Eigenständigkeit ist Trumpf
Gerrit Woerle. Foto WOERLE/Neumayr
Vom Qualitätsanspruch bis zur Nachhaltigkeitsstrategie
Vor sechs Jahren hat Gerrit Woerle die Käserei WOERLE im salzburgerischen Henndorf in fünfter Generation übernommen. Eigenständigkeit ist für ihn ein zentraler Wert im Familienbetrieb – genauso wie Nachhaltigkeit und Qualität.
Ende 2025 wurde die strategische Zusammenführung von „SalzburgMilch“ und „Pinzgau Milch“ angekündigt. Wie geht man als Familienbetrieb mit dieser Entwicklung um?
Gerrit Woerle: Wir sind in fünfter Generation ein eigentümergeführter Familienbetrieb. Eigenständigkeit ist für uns ein zentraler Wert. Und wenn ich mir etwas wünschen darf, dann, dass das auch in sechster Generation so bleibt. Dass wir als Unternehmen mit kurzen Entscheidungswegen weiterarbeiten. Damit wir auf Marktsituationen agil und schnell reagieren können. Mittlerweile sind wir damit ein bisschen das gallische Dorf im österreichischen „Milch-Imperium“. Wir wollen unsere Eigenständigkeit, unsere Identität und damit auch die Möglichkeit, unsere Nachhaltigkeitsziele und unsere hohen Qualitätsansprüche zu verwirklichen, erhalten.
Kann das in Zeiten von großem Preisdruck und Fusionen am Milchmarkt klappen?
Wir werden von über 400 Bäuerinnen und Bauern, die nicht weiter als 50 Kilometer Luftlinie von unserem Produktionsstandort in Henndorf entfernt sind, beliefert. Der Großteil davon ist uns seit Langem verbunden. Und genau diese Langfristigkeit ist uns als Familienbetrieb extrem wichtig! Was sich momentan in Deutschland, aber auch in Österreich bei der Preisentwicklung abzeichnet, ist für kleinstrukturierte heimische Betriebe existenzgefährdend. Es wäre vermessen zu behaupten, dass wir unsere Betriebe vor dem Milchpreisdruck am Markt schützen können. Den sehr geringen Spielraum, den auch wir als Unternehmen hier haben, versuchen wir bestmöglich zum Wohle aller zu gestalten. Was wir zusätzlich mit voller Überzeugung tun, um unsere Betriebe zu unterstützen und unsere Verbundenheit mit Taten zu untermauern: Wir bieten den Bäuerinnen und Bauern Verlässlichkeit, Begegnung auf Augenhöhe und finanzielle Impulse, mit denen wir sie zu Eigeninitiative bei Maßnahmen für Bodengesundheit, Energieeffizienz und Biodiversität motivieren.
Können Sie uns ein Beispiel für diese Unterstützung nennen?
Als Unternehmen, das stark in der Region verankert ist, ist es uns besonders wichtig, Verantwortung dafür zu übernehmen, was in unserer Umgebung passiert. Deshalb holen wir unsere Milchbäuerinnen und Bauern mit ins Boot und schauen gemeinsam, was wir tun können, um klimaschädliche Emissionen zu verringern – soweit es ökologisch und ökonomisch Sinn macht. Vor diesem Hintergrund setzen wir in unserer Nachhaltigkeitsstrategie nicht auf Kompensationszahlungen, sondern unterstützen unsere Betriebe bei der Umsetzung von konkreten Maßnahmen in der eigenen Wertschöpfungskette. Zum Beispiel mit der CO2-Prämie.
Was ist die CO2-Prämie und wie funktioniert sie?
Seit dem Jahr 2021 zahlen wir unseren Bäuerinnen und Bauern für jede eingesparte Tonne CO2 eine Prämie von bis zu 50,- Euro brutto. Genauer gesagt unterstützen wir damit die Umsetzung von Maßnahmen, die dabei helfen, klimaschädliche Emissionen zu verringern. Auf diese Weise haben wir in den letzten fünf Jahren 158 Betriebe bei der Umsetzung von bisher 214 konkreten Maßnahmen unterstützt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Dadurch wurden insgesamt 17.311 Tonnen CO2 eingespart beziehungsweise gebunden. Das ist eine beachtliche Menge, die in etwa 133 Millionen mit dem Auto zurückgelegten Kilometern oder 3.300 Erdumrundungen mit dem Auto entspricht.
Was sind das für Projekte, die mit der CO2-Prämie bisher umgesetzt wurden?
Zuerst einmal entscheidet jeder Betrieb eigenständig, welche Maßnahme am besten zu seiner Hofstruktur passt. Das Projekt wird bei uns eingereicht, von externen Expertinnen und Experten evaluiert und dann vom Betrieb umgesetzt. Bisher standen Projekte zur Steigerung der Energieeffizienz im Fokus: Das waren zum Beispiel die Errichtung von Photovoltaik- oder Solaranlagen, die Anschaffung von E-Hoftracs, die Nutzung von Wärmerückgewinnung bei der Milchkühlung oder der Tausch von herkömmlichen Leuchtmitteln gegen energiesparende LED-Beleuchtung. Um hier nur einige Beispiele zu nennen. Im Jahr 2026 setzen wir bei der CO2-Prämie einen neuen Schwerpunkt.
Welche Projekte stehen ab sofort im Fokus der CO2-Prämie?
Wir alle kennen das: Starkregenperioden und Trockenheit – diese und andere immer häufiger auftretende Extremwetterereignisse treffen vor allem auch unsere Milchbäuerinnen und Bauern, die mit und in der Natur arbeiten. Und da wir wissen, dass wir den Klimawandel nicht stoppen können, müssen wir lernen, bestmöglich mit seinen Folgen umzugehen. Aus diesem Grund legen wir ab sofort bei der CO2-Prämie den Fokus auf Maßnahmen, die Anreize für Bäuerinnen und Bauern schaffen, ihre Betriebe klimaresilienter zu machen – sodass sie durch Maßnahmen zur Verbesserung der Bodengesundheit und Wasserspeicherfähigkeit längere Trockenphasen und andere Wetterphänomene besser überstehen.
Was wären denn Maßnahmen für mehr Klimaresilienz bei landwirtschaftlichen Betrieben?
Maßnahmen für mehr Klimaresilienz sind zum Beispiel, dass Pflanzenkohle zur Gülle- und Bodenverbesserung eingesetzt wird. Wir setzen bei unseren Bäuerinnen und Bauern auch Impulse, Obstbäume oder Hecken auf Weiden zu pflanzen: Die Wurzeln stabilisieren den Boden und verbessern den Wasserhaushalt bei Starkregen. Bäume und Sträucher speichern Kohlenstoff besser als reine Wiesen. Das Zusatzplus: Knabbern Kühe frisches Heckenlaub, bekommen sie gesunde Nährstoffe und durch die in der Rinde enthaltenen Tannine wird der Methanausstoß reduziert. Nicht zu vergessen: Hecken sind perfekte Schattenspender und ein guter Windschutz. Eine weitere Maßnahme: Doppelmessermähwerke. Sie tragen dazu bei, die Bewirtschaