Elon Musk ist der Käsgraf von heute

Jürgen Thaler, Foto Miro Kuzmanović

Der Literaturarchivar Jürgen Thaler schaut dem Regisseur Wim Wenders zum Verwechseln ähnlich. Ob es auch persönliche Entsprechungen gibt? Wer weiß … An dieser Stelle soll es aber erst einmal nicht um Parallelen zwischen Menschen, sondern eher um solche zwischen Zeiten gehen, und um die Liebe zu Büchern. Vornehmlich zu jenen von Franz Michael Felder, des wohl wichtigsten Vorarlberger Schriftstellers des 19. Jahrhunderts. Jürgen Thaler leitet das gleichnamige Archiv, das das literarische Schaffen im Land dokumentiert, vermittelt und in Beziehung setzt – zur österreichischen Gegenwart und Geschichte. Ein Gespräch über alte Rebellen, frischgebackene Fanboys und dunkle Nebenstraßen des Lesens.

Von Carina Jielg

Sie haben soeben bei einem Rundgang einige Schätze des Felder-Archivs gezeigt: seltene Handschriften, die in unscheinbaren Schachteln in einem langen Gang mit Rollregalen aufbewahrt werden. Künstliches Licht, trockene Luft, Buchstaben hinter Metall. Was mögen Sie an Archiven?

Jürgen Thaler: Alles. In der Literatur haben mich nie nur die Hauptstraßen interessiert, sondern immer auch die Nebenstraßen. Wenn man da unterwegs ist in den dunklen, unbekannten, mitunter gefährlichen Seitengassen, landet man unweigerlich im Archiv. Dort findet man Antworten: in unveröffentlichten Briefwechseln, Tagebüchern, Manuskripten. Was wüsste man über Franz Michael Felder, über Rudolf Wacker, wenn ihre Nachlässe nicht erhalten geblieben wären, was über Paula Ludwig? Im Archiv braucht man Entdecker-Freude, die habe ich definitiv.

Der Weg in die Literatur führte Sie zu Beginn allerdings über Hauptstraßen: Jelinek, Handke, Bernhard standen für den jugendlichen Jürgen Thaler auf dem Programm. Wann kam Franz Michael Felder dazu?

Die erstgenannten und viele andere will ich nicht missen, im Gegenteil. Zu Felder: Die erste bewusste Begegnung mit Felder fand im Herbst 1988 statt. Im Seminarraum des Germanistikinstituts der Universität Wien, in der Hanuschgasse, durch Karl Wagner, meinen damaligen akademischen Lehrer. Er hat uns mit Felders „Aus meinem Leben“ vertraut gemacht, weil man nämlich anhand dieser Autobiografie wahnsinnig viel zeigen, erklären kann. Was Literatur überhaupt ist, wie sie entsteht, wie sie funktioniert. Das war der erste Kontakt, und seitdem hat mich die Faszination diesem Felder und dem 19. Jahrhundert gegenüber nicht mehr losgelassen.

Es gibt dieses Zitat von Felix Mitterer: „Franz Michael Felder sollte man eigentlich jeden Tag mindestens zehn Minuten lesen.“ Wie halten Sie es?

Im Durchschnitt komme ich bestimmt auf das, manchmal ist es mehr, manchmal weniger. Wir bekommen auch Anfragen zu den Werken von Felder, sodass diese immer griffbereit sind.

Es ist schon erstaunlich, dass es diesen Felder gab … Ein so wacher Geist im hintersten Bregenzerwald … Wie konnte das passieren, fragt man sich.

