„Was braucht man, um Kunst zu machen?“
WolfGeorg 2016, Rottweilerkatze
In der Halle 5 der „CampusVäre“ in Dornbirn haben Matthias Bildstein und Roland Adlassnigg einen Raum für künstlerische Prozesse geschaffen. Auch der Verein „ARTquer“ hat dort eine Heimat gefunden. Dieser bietet Menschen mit besonderen Bedürfnissen eine Möglichkeit, künstlerisch zu arbeiten. Entscheidend dafür: Sowohl „ARTquer“ als auch die Halle 5 sehen sich nicht als Charity-Projekt.
Von Matthias Köb
Die Halle 5 in der „CampusVäre“ in Dornbirn ist ein besonderer Ort. Denn, obwohl es in Ermangelung einer Heizung ein wenig frisch werden kann, fühlt man sich sofort wohl. Es wird gearbeitet, gemalt und diskutiert. Und die Menschen haben eine große Leidenschaft für das, was sie tun. „Ich würde sagen, wir haben hier eine soziale Wärme“, sagt Matthias Bildstein. Gemeinsam mit Roland Adlassnigg hat er hier ein Ökosystem für Kunst- und Kulturproduktion geschaffen.
Seit über 20 Jahren setzt Bildstein gemeinsam mit Philippe Glatz als „Bildstein | Glatz“ künstlerische Projekte um. „Mittlerweile sind wir ein bisschen älter, haben Kinder – so hat sich das Leben etwas gedreht. Zudem sind wir einfach nicht so die ‚Karriere-Haie‘.“ Immer mehr sind für ihn daher Fragen aufgekommen wie: „Was kann ich als Künstler in der Gesellschaft machen? Wie kann ich wirken?“ Als sich vor etwa drei Jahren gemeinsam mit Adlassnigg die Möglichkeit ergab, die Halle 5 beziehungsweise das Konzept dahinter aufzubauen, schien das wie eine Antwort auf diese Fragen. Seither kümmert er sich dort unter anderem um Förderungen, die Website und das Konzept. So ist ein Ort entstanden, an dem Künstlerinnen und Künstler eine Heimat gefunden haben und finden können. „Was braucht man, um Kunst zu machen? Eigentlich nur einen Raum, in dem man arbeiten kann. Und dann passieren Sachen“, so Bildstein.
Die vier Säulen der Halle 5
Das Konzept der Halle 5 basiert auf vier unterschiedlichen Säulen. Da ist einerseits das „Atelier für außergewöhnliche Angelegenheiten“ von Roland Adlassnigg, das seit über 15 Jahren Auftragsarbeiten für den heimischen Kunst- und Kulturbetrieb umsetzt. Dazu kommen Studios und Atelierplätze, die temporär oder dauerhaft an unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler vermietet werden. Im „Atelier Pinguin“ wiederum können sich Kinder und Jugendliche in Form von Workshops auf über 100 Quadratmetern kreativ ausleben – es gibt Bastel- und Maltische, Holzstücke, Papier, Nägel, Stoffe, Leim, Ton, Akkuschrauber und vieles mehr. Betreut werden sie dabei von professionellen Kunstschaffenden. Wichtig ist Bildstein dabei: „Wir betreuen die Kinder im Sinne von begleiten – nicht intervenieren. Sie entwickeln ihre eigenen Projekte, und wir fragen beispielsweise auch nicht, was es denn werden soll.“
Als vierte und letzte Säule ist die Halle 5 mittlerweile auch Heimat des Vereins „ARTquer“. „ARTquer“ bietet Künstlerinnen und Künstlern mit besonderen Bedürfnissen eine Möglichkeit, ihr Talent zu entfalten, und begleitet sie in ihrer Entwicklung. Gegründet wurde der Verein 2014, ins Leben gerufen wurde er aber eigentlich schon 2008 auf Initiative des Sozialarbeiters Konrad Bönig. Dieser betreute damals Georg Fitz, der schon während seiner Internatszeit Serien von Hunden und Wölfen malte. Bönig war klar: „Georg muss etwas mit seinen Tieren machen.“ In weiterer Folge entstand auf seine Anregung hin bei der Künstlerin und Pädagogin Erika Lutz ein Gemeinschaftsatelier für Menschen mit besonderen Bedürfnissen – ein Ort für offenes Gestalten ohne Behinderung. 2014 entwickelte sich daraus der Verein „ARTquer“. Über viele Jahre hinweg trug Lutz wesentlich dazu bei, dass die Werke von „ARTquer“ Künstlerinnen und Künstlern sichtbar wurden, beispielsweise auf der ArtDesign-Messe in Feldkirch. „Sie hat keine Mühen gescheut und ihr Netzwerk genutzt, um Ausstellungen zu ermöglichen und Kontakte zu knüpfen. Ihr ist es zu verdanken, dass wir heute als Kunstverein einen Namen haben“, so Christa Fitz-Binder.
