Lehm Ton Erde – Expanding
Campus St.Michael, Traunstein 2025, Architektur: Studio Anna Heringer, Romstätter Architekten. Foto Kurt Hoerbst
Lehmbau als Zukunftsprojekt
Martin Rauch beschreibt das Beglückende, das er mit dem Material Lehm verbindet, in einem Interview über sein eigenes, aus Stampflehm erbautes Haus: „Das Stiegenhaus hat so viel Energie in sich, dass ich manchmal das Hinauf- oder Hinabgehen als Erlebnis empfinde. Die drei Stockwerke machen mir nichts, den Input an Energie spürt man im ganzen Haus.“ (Quelle: Aus Erde gebaut. Interview Martin Rauch, Kunst und Kirche Nr. 3/2012)
Von Robert Fabach
Seit einem halben Jahrhundert arbeitet Martin Rauch mit Lehm, Ton und Erde, seit 40 Jahren mit Stampflehm. Mit 16 Jahren ging der Vorarlberger an die Fachschule für Keramik und Ofenbau im burgenländischen Stoob, studierte in Folge Keramik bei Maria Bilger (1912–1997) an der Universität für angewandte Kunst Wien. Ihr Anspruch war – in einer Nachfolge von Picasso, Matisse und Miró –, „die frühen Kulturen der Menschheit mit den Augen und dem Bewusstsein des modernen Menschen wiederzuentdecken, um sich an der Substanz alter Kulturen neu zu messen.“ (Quelle: Friedrich Achleitner, ORIS Nr. 30, Zagreb 2004) Aufenthalte als Entwicklungshelfer in Afrika hatten Martin Rauch auch außereuropäische Traditionen und den entwicklungspolitischen Auftrag des Lehmbaus nahegebracht.
Lehm ist Kulturträger, Gedächtnis der Erde, geformte Zeit. Jahrtausendealte Städte wurden aus Lehm errichtet und stehen noch heute. Und doch wurde dieses uralte Wissen in unserer industrialisierten Bauwelt nahezu verdrängt.
In diesem biografischen Umfeld entstanden ab 1984 die ersten Lehmarbeiten – mit verschiedenen Techniken wie Weller, Adobe, Zabur, Lehmputz und Spachtelungen. 1999 kam es zur Firmengründung von „Lehm Ton Erde“. Seit Langem liegt der Fokus auf Stampflehm und es sind 30 bis 60 Mitarbeitende, die eine Vielzahl von Projekten in ganz unterschiedlichen Größenordnungen umsetzen.


Foto Hanno Mackowitz
Zwischen Atelier und Labor, Werkhalle und Feldfabrik
„Lehm Ton Erde“ erweiterte über die Jahre immer wieder seine Palette an Bautechniken, griff Traditionelles auf, erfand neu, optimierte Rezepturen und entwickelte vor allem Werkzeuge und Maschinen, um die handwerklich aufwendigen Arbeitsvorgänge zu beschleunigen. Die Herausforderung liegt in der Übersetzung einer archaischen Kulturtechnik in ein Umfeld hoch technisierter Bau- und Planungsprozesse, ohne deren angestammte Qualitäten zu verlieren. Einen Baustoff unmittelbar aus dem Baugrund zu holen und ihn wieder dorthin zerfallen lassen zu können, entspricht einfach dem Idealbild des zirkulären Bauens.
„Wir verwenden oft gleich viel Zeit für die Entwicklung neuer Maschinen wie für die Fertigung selbst.“
Entwicklung geschieht über Projekte. In der Fertigung, in der Logistik, im Erscheinungsbild. Vieles ist Pionierarbeit und zugleich verlässliches Resultat, das in Folgeprojekten wieder zum Einsatz kommt. Das Hortus Bürogebäude (2025, Architektur: Herzog & de Meuron) mit seinem industriell vorgefertigten Holz-Lehm-Deckensystem „Lehmit“ baut auf dem Alnatura Campus (2017, Architektur: Studio 2050) auf, das wiederum auf das Ricola Kräuterzentrum (2012, Architektur: Herzog & de Meuron) Bezug nimmt. Mit neuen Bauaufgaben entstehen neue Vorrichtungen und Werkzeuge: Maschinen zum Durchmischen der gewonnenen Erde, eigene Rüttler und Verdichter oder Schneide- und Hebevorrichtungen zum Einbringen der Wand- oder Deckenelemente. Noch nie hatte man Lehmwände vorgefertigt, und mit konventionellen Betonpumpen kann kein Stampflehm eingebracht werden.
So war auch die eigene neue Werkhalle in Schlins (Bauzeit 2019 bis 2022) die Weiterentwicklung früherer Produktionsstätten. Ziel war es, den Lehmbau industrietauglich zu machen. Ausgangspunkt waren Maschinen aus den früheren temporären Produktionsstätten Laufen in der Schweiz und Darmstadt. Auch die Logistik der vorgefertigten Bauteile wurde hinsichtlich der Wiederverwertung nachhaltiger Materialien dauerhaft optimiert.
Die 67 Meter lange und bis zu 24 Meter breite Halle für die Vorfertigung von Stampflehmwänden mit einem angegliederten dreigeschossigen Bürotrakt ist eine Hybridkonstruktion aus tragenden Stampflehmwänden und verschiedenen Holzbautechniken. Die zwischen 60 und 90 Zentimeter starke Südwand besteht aus lokal gewonnenem Lehm, der vor Ort in Schalungen eingebracht und verdichtet wurde. Deren Masse leistet ausgezeichnete Schalldämmung zu direkt angrenzenden Wohnhäusern und schützt die Halle im Sommer vor Überhitzung.
Den vielfachen Mehrwert des Baustoffs Lehm und die Bandbreite seiner Möglichkeiten demonstrierte Martin Rauch von Beginn an. Stampflehm trat immer auch als künstlerische Intervention in Sakralbauten und in öffentlichen Räumen in Erscheinung. Nachhaltig, raumklimatisch hervorragend und optisch ansprechend durch seine Oberflächen positioniert Martin Rauch sein Unternehmen und Material seit jeher zwischen minimalistischem Kunstwerk, lebendiger Fassade und vollwertiger Konstruktionsmethode. Dazu kommt die zunehmende Erkenntnis, dass Lowtech nicht nur ein Trend, sondern Teil der stattfindenden Bauwende ist. Graue Energie in der Herstellung von Rohstoffen und in der Entsorgung, Gesamtenergiebilanzen sind immer häufiger bedeutsam und kostenrelevant.