Wenn man es wüsste, könnte man es ja züchten. Aber man weiß es nicht. Vielleicht ist gerade aber das Rätsel schön … Ohne Zweifel ist es spannend, dass zu dieser Zeit, in diesem historischen Augenblick, in diesem Dorf Schoppernau ein Bauer zum Schriftsteller wird, als Sozialreformer wirkt. Aber was für ein Schriftsteller, was für ein Sozialreformer! Mit einer Energie, die wie ein Wirbelwind die gesellschaftliche Situation im hinteren Bregenzerwald, und nicht nur dort, durcheinanderbringt, das ganze Land auf den Kopf stellen, verbessern will und ein umfangreiches Werk hinterlässt. Das kann man sich nicht erklären. Wenn ich an Felder denke, dann denke ich nicht an Heimatliteratur und Landesdichter, ich denke an Mozart, an Jimi Hendrix, an Jesus – an die sogenannten Frühvollendeten … Sie entladen ihre Energie in dem, was sie tun, in extrem kurzer Zeit. Einen alten Felder kann man sich nicht vorstellen. Sein Werk hat er innerhalb von fünf, sechs Jahren geschaffen. Dann war es aus und vorbei.

Warum und was lesen Sie?

Die Frage nach dem Warum kann ich nicht beantworten. Ich denke, es gibt Menschen, die lesen, und andere, die tun es eben nicht. Und die einen verstehen die jeweils anderen dabei nicht. Bei mir ist es einfach so passiert, wohl durch Freunde, ohne familiäre Vorbestimmungen. Was ich lese, hängt auch immer davon ab, welche Autorinnen und Autoren das Felder-Archiv einlädt, um ihre Neuerscheinungen vorzustellen. Momentan lese ich die neuen Bücher von Dimitré Dinev und Oswald Egger. Um nicht nur von der Gegenwartsliteratur zu leben, lese ich oft auch anderes. Auch da gibt es immer wieder etwas zu entdecken. Die jüngste Entdeckung – man traut sichs kaum sagen: Heimito von Doderers „Die Dämonen“. Ein Buch, mit dem mir der Historiker Peter Melichar seit Jahren in den Ohren lag. Bis ich es vergangenes Jahr dann doch kaufte. Was soll ich sagen: Ich bin sofort hineingekippt, ein Meisterwerk. Seither bin ich Doderer-Fanboy, und ich erzähle das jedem, der es wissen oder nicht wissen will.

Sie sind auch Bob-Dylan-Anhänger. Für seine Songtexte hat er den Literaturnobelpreis erhalten. Gibt es für Sie gute Songs mit schlechten Texten?

Ja, nein, vielleicht, um mit einem Titel von Doris Knecht zu antworten. Ich sag immer, ich bin ja nicht von der Sprachpolizei, im Übrigen auch nicht von der Felder-Polizei. Und ich bin auch kein Journalist, der etwas gut oder schlecht finden muss. Das ist nicht mein Zugang zu Kunst und Literatur. Klar, Dylan hat schon richtig gute, sehr gute Texte. Ob es dafür den Nobelpreis gebraucht hat, bezweifle ich.

Generell, wo steht die Literatur? Ihre Präsenz ist auch abseits des Literaturbetriebs spürbar. Autorinnen und Autoren sind so etwas wie eine Instanz, die sich zu Wort meldet, wenn Demokratie, Wissen, Kultur in Gefahr sind. Zuletzt bei der Debatte um die geplante Kürzung des Lateinunterrichts. Wie nehmen Sie das wahr?

Als Tendenz. In den 1960er/70er Jahren, vielleicht auch noch später, war Literatur die Leitgattung der Kultur. Es war öffentlich wichtig, den neuen Grass, die neue Jelinek gelesen zu haben, alle wussten, dass Kreisky mit dem „Mann ohne Eigenschaften“ ins Exil ging. Ihre Bücher waren etwas, worüber auch in der Politik gesprochen wurde, werden musste. Leitmedium zu sein, war mitunter auch belastend für die Literatur. Damals war wohl den allermeisten ziemlich egal, wie das neue Bild von Gerhard Richter ausschaut oder was Baselitz oder Stockhausen gerade machen, aber das neue Buch von Heinrich Böll war Tagesgespräch. Das ist nicht mehr so, schon lange nicht mehr. Gleichzeitig ist Literatur aus dem Schulunterricht mehr oder weniger verabschiedet worden. Vor diesem Hintergrund sehe ich auch die geplante Lateinkürzung. Dass gerade die Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache und Literatur so infrage gestellt wird, ist eigentlich verwunderlich, weil auch, das vergessen wohl die meisten, die KI eine Sprache spricht, die man verstehen sollte. Dass aber gerade das Älteste, Latein, mit dem vermeintlich Neuesten abgetauscht werden soll, ist einfallslos.

