Sitzt, passt und hat Luft

Illustration Jörg Schorn

Frei sein ist eigentlich ganz einfach: Das eigene Leben darf nicht zu eng sein.
Es muss passen.

Essay von Wolf Lotter

1 Aus der Welt der Maßanzüge

Wie geht es Ihnen?
Passt alles?
Nichts zu eng?
Hat alles Luft?

Das sind so Fragen! In Zeiten wie diesen bekommt man darauf selten erfreuliche Antworten. Nein. Es passt nicht. Es ist zu eng. Man kann sich nicht bewegen, und manchmal kann man kaum noch atmen.

Kann man es bei dieser Feststellung belassen?

Nein.

Frei sein, unabhängig und die Welt für sich und andere ein wenig besser machen – das kriegt man nicht in den engen Klamotten hin, die man sich selbst übergezogen hat.

Es ist Zeit zum Nachmessen. Fangen wir an.


2 Betriebsblind

Selbst wenn Jacke, Hemd und Hose Luft haben, alles sitzt, ist es durchaus möglich, dass uns etwas drückt, auf dem Herzen, auf der Brust. Das kann, wie Kardiologinnen und Kardiologen wissen, ganz schlecht ausgehen. Im Moment drückt viele vieles: das Materielle, die Unsicherheit, Existenzfragen, die globale Lage, Kriege. Wir haben viel auf dem Herzen, aber wie Nestroy wusste: „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.“

Kommen wir erst einmal zur Ruhe. Das würde der Gesellschaft und den Einzelnen guttun? Macht Inventur von eurem Leben, schaut genau hin: Was geht anders? Besser? Mit mehr Luft? Weniger Sorge? Wenn die Menschen sich für die Selbstbetrachtung so viel Zeit nehmen würden wie für die Anpassung an das, was andere wollen, was wäre das für eine Welt!

Wir sind Aktionistinnen und Aktionisten. Das sind Duracell-Häschen, die wie aufgezogen, fleißig, brav, mitlaufen, solange die Batterie hält. 200 Jahre Industriegesellschaft haben aus Menschen, deren größtes Ziel freie Entscheidungen waren, angepasste Verkümmerte gemacht. Sie wurden bis ins Detail organisiert, in Arbeit und Privatem. Wer von Freiraum redete, machte sich der Faulheit verdächtig. Dabei gibt es wohl nichts, was so viel Arbeit macht, wie sich Luft zu verschaffen in den engen Verhältnissen, sich Zeit zum Denken zu nehmen. Wer die letzten Freiräume abschaffen will, damit auch die Demokratie selbst, muss nur für ständige Bewegung sorgen, das gibt einer der führenden Dikatorenfreunde der Welt, der amerikanische Aktivist Steve Bannon, schon lange offen zu: „Flood the Zone with Shit“, sagte er, wobei „Shit“ für eine immer neue Sau steht, die man durchs Dorf treibt. Das lenkt vom Wesentlichen ab. Dann haben die Leute zu allem eine Meinung und von nichts eine Ahnung und keine Zeit mehr, um ihr eigenes Leben zu gestalten. Ideales Futter für Tyrannen.

Frei sein ist mehr, als zweimal im Jahr nach Mallorca zu fliegen. Wir sind, was das Freie angeht, betriebsblind geworden. Frei sein ist kein Marketingversprechen. „Kauf mich – und werde zu einem anderen Menschen.“ Was für ein Unsinn. Frei sein, das heißt, Nein sagen zu können, nicht nur immer Ja. Daraus folgt: Freiheit ist nichts für Feiglinge.


