahrestourismus, der ohne Großinvestoren von außerhalb vor allem regionale Wertschöpfung generiert; eine sehr gute Abdeckung mit öffentlichem Nahverkehr, Nahversorgern, Schulen und Kindergärten, Energieautonomie; engagierte Wirtschaftsbetriebe, ein sehr aktives Vereinsleben, ein lebenslanges Bildungsangebot mit Fokus auf nachhaltige Entwicklung sowie vielfältige und regelmäßige Möglichkeiten, wie sich Bürgerinnen und Bürger in politische Entscheidungsprozesse einbringen können. „Parallel dazu haben sich die Landwirtschaft und auch die Alpwirtschaft über die vergangenen Jahrzehnte auf höchstem Niveau sehr gut gehalten, was im Vergleich mit anderen Regionen in Österreich herausragend ist. Und nicht zuletzt wird in der Region auch langfristig einer Natur Raum gegeben, die sich in ihrer eigenen Dynamik entwickelt“, sagt Merta nicht ohne Stolz.

Mensch und Tier auf Augenhöhe
Tiergestützte Interventionen machen das Zusammenspiel von menschlicher, tierischer und ökologischer Gesundheit auf besonders anschauliche Weise erfahrbar. „Die Grundidee tiergestützter Interventionen beruht auf der gezielten Einbindung von Tieren in therapeutische, pädagogische oder soziale Prozesse. Tiere wirken dabei als soziale Brücken, emotionale Anker und Motivationsfaktoren. Sie können Stress reduzieren, Vertrauen fördern und die Interaktion erleichtern“, erklärt Helga Widder, Obfrau-Stellvertreterin des Vereins „Tiere als Therapie“ (TAT). Der Verein ist seit über 30 Jahren aktiv und betreute allein im vergangenen Jahr mehr als 3.000 Kinder, mit positiven Effekten unter anderem bei Stressreduktion, emotionaler Stabilisierung, sozialen Kompetenzen und Lebensqualität. „Wichtig ist jedoch eine realistische Einordnung“, betont Widder. „Tiergestützte Interventionen sind kein Ersatz für medizinische oder psychotherapeutische Behandlung, sondern ein ergänzender Ansatz. Ihr Potenzial entfaltet sich vor allem dann, wenn Fachlichkeit, ethische Verantwortung und Tierwohl konsequent zusammengedacht werden – ganz im Sinne von ‚One Health‘.“


Soll heißen: Dieser Ansatz setzt zwingend voraus, dass auch das Wohlergehen der Tiere professionell gesichert ist. Dafür braucht es klare Qualitätsstandards: „Fachkräfte benötigen eine fundierte Ausbildung in Tierverhalten, Stresssignalen und artgerechter Haltung. Tiere dürfen nur eingesetzt werden, wenn sie für diese Arbeit geeignet sind und keine Überforderung erleben. Regelmäßige Eignungsüberprüfungen, Pausen, Rückzugsmöglichkeiten sowie Supervision und Dokumentation der Einsätze sind zentrale Bestandteile professioneller Praxis. Organisationen wie die „European Society for Animal Assisted Therapy“ (ESAAT) definieren hierfür verbindliche Ausbildungs- und Einsatzstandards.“ Seit 2004 trägt das „Tiere als Therapie“, Wissenschafts- und Ausbildungszentrum (TAT WAZ) maßgeblich dazu bei, diese Qualitätsstandards in der Praxis zu verankern. Der Verein bietet hochwertige Bildungsprogramme für Mensch und Tier an und widmet sich insbesondere der Erforschung und der Vermittlung von therapeutischen Ansätzen im Bereich der Erwachsenenbildung, mit Schwerpunkt auf der Einbeziehung von Tieren als Therapiemittel.

Helga Widder, Verein Tiere als Therapie (TAT)

Gemeinschaftliches Naturverständnis
Genauso wie Tiere nicht einfach nur „Therapiemittel“ sind, verändert sich auch der Blick auf den Wald als bloßen Rohstofflieferanten oder Erholungsraum. Wälder werden zunehmend zentrale Lebensräume wahrgenommen, die ökologische Stabilität, seelisches Gleichgewicht und gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit gleichermaßen unterstützen, wie es der Verein „Waldpädagogik“ in Österreich definiert. Sein Ziel ist es, die Beziehung zwischen Mensch und Wald zu vertiefen – nicht belehrend, sondern erfahrungsorientiert und mit Begeisterung. „Waldpädagogik“ vermittelt „Waldwissen“, erklärt ökologische Zusammenhänge, macht nachhaltige Waldbewirtschaftung verständlich und zeigt den Wald als Lebensraum für Tiere ebenso wie als wirtschaftliche Ressource. Spielerisches Lernen, Kreativität in der Natur und ein verantwortungsvoller Umgang mit natürlichen Ressourcen stehen dabei im Mittelpunkt. Formate wie Waldkindergärten oder Waldspielgruppen fördern neben Umweltbewusstsein auch Selbst- und Sozialkompetenzen. Der Wald wird somit zum Lern-, Erlebnis- und zunehmend auch zum Gesundheitsraum.

Schlusswort
Die vorgestellten Praxisbeispiele machen deutlich, dass Wohlbefinden immer im Zusammenspiel von Mensch, Tier und Umwelt entsteht. „One Health“ ist nicht nur eine  – es ist ein Weg zu einer gesünderen und nachhaltigeren Zukunft. Zu einem Morgen, in dem Entwicklungsziele wie Armutsbekämpfung, Schutz der Gesundheit, Erhaltung der Natur und Förderung des wirtschaftlichen Wachstums erreicht werden, weil Mensch, Tier und Umwelt gleichermaßen profitieren.


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