Gibt es für Sie Unterschiede zwischen der österreichischen und der deutschen Literatur?

Ich würde sagen, die österreichische Literatur war immer eine sprachkritische Literatur, kommt aus der Tradition von Nestroy, Kürnberger, Karl Kraus, der Wiener Gruppe. Und Sprachkritik ist Sozialkritik, ist politisch, wie man bei Jelinek, Handke und auch bei Felder sieht. Weltkritik durch Sprachkritik ist für uns vielleicht
typisch.

Wird der geografische Fokus kleiner, dann verschwinden auch mögliche Unterschiede. Ich glaube nicht, dass es einem Leser aus Hamburg gelingt, eine typische Vorarlberg-Literatur auszumachen. Gleichzeitig sehe ich ein Merkmal der Vorarlberger Literatur darin, dass sie ihre Herkunft so gut wie nie leugnet. Weil Vorarlberg eben doch in Österreich das Bundesland mit mancher Besonderheit ist, zuallererst ist hier der Dialekt zu nennen. Apropos: Bis in die 1990er war Kärnten, mit Autoren wie Bachmann, Winkler, Handke, DAS Literatur-Bundesland. Später hat Vorarlberg Kärnten dann den Rang abgelaufen, mit wahnsinnig erfolgreichen Autoren, Autorinnen zwischen Verena Roßbacher und Monika Helfer. Seit einiger Zeit nimmt der kollektive Erfolg aber wieder ab, es gibt aktuell nicht mehr diese Dichte an jungen Autorinnen und Autoren. Stattdessen gibt es bei uns viele junge bedeutende bildende Künstlerinnen und Künstler, von Katherina Olschbaur bis Bernhard Buhmann, von Lorenz Helfer bis Monika Grabuschnigg, um ein paar zu nennen.

Und wie steht es um die Unterschiede bzw. Parallelen zwischen den Zeiten, zwischen Felders Leben und unserem? Die Akteure in seiner Welt waren der Bürgermeister, der Pfarrer, der Käsehändler …

Man glaubt immer, es ändere sich so viel, doch diese Figuren gibt es immer noch: die Namen sind andere, die Dynamiken, die Gewichtungen, die Kontinente … doch letztlich bleiben wir alle immer Menschen. Wie stark sind die Bedürfnisse, Sehnsüchte des Menschen, wie sind sie gesellschaftlich steuerbar, wandeln sie sich wirklich? Das ist wahrscheinlich die Hauptfrage. Wenn man jetzt sagt, die bleiben im Prinzip gleich, nur die Mittel und Wege ändern sich, dann sind die Geldverleiher und Händler von gestern die Tech-Milliardäre von heute oder anders gesagt: Elon Musk ist nichts anderes als ein moderner Käsgraf in seiner Mischung von Monopol und Innovation. Dass es heute wieder wie im 19. Jahrhundert einen Zusammenhang gibt zwischen Geld und Macht, der die demokratischen Spielregeln der westlichen Welt aushebelt, sei angedeutet. Wenn sich das Heute nicht auf irgendeine Art mit dem Gestern vergleichen ließe, würden wir es nicht verstehen.

Apropos: „Verstehen, wer wir sind“ steht auf dem vorarlberg museum. Was sagen Ihnen Sätze wie dieser?

Wer’s mag – manchmal helfen solche Sinnsprüche zur Selbstverständigung. Sie übertünchen aber oft ihre inhaltliche Leere durch rhetorische Suggestion. Aber mit Sätzen wie „Nur die Ruhe putzt die Schuhe“ oder „Keine Panik auf der Titanic“ kann man sich schon durch den Alltag mühen.


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