Liebe Leserin, lieber Leser

Foto Angela Lamprecht

je länger ich in und mit Vorarlberg lebe, desto mehr beeindruckt mich, wie viel in diesem kleinen Land entsteht. Nicht als große Inszenierung, sondern oft wie nebenbei: aus Können, Haltung, Beharrlichkeit und dem Wunsch, Dinge konkret zu gestalten. Vielleicht ist es genau das, was Vorarlberg ausmacht – dass hier vieles nicht laut beginnt, sondern aus der Praxis heraus wächst und gerade dadurch Wirkung entfaltet.

Davon erzählen die Menschen und Projekte in dieser Ausgabe: Martin Rauch etwa zeigt mit „Lehm Ton Erde“, welches Potenzial in einem der ältesten Baustoffe der Welt steckt. Was bei ihm nach Handwerk aussieht, ist zugleich Forschung, Entwicklung und eine sehr konkrete Antwort auf die Frage, wie wir in Zukunft ressourcenschonender bauen können.

Auch Luca Martina Huber hat etwas Eigenes geschaffen, weil sie eine Lücke erkannt hat. Mit ihrem Podcast „Sunsch no was.“ macht sie Expertinnen sichtbar und verleiht Stimmen Raum, die in der öffentlichen Debatte zu wenig gehört werden. In der Halle 5 der „CampusVäre“ in Dornbirn wiederum wird Kunst nicht als etwas Abgehobenes verstanden, sondern als Arbeit, Prozess und Austausch. Dass dort auch der Verein „ARTquer“ eine Heimat gefunden hat, steht für ein offenes Verständnis von Kunst, das Menschen ernst nimmt und künstlerisches Schaffen nicht nach starren Kategorien sortiert.

Wie Entwicklung im ländlichen Raum gelingen kann, zeigt die junge Architektin Amanda Immler in ihrer Diplomarbeit. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Dörfer lebendig bleiben können – durch Beteiligung, Verantwortung und einen öffentlichen Raum, der mehr ist als Verkehrsfläche. Eine ganz andere, aber ebenso zukunftsgewandte Form von Gestaltung erzählt Daniela Großsteiner, die gebrauchte Kunststoffkanister in formschöne Taschen und Körbe verwandelt und damit zeigt, wie Design und Wiederverwertung zusammenfinden können.

Sehr konkret wird es auch beim Thema Energie: dort, wo Sonnenstrom im eigenen Haus gespeichert werden soll und sich zeigt, was technisch möglich ist – und wo die Grenzen liegen. Und weil ein gutes Leben immer auch Bewegung, Begegnung und Kultur braucht, führt diese Ausgabe außerdem in die lebendige Radkultur des Landes, ins „Literaturhaus Vorarlberg“ nach Hohenems und zu Jürgen Thaler, der im „Close-up“ über Literatur, Archive und erstaunliche Parallelen zwischen dem 19. Jahrhundert und der Gegenwart spricht.

Auch der Alltag selbst ist Teil dieser Ausgabe. Denn Zukunft entscheidet sich nicht nur in großen Konzepten, sondern oft in kleinen, täglichen Entscheidungen – etwa dort, wo bewusster Konsum möglich, sichtbar und einfacher gemacht wird.

Was all diese Beiträge verbindet, ist für mich nicht nur ihr Bezug zu Vorarlberg. Es ist eine Haltung: die Bereitschaft, Bestehendes nicht einfach hinzunehmen, sondern weiterzudenken. Vielleicht liegt genau darin eine besondere Stärke dieses Landes – dass hier immer wieder Menschen Möglichkeiten erkennen, wo andere nur Gegebenheiten sehen.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine inspirierende Lektüre.

Evi Ruescher, Herausgeberin


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