Architektur: Carlos Martinez, Vorgefertigte Stampflehmelemente mit Trasskalkleisten als Vorsatzschalen Innen und Außen. Fotos Hanno Mackowitz

Lehm als zukunftsfähiges Baumaterial
„Wir sind Teil eines lebendigen Netzwerks aus Handwerk, Planung, Forschung und Bildung. Denn nur im offenen Austausch kann sich das Wissen weiterentwickeln und Lehm als zukunftsfähiges Baumaterial seinen Weg in die Mitte der Baukultur finden“, so Martin Rauch.
Kooperationen mit international renommierten Architektinnen und Architekten, mit innovativen Unternehmen, mit Universitäten und Forschungseinrichtungen zeugen davon. Martin Rauch selbst sieht seinen Weg des Lehmbaus hin zu Einfachheit und Selbstverständlichkeit. „Ich komme ja ursprünglich aus der Keramik und dachte, ich könnte die Qualität durch ganz spezifische Materialmischungen verbessern. In der langjährigen Auseinandersetzung habe ich gemerkt, dass das erodierte Material, das überall auf der ganzen Welt vorhanden ist, eine ausreichende Qualität hat. Das sieht man am Anfang noch nicht, weil man das alles sehr kompliziert denkt. Diese Selbstverständlichkeit, oder auch das Spüren des Materials, ist nur durch Erfahrung möglich. Wenn es selbstverständlich werden würde, mit Lehm zu bauen, gäbe es immer mehr Leute, die ganz einfach damit bauen würden.“
Die Forschungen und Initiativen rund um Martin Rauch und den Lehmbau ziehen weite Kreise. Gleichgesinnte, Architekturschaffende, globale Initiativen zielen aber auch zurück in den globalen Süden. Neben der Etablierung hierzulande ist die Renaissance, die Wiederaufwertung dieser alten Bau- und Kulturtechnik in ihren angestammten Regionen ein wichtiger Beitrag zur Reduktion der Abhängigkeit von teuren und importierten Baustoffen, wie Zement oder Stahl, die raumklimatisch noch dazu oft untauglich sind. So verweist die „Aga Khan Foundation“ seit über 40 Jahren auf die Werte traditioneller Bauweisen und deren Synergien mit zeitgenössischen Architekturen. Anna Heringer, eine der Kooperationspartnerinnen und -partner von Martin Rauch, hat auch von dieser Seite große Auszeichnung und Anerkennung für ihre Projekte erhalten.
Der Lehmbau zeigt sich als langfristiges Zukunftsprojekt, das seine Wurzeln in einer Kulturkritik und im Widerstand gegen eine rasende Moderne und koloniale Welteroberung der 1950er Jahren hat. Die Wiederentdeckung traditioneller Kulturtechniken und Formen eines nachhaltigen und dem Menschen zugewandten Zusammenlebens wurden zum Ausgangspunkt eines bis heute ausgetragenen Diskurses. Zwanghafter Fortschritt und kommerzieller Hightech versus regional verfügbares und ressourcenbewusstes Lowtech. Nach der Kunst waren es Ethnografen wie Claude Lévi-Strauss und nicht zuletzt Architektinnen und Architekten, die Kritik am Konzept der Moderne mit der (Wieder-)Erschließung historischer Kultur- und Bauformen verbanden und damit deren Logik und deren tiefe Qualitäten übersetzbar machten. Aus dieser Wertschätzung hat sich auch der Holzbau von einem vermeintlich rückständigen zu einem Material der Zukunft entwickelt. Aus dieser Perspektive ist der Lehmbau ein Jahrhundertprojekt – eine große Chance in seiner Renaissance für den globalen Süden und in seiner Etablierung in den Baukulturen des globalen Nordens. Ein Jahrhundertprojekt, das nicht nur der neoliberalen Ausbeutungswelle des Planeten seit den 1990er Jahren eine konkrete Handlungsalternative und nachhaltig-zirkuläre Konzepte entgegensetzt, sondern auch der kognitiven Versklavung durch digitale Superwelten antwortet mit der konkreten Realität von Lehm, Ton, Erde und Berührung antwortet.
„Ja, fangt an! Habt Vertrauen in die Erde.“

Architektur: ERDEN Studio, Foto Haberkorn

Weitere Informationen:
lehmtonerde.at, lehmit.com, erden.at, netzwerklehm.at, anna-heringer.com






