Poolbar Generator: Neun Tage Ausnahmezustand

Foto: Lillian Furrer, Foto Ira John

Alle Jahre wieder bekommt das „Poolbar Festival“ ein neues Outfit verpasst. Was im Sommer für unverwechselbares Ambiente sorgt, wird zuvor beim sogenannten „Poolbar Generator“ entwickelt – einem kreativen Freiraum, dessen Ruf jedes Jahr bis zu 40 Studentinnen und Studenten aus ganz Europa folgen, um gemeinsam an neuen Ideen zu tüfteln.

Text Simone Fürnschuß-Hofer, Fotos Ira John

„Es ist toll, so intensiv, so fokussiert und vom Alltag befreit an etwas zu arbeiten“, erzählt eine Berliner Studentin, die beim Laborteam für Produktdesign teilnimmt. „Ja“, bestätigt ihr Kollege, „für uns wird gekocht, fürs ganze Rundherum ist gesorgt. Wenn du so konzentriert an etwas dranbleiben kannst, kommt am Ende mehr raus, als wenn du dich über Wochen nur zwischendurch einem Projekt widmen kannst.“ Die Atmosphäre ist locker, die Stimmung entspannt. Für die insgesamt 40 internationalen Studentinnen und Studenten ist der „Poolbar Generator“ eine einmalige Gelegenheit, um Praxiserfahrung zu sammeln und für neun Tage in engem Austausch mit kreativen Köpfen ebendiese rauchen zu lassen. Wie wird das Poolbar-Programm dieses Jahr visuell kommuniziert? Was soll den Open-Air-Bereich ausmachen, was sprachlich verfangen? Und welche künstlerischen Elemente werden heuer besonders ins Auge fallen? Auf Fragen wie diese werden in sieben spezifischen Laboren gestalterische Antworten generiert. Die Lizenz zum Experimentellen und Spielerischen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ergebnisorientiert gearbeitet wird. Im Sinne der Kreislaufwirtschaft wird Limitierung zur Leitplanke: „Minimaler materieller Aufwand bei maximalem Output.“ Zum Einsatz soll vor allem Bestandsmaterial kommen.

Ideenströme, die sich vernetzen

Der „Poolbar Generator“ ist zeitlich stets im Februar angesiedelt. Den Auftakt bildet ein Lokalaugenschein am Festivalgelände, gefolgt von einer Einführung in die Projekttage und einem ersten Kennenlernen – heuer im Speeddating-Format. Anschließend geht es an die Arbeit. Als Konstanten seit der Gründung des Generators im Jahr 2014 gelten die Labore „Architektur“ und „Grafik“. Sie prägen das Festival bis heute maßgeblich. Im Laufe der Jahre sind weitere Arbeitskollektive hinzugekommen, darunter „Lichtkunst“, „Produktdesign“, „Mural Art“, „Sprache“ und „Musik“. Ideen werden gesponnen, Konzepte ent- und manchmal auch wieder verworfen, erste Modelle bzw. Prototypen entstehen. Wo’s Sinn macht, auch labor-übergreifend: Design und Grafik finden Anknüpfungspunkte in der Sprache, Lichtkunst trifft auf Architektur. Umso wichtiger ist eine funktionierende Abstimmungskultur – ebenso wie eine Projektleitung, die als zentrale Anlaufstelle fungiert. Hier kommt Lilian Furrer (27), von Beruf Industriedesignerin und Restauratorin, ins Spiel. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Lisa Sophie Bell und Luca Celine Müller hält sie den Rahmen, sie koordiniert und moderiert, erfüllt Wünsche und sorgt dafür, dass alle gute Arbeitsbedingungen genießen und sich wohlfühlen.