3 Freiraum

„Frei“ bedeutet in seinem germanischen Ursprung so viel wie „geliebt“ und „eigen“. Frei ist, wer über sein eigenes Leben verfügt und es liebt, und damit auch oft auch das der anderen. Seit Menschengedenken war der Begriff der Freiheit nicht von dem des Freiraums zu trennen. Frei waren die Leute dann, wenn sie sich frei bewegen konnten, dort, wo sie es wollten, und so, wie sie es wollten. Rücksicht zu nehmen galt es dabei natürlich auf die Freiräume aller anderen. Deshalb war es unerlässlich, dass Gesetze und Regeln entstanden, die die im Alltag mühsame Verhandlung darüber, wie der eigene Freiraum neben dem der anderen gewahrt bleiben konnte, überflüssig machten. Du gibst mir Luft, ich dir. Und mehr: Ich helfe dir dabei, wenn dir jemand deine Freiräume nehmen will. Das ist ein guter Deal, ein Fundament einer echten Demokratie. Wer anderen dabei zuschaut, wie sie ihre Freiheit verlieren, ist nicht selbstbestimmt, sondern selbstgerecht.

Die Stadtgesellschaft des späten Mittelalters wusste, dass Stadtluft frei macht. Das geschah, weil diese Freiheit durch Mauern und selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger geschützt wurde. Man gab nicht nach. Deshalb entfalteten sich am Ende des Mittelalters die Kunst, die Technik, die Wirtschaft, der Wohlstand, der Fortschritt. Was wir Moderne nennen, ist eine Freiheitsbewegung, die allerdings immer das tätige Mitwirken aller braucht. Freiheitskampf ist keine Freizeitbeschäftigung, sondern die Grundlage einer modernen Zivilgesellschaft, die nicht wegschaut, wenn Freiräume genommen werden, ganz gleich, in welchem Namen das geschieht. Wer seine Freiheit schützen will, muss sich mit anderen verbünden. Und ja: auch Kompromisse machen.

Freiheit ist ein Geschäft, das auf Gegenseitigkeit beruht und bei dem es eine wichtige Geschäftsgrundlage gibt: so viele Regeln wie nötig, aber keine zu viel. Eine selbstbewusste Wissensgesellschaft braucht einige wenige klare Regeln, die die Freiräume aller schützen, nicht jene falsch verstandene Einzelgerechtigkeit, die nur einer wildgewordenen Bürokratie nützt.
Das bedeutet automatisch mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. „Was?!“, rufen die Duracell-Angsthäschen, „Selbstständig! Da hilft dir ja keiner!“

„Da bist du ja auf dich selbst zurückgeworfen!“ Wie furchtbar. Stellen wir uns das einmal vor. Wir müssten uns im Spiegel anschauen können, mit uns selbst auskommen, eigene Entscheidungen treffen, an denen kein Chef, keine Chefin, keine Politik, keine Partei und sonst wer „schuld“ ist, sondern wir selbst. Also ich. Und Sie. Und du.

Frei sein, ohne dass man zu sich selbst kommt, gibt es nicht. Frei sein, ohne frei zu entscheiden und zu diesen Entscheidungen zu stehen, das ist kindisch, nichts für Erwachsene.

Ein Freiraum braucht Selbstachtung und Selbstverantwortung, Mündigkeit. Immanuel Kant hat die Aufklärung, die die Freiheit und Entfaltung aller zum Ziel hat, als „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ beschrieben. In Zeiten, in denen die KI und Roboter die Routinearbeit übernehmen, bleibt uns Menschen nur eine Arbeit, bei der wir selbst frei und selbstständig denken – oder die Selbstversklavung. Es reicht nicht mehr, die Freiheit nur zu beschwören, man muss sie auch leben. Frei sein ist wie Erwachsensein. Da passen die alten Sachen nicht mehr, sie sind zu eng, man braucht mehr Luft.

Zieht sie aus. Macht das Fenster auf. Atmet durch. Und fangt an zu leben.


Wolf Lotter ist Autor, Essayist zu Themen der Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, Mitgründer von „brand eins“ und war dort mehr als zwei Jahrzehnte Leit-essayist. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, unter anderem „Digital Erwachsen“ (2025). Sein Buch zum Thema aktive, tätige Ruhe erscheint im Herbst 2026 im Kohlhammer Verlag. wolflotter.de


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