„Ein Künstler muss arbeiten können“
So hat sich auch Georg Fitz unter seinem Künstlernamen WolfGeorg einen durchaus beachtenswerten Ruf erarbeitet. Die Bilder seiner Tiere entwickelte er weiter zu Holzfiguren, seine Werke waren Teil von zahlreichen Ausstellungen in Vorarlberg und der Schweiz. Als Lutz 2023, auch aufgrund des jährlichen Kampfs um Förderungen und Unterstützung, ihr Atelier schließen musste, standen die Künstlerinnen und Künstler um WolfGeorg ohne einen Ort da. „Das war der Punkt, an dem wir gesagt haben: Wir schauen da nicht mehr zu“, so Bildstein. „Wenn ein Künstler sein Atelier verliert, geht es ihm nicht gut. Deshalb haben wir gesagt: Er soll vorbeikommen und schauen, ob es für ihn passt.“ Seither zählt WolfGeorg zu jenen Kunstschaffenden, die permanent in der Halle 5 eingemietet sind.

WolfGeorg im Atelier.
Foto Günter König
Christa Fitz-Binder, Mutter von WolfGeorg und Obfrau von „ARTquer“, zeigt sich davon tief beeindruckt: „15 Jahre lang mussten wir ständig ums Überleben kämpfen, und dann kommt da jemand daher, der einfach sagt: Ein Künstler muss arbeiten können, kommt vorbei – das andere regeln wir dann schon irgendwie.“ Die Miete für WolfGeorg übernimmt mittlerweile der Fonds andersART. „Dadurch konnten wir auch den Verein wiederbeleben“, so Fitz-Binder. Derzeit werden neben WolfGeorg auch die Künstler Leon Wust und Uwe Filzmoser betreut. Ziel des Vereins ist es nach wie vor, den Künstlerinnen und Künstlern nicht nur einen Ort zum Arbeiten zu bieten, sondern ihre Werke auch sichtbar zu machen. „Aber nicht als Charity-Projekt. Wir wollen ihre Arbeiten innerhalb der Kunstszene etablieren.“ WolfGeorg wurde mittlerweile in die Berufsvereinigung Bildender Künstlerinnen und Künstler Vorarlbergs aufgenommen.
Auch für Bildstein ist die Zusammenarbeit mit „ARTquer“ keineswegs ein Charity-Projekt, im Gegenteil: „WolfGeorg hat für uns genauso einen Mehrwert wie alle anderen. Er gibt uns quasi laufend einen Arschtritt, denn er kommt und arbeitet und haut raus. Er hat einen unglaublichen Arbeitseifer.“ Geht es nach Bildstein, so muss in der Kunst auch immer das Arbeiten und der Prozess im Vordergrund stehen – und nicht etwa der Gedanke, ob sich ein Werk später verkaufen lässt. „Als Künstler will ich mich weiterentwickeln, will ich Erkenntnisse gewinnen. Wenn ich beim Schaffen von Kunst schon ans Verkaufen denke, dann hat das nichts mit einem künstlerischen Prozess zu tun.“
Wichtig für diesen ist hingegen der Austausch. „Ich coache die Leute, die Leute coachen mich und wir coachen uns untereinander“, so Bildstein und ergänzt: „Es wird bei uns viel über Kunst diskutiert, inhaltlich und technisch, und natürlich gibt es auch Konflikte. Aber im Grunde unterstützen wir uns alle gegenseitig.“ Der Background eines Künstlers oder einer Künstlerin spielt in Halle 5 keine Rolle: „Egal, ob das Kinder sind, ob das Menschen mit Beeinträchtigungen sind – das sind Künstlerinnen und Künstler. Und ich habe eine Riesenwertschätzung gegenüber den Arbeiten, die entstehen.“
Weitere Informationen: halle5.at, artquer.at