Aufgewachsen ist Lilian in der Schweiz in Grenznähe zu Vorarlberg, ihr Lebensmittelpunkt heute ist Wien. Das „Poolbar Festival“ hat sie ursprünglich durch Freunde kennengelernt, seit 2021 arbeitet sie in unterschiedlichen Bereichen mit, im Sommer auch vor Ort. Ein Herzensengagement, wie sie sagt: „Wir haben alle Jobs neben der Poolbar, die viel Kapazität brauchen – da fragt man sich jedes Jahr wieder: Kann und will ich mir diese Zeit nehmen? Aber ich sehe einfach, wie viel Wert es hat, dass es solche Räume gibt, dass so interdisziplinär gestaltet werden kann – gerade in einer Region, die nicht das riesige kulturelle Angebot der größeren Städte hat.“ Außerdem schätzt sie die Vorträge, die Feedbackrunden mit Gästen und Exkursionen zu renommierten Firmen und Museen. „Es ist einfach eine wahnsinnig schöne Woche, in der man viele wunderbare Leute kennenlernt.“ Eine Kollegin habe es letzthin auf den Punkt gebracht mit den Worten: „Der Generator ist die Zeit im Jahr, wo ich total im Moment bin.“

Attraktives Praktikum

Kein Wunder, dass es weit mehr Bewerberinnen und Bewerber für den „Poolbar Generator“ gibt, als genommen werden können. Viermal so viele waren es heuer. Dass sich dieses Laboratorium im Westen Österreichs einen Namen gemacht hat, bestätigen auch die Studierenden. Zumal die Teilnahme an den meisten Universitäten mit ECTS-Punkten angerechnet wird. Weiterer Pluspunkt: Kost und Logis sind frei. Natürlich würden viele gerne wiederkommen, „aber das erlauben wir nur in Ausnahmefällen“, sagt Lilian. „Wir möchten einfach möglichst vielen die Chance geben.“

Untergebracht ist der „Poolbar Generator“ traditionell in Hohenems – jener Stadt, die darin geübt ist, mit Leerstand erfinderisch umzugehen. Dieses Jahr bekam der Generator Unterschlupf in den Räumlichkeiten der Villa Rosenthal sowie im Rathausquartier, wo ein Rohbau zur Zentrale mit Kantine umfunktioniert wurde.

_Stellen

Um den Diskurs anzuregen und den kreativen Prozess zu befeuern, wird jedes Jahr im Vorfeld ein Überthema ausgerufen. Als Denkanstoß, wie Lilian betont: „Das ist keine Vorschrift und soll keinesfalls einschränken, aber doch konkret genug sein, dass es einen Gedankengang auslöst.“ Heuer eröffnete der Begriff „_Stellen“ das Spiel: herstellen, ausstellen, darstellen. Fragen stellen, etwas in den Raum stellen. Aufstellen, verstellen, anstellen. „Ein super Thema“, meint Lilian. „Wir befinden uns einerseits hier in einem Leerstand, sprich an einer Leerstelle, aber es geht gar nicht nur um das Bautechnische, auch die gesellschaftlichen Leerstellen sollen mehr Aufmerksamkeit bekommen.“ Wenn wir schon dabei sind: Was kann uns die Generator-Leiterin denn schon für den Sommer in Aussicht stellen? „Letztes Jahr hat sich gezeigt, wie wertvoll unser Lichtkunst-Labor ist, weil sie ein super Konzept für unterschiedliche Atmosphären im Poolbar-Wohnzimmer entworfen haben. Dieses Jahr legen wir zusätzlich den Fokus auf den Außenbereich. Licht als Bühne. Darauf – und auf viel mehr – darf man sich freuen.“


Der „Poolbar Generator“ ist ein jährlich stattfindendes Labor für Festivalgestaltung: Studierende sind eingeladen, nach Vorarlberg zu kommen, um in neun Tagen die gestalterische Basis für das „Poolbar Festival“ in Feldkirch zu entwickeln und damit Identität, Atmosphäre und Architektur entscheidend mitzuprägen. Langjährige Partnerstadt für die Austragung des Generators ist Hohenems. Ergänzt wird die Laborpraxis durch ein Rahmenprogramm mit Gastvorträgen, öffentlichen Talks, Exkursionen und Feedbackrunden mit Gastkritikerinnen und -kritikern sowie einer Abschlusspräsentation.
Das „Poolbar Festival“ – Nischen bis Pop – findet heuer von 8. Juli bis 16. August statt.

Alle Infos: poolbar.at/generator


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