Zwischen Utopie und Alltag

Die junge Architektin Amanda Immler hat sich in ihrer Diplomarbeit „RUTOPIA – eine rurale Utopie für das Ortszentrum von Egg“ mit einer Frage beschäftigt, die weit über ihre Heimatgemeinde im Bregenzerwald hinausgeht: Wie kann nachhaltige Entwicklung im ländlichen Raum aussehen – dort, wo scheinbar „eh alles funktioniert“? Im Interview spricht sie über Dorfzentren als soziale Räume, über Verkehr als Dauerbrenner und darüber, warum echte Zukunftsfähigkeit vor allem eine Frage von Beteiligung ist.

Von Harald Triebnig

Amanda, wie bist du auf das Thema deiner Arbeit „RUTOPIA“ gekommen? Stand zuerst Egg als Ort fest oder die inhaltliche Fragestellung?

Amanda Immler: Eigentlich war es eine Mischung – und ein bisschen eine Eingebung. Im Architekturstudium an der TU Wien habe ich mich fast ausschließlich mit dem Thema Stadt und öffentlicher Raum beschäftigt. Der ländliche Raum kam meist nur als Problemfall vor: aussterbend, überaltert, ohne Perspektive. Damit konnte ich wenig anfangen, auch weil ich meine Heimatgemeinde Egg ganz anders erlebt habe. Also habe ich mich gefragt: Was ist mit jenen ländlichen Gemeinden, bei denen es grundsätzlich gut läuft? Gibt es überhaupt Zukunftsbilder für sie? Oder glaubt man, sie bleiben einfach, wie sie sind?

Amanda Immler ist Architektin aus Egg im Bregenzerwald. In ihrer Diplomarbeit „RUTOPIA“ (2024) setzt sie sich mit nachhaltiger Entwicklung, öffentlichem Raum und Beteiligungsprozessen im ländlichen Kontext auseinander. Sie studierte Architektur an der TU Wien und arbeitet aktuell bei POS Architekten in Wien.

Foto Amanda Immler

Was hat dich dann dazu bewogen, dich tatsächlich mit Egg auseinanderzusetzen?

Anfangs wollte ich das eigentlich vermeiden, weil man aufgrund der eigenen Herkunft oft emotional zu stark involviert ist. Meine Betreuerin hat mich dann aber ermutigt, genau das zu nutzen: die Kombination aus fachlichem Blick und persönlicher Erfahrung. Und im Nachhinein war das absolut richtig, weil man viele Dinge nur versteht, wenn man den Ort wirklich kennt.

Du beschreibst Egg als funktionierende Gemeinde. Was heißt das konkret?

Egg bietet viel: Vereine, Infrastruktur, Wirtschaftsbetriebe, Bildungseinrichtungen – man kann dort eigentlich alles machen. Viele Probleme, die man dem ländlichen Raum zuschreibt, gibt es dort nicht. Das heißt aber nicht, dass man sich als Gemeinde nicht weiterentwickeln muss. Stillstand wäre auch dort fatal, denn es braucht eine bewusste Gestaltung von Veränderung.

Ein zentrales Thema deiner Arbeit ist der öffentliche Raum. Wie zeigt sich der im Dorf?

Das ist spannend, weil es im ländlichen Raum oft heißt: Wir brauchen keinen öffentlichen Raum, jede und jeder hat ja einen Garten. Trotzdem gibt es de facto sehr viel öffentlichen Raum – nur wird er fast ausschließlich mit dem Auto genutzt. Parkplätze, Durchzugsstraßen, andere Verkehrsflächen. Die Frage ist: Gehört der öffentliche Raum wirklich nur den Autos oder auch den Menschen?

Wenn es um Neugestaltung und Weiterentwicklung von Gemeinden geht, scheint Verkehr überhaupt ein zentrales Thema zu sein.

Absolut. Sobald man über Ortsentwicklung spricht, landet man sofort beim Verkehr. Und dann wird es oft sehr schnell sehr emotional. Interessant ist dabei, dass der Ab- oder Rückbau von Verkehrsflächen sehr oft als direkter persönlicher Verlust wahrgenommen wird. Und ich möchte das Thema auch gar nicht kleinreden. Deshalb hat Mobilität in meiner Arbeit den gleichen Stellenwert wie die Bereiche Dorfkultur, Baukultur, Freiraum und Governance. Aber ich bin dafür, dass man etwas rationaler an die Sache herangeht.

Deine Arbeit heißt „RUTOPIA“. Das klingt erst einmal wenig rational. Warum wolltest du eine Utopie erarbeiten?

