Mit Mut zur Veränderung

Bild: Anandaloy, Zentrum für Menschen mit Behinderung und „Dipdii Textiles“ Studio, Rudrapur, Bangladesch, 2020. Architektur: Anna Heringer. Foto Kurt Hoerbst

Anna Heringer beweist seit jeher Mut mit dem, was sie tut: als Architektin, Lehrende, aber auch als Co-Initiatorin von „Dipdii-Textiles“, einer Frauenkooperative für faire Mode und Textilkunst in Bangladesch. „Ich bin eine sture Idealistin. An der Realität mag ich mich nicht orientieren. Das gibt mir nicht die nötige Kraft, um Dinge zum Positiven zu verändern. Deshalb fokussiere ich mich vehement auf die Aspekte in meinem Leben, die ich beeinflussen kann.“

Von Natalie Kreutzer

Die deutsche Architektin gilt als eine Vorreiterin des nachhaltigen Bauens. Sie selbst sagt: „Ich werde zwar als Architektin bezeichnet, bin aber in erster Linie wohl eine Aktivistin.“ Anna Heringers zentrales Anliegen ist es, Architektur als Katalysator für lokale Entwicklung einzusetzen, als Werkzeug, um Lebensbedingungen zu verbessern. „Es geht niemals nur um ein Gebäude, sondern vielmehr um die sozialen Strukturen, die man durch den Prozess schaffen kann. Dabei denke ich, dass die Menschen in Industrieländern die soziale Kraft viel zu wenig nutzen, die im gemeinsamen Bauen steckt.“

Anna Heringer. Foto Nina Bröll

Anna Heringer wuchs in Laufen auf, einer kleinen Stadt an der österreichisch-bayerischen Grenze. Mit 19 Jahren lebte sie für ein Jahr in Rudrapur, einem Dorf im Norden von Bangladesch, und lernte dort durch die NGO Dipshikha die nachhaltige Entwicklungsarbeit kennen. Für ihr Leben daraus mitgenommen hat sie, dass „die erfolgreichste Entwicklungsstrategie darin besteht, auf vorhandene und leicht verfügbare Ressourcen zu vertrauen und diese bestmöglich zu nutzen, anstatt sich von externen Systemen abhängig zu machen.“ Acht Jahre später begann Heringer, diesen Ansatz auf ihre Architektur zu übertragen: Für ihre Diplomarbeit (2005) in Zusammenarbeit mit Eike Roswag, die METI-Schule in Rudrapur, wurde sie 2007 mit dem Aga-Khan-Preis für Architektur honoriert. Eine Auszeichnung, mit der Anna Heringer niemals gerechnet hatte. Ihren heute vielfach ausgezeichneten Architekturansatz hat sie infolge mit Bauten in Asien, Afrika und Europa sowie durch die Architekturlehre, unter anderem an der Universität Liechtenstein und ETH Zürich, weiterentwickelt und verbreitet.

Traumatisches Erlebnis als Schlüsselmoment
In keinster Weise hätte Anna Heringer wohl auch damit gerechnet, dass Rudrapur wenige Jahre später noch etwas völlig Neues für sie bereithalten würde. Nämlich die Gründung (2012) von Dipdii-Textiles, einer Frauenkooperative für faire Mode und Textilkunst in Bangladesch. „Im finanziell benachteiligten, ländlichen Norden des Landes arbeite ich mit Dipdii-Textiles zusammen. Bei diesem Projekt werden faire Textilkunst und Kleidung mit größtem handwerklichem Können hergestellt. Das bringt die Frauen und ihre Familien vor Ort in ihre Kraft und Widerstandsfähigkeit.“ Sie sagt weiter: „Eigentlich hatte ich nie vor, mich mit Textilien zu beschäftigen.“ Doch ein traumatisches Erlebnis wurde zu einem Schlüsselmoment.