Weil Utopien helfen, den Blick zu weiten. Mir ging es nicht darum, einen Masterplan zu entwerfen oder konkrete Maßnahmen zu definieren, die anschließend eins zu eins umgesetzt werden können. Sondern darum, ein Zukunftsbild zu formulieren, das Diskussionen anstößt. Utopie heißt für mich nicht, dass etwas unrealistisch ist. Sondern es geht darum, sich etwas zu trauen. Anders zu denken und nicht gleich zu sagen: „Das geht eh nicht.“

Du hast viele Gespräche mit Gemeindevertreterinnen und -vertretern geführt. Was hat dich dabei überrascht?

Wie viele Potenziale gesehen werden, über die öffentlich kaum gesprochen wird. Es gibt in Egg viele Initiativen, etwa Zwischennutzungen wie das Co-Working-Projekt im E-Werk. Viel Engagement, viel Motivation. Aber im Alltagsdiskurs reden wir fast nur über das, was stört – nicht darüber, was möglich wäre.

Du widmest dich in deiner Arbeit auch dem Umgang mit Bestand. Was ist dabei besonders wichtig?

Bestand zu nutzen, ist ökologisch und sozial sinnvoll. In Vorarlberg gibt es zwar ein starkes Bewusstsein für Baukultur, das führt aber nicht automatisch zu Bestandserhalt. Oft wird lieber neu gebaut, auch wenn das Alte durchaus noch Potenzial hätte. Im Sinne von tatsächlicher Nachhaltigkeit sollte man sich meiner Meinung nach zuerst fragen: Was ist schon da? Und was können wir daraus machen?

Wie wurden die von dir in der Arbeit formulierten Ideen aufgenommen?

Unterschiedlich: von der Bevölkerung sehr positiv. Ich habe meine Arbeit in der Gemeindevertretung vorgestellt, und danach gab es eine Veranstaltung – organisiert vom Verein Dorfkultur aus Egg –, zu der viele Menschen gekommen sind. Das hat mich sehr gefreut. Von professioneller Planungsseite kam mehr Skepsis – vor allem, weil vieles als „nicht umsetzbar“ kritisiert wurde. Dabei war es nie mein Anspruch, mit „RUTOPIA“ einen fixen Maßnahmenkatalog zu liefern.

Das Thema „Governance“ wurde vorhin schon kurz als wichtiger Aspekt bei der Ortsentwicklung angesprochen. Warum fällt es politischen Verantwortlichen oft schwer, tatsächliche Beteiligung zu ermöglichen?

Weil Beteiligung oft als kurzfristig gedachtes Projekt mit Anfang und Ende verstanden wird. Es fehlt an kontinuierlichen Prozessen, an Rückmeldungen, an Zuständigkeiten. Nicht ernst gemeinte Beteiligung ist schlimmer als gar keine, weil sie Vertrauen zerstört. Wenn man den Menschen die Möglichkeit geben möchte, Themen in der Gemeinde mitzugestalten, braucht es Zeit und Ressourcen von offizieller Seite dafür.

Wenn du in ein paar Jahren auf Egg blickst, welche deiner Ideen würdest du gerne umgesetzt sehen?

Ich denke da nicht an eine konkrete Idee oder Maßnahme. Ich hätte gerne das Gefühl, dass sich die Menschen zuständig fühlen. Dass es selbstverständlich ist, gemeinsam über die Zukunft des Ortes zu sprechen – nicht nur problemzentriert, sondern visionär und utopisch. Wir brauchen die Chance zur kollektiven Verantwortung und die Möglichkeit, wirksam zu sein.

Amanda Immler ist Architektin aus Egg im Bregenzerwald. In ihrer Diplomarbeit „RUTOPIA“ (2024) setzt sie sich mit nachhaltiger Entwicklung, öffentlichem Raum und Beteiligungsprozessen im ländlichen Kontext auseinander. Sie studierte Architektur an der TU Wien und arbeitet aktuell bei POS Architekten in Wien.


Egg im Bregenzerwald
Das Zentrum der Marktgemeinde Egg im Bregenzerwald wurde in den vergangenen Jahren umfassend neugestaltet. Mit dem Neubau des Posthus, der Umgestaltung des Vorplatzes sowie einem neuen Busbahnhof entstand ein zentraler Treffpunkt für den Ort. Posthus und Gemeindeplatz wurden 2025 fertiggestellt – rechtzeitig zum 750-Jahr-Jubiläum der Gemeinde.
Auch weitere Projekte prägen die jüngere Entwicklung im Ortskern, etwa das neu errichtete Bienenhaus, das eine Kleinkinderbetreuung beherbergt.
Für das Jahr 2026 wurde Egg zudem für den österreichweiten Baukulturgemeinde-Preis des Vereins „LandLuft“ nominiert. Das diesjährige Thema des Preises lautet „Nutzen, was da ist“ und stellt Gemeinden in den Mittelpunkt, die vorhandene Gebäude, Räume und Strukturen bewusst weiterentwickeln und neu nutzen.

landluft.at/2026/01/28/nominierte

Utopien weiten den Blick. Illustration Amanda Immler


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