Anna Heringer geriet auf einer nächtlichen Autofahrt von Rudrapur in die Hauptstadt Dhaka in eine Attacke, bei der sie nur knapp einer Katastrophe entging. „[…] Eine wütende Menschenmenge kam auf uns zu. … Die ersten Eisenstangen prallten auf die Windschutzscheibe direkt vor mir ein. … Binnen Sekunden traf ich eine Entscheidung. Ich stürzte aus dem Auto und rannte so schnell ich konnte auf ein paar Buden am Straßenrand zu. Jemand lotste mich in einen Laden. Als ich mich noch einmal umdrehte, sah ich unser Auto in Flammen.“

Projekt Kontemplationen über „Fast Fashion“ bei „Dipdii Textiles“ im Anandaloy-Zentrum, Bangladesch.
Foto Fabio Marcato

Dipdii-Textiles, ein Herzensprojekt
Monate später reflektierte Anna Heringer die Geschehnisse. „Etwas in mir weigerte sich, die Schuld auf die wütenden Menschen auf den Straßen Dhakas zu schieben. … In der Gegend stehen viele Textilfabriken. Dass sich dort Wut und Aggression aufstauen, hatte ganz bestimmt mit der Unterdrückung und Ausbeutung zu tun, die wir alle verursachen: durch die Kleidung, die wir kaufen […].“ Das Bewusstwerden dieser Realität brachte eine persönliche Entscheidung: Anna Heringer wollte Verantwortung übernehmen, sie wollte etwas bewirken, auch ihr eigenes Konsumverhalten ändern. Und so fand sie sich plötzlich in der Textilbranche wieder. „Die Textilien sind das richtige Werkzeug, um die Frauen in Bangladesch und ihre Familien zu unterstützen.“

Die Frauen von „Dipdii Textiles“ beim Sticken. Foto Fabio Marcato

Ort der unbändigen Freude
Dipdii-Textiles ist für eine dezentrale Produktion im Dorf konzipiert, wo die Lebensqualität und der Raum menschenwürdig und gut sind. Das Projekt ist eine bangladeschisch-deutsche Zusammenarbeit, die Handwerk und Design sowie die NGO Dipshikha für ländliche Entwicklung verbindet. Es beweist, eine alternative Produktion ohne Ausbeutung ist möglich: partizipativ, nachhaltig und basierend auf den lokalen Textiltraditionen, zu deren Erhalt beigetragen wird.
Zu Beginn des Projekts dachte Anna Heringer – damals selbst Mutter eines kleinen Kindes –, die Frauen könnten an den Stickereien zu Hause und flexibel arbeiten. Nicht bedacht hatte sie, dass „Stickarbeit in Bangladesch traditionell eine Tätigkeit ist, bei der das gemeinsame Tun und Reden verbindet. So hatten die Frauen ein großes Bedürfnis, sich dabei austauschen zu können, über ihre Sorgen und Nöte wie auch Freuden.“ Beim Bau eines neuen Zentrums für Menschen mit Behinderung in Rudrapur (2017), dem Anandaloy Zentrum (zu Deutsch: „Ort der unbändigen Freude“), berücksichtigte Anna Heringer daher auch die Stickerinnen und Schneiderinnen, die fortan einen Raum und „guten Ort“ haben.

Jeder kann Veränderung bewirken“
Anna Heringer spricht vom persönlichen Glück, dass sie über ihre Arbeit viele Perspektiven kennenlernen durfte. In ihrem Buch „LICHT, die natürliche Kraft, die Dinge sichtbar macht“ – das in Zusammenarbeit mit der Zumtobel Group entstanden ist und von dessen Budget ein Teil Dipdii-Textiles zugutekommt – möchte sie teilen, was sich in ihrem Leben aufgetan hat, um positive Entwicklung zu bewirken. Und dadurch Mut machen, das Vertrauen in die eigene Wirkungsmacht zu stärken. „Jede und jeder hat besondere Fähigkeiten. Und jede und jeder kann diese als Hebel für Veränderung einsetzen.“

Weitere Informationen: shop.dipdiitextiles.org


Anna Heringer
Light – the Natural Force that Makes Things Visible / – die natürliche Kraft, die Dinge sichtbar macht128 S., Lars Müller PublishersI
SBN 978-3-03778-797-7, 2025


Zum Podcast „Light Talks“ der Zumtobel Group mit Anna Heringer and Otobong Nkanga (Englisch): #29 Shedding Light on Architecture and Art as a Tool for ChangeLink für QR-Code, springt direkt auf Anna bei Minute 03:06: Hier zum Podcast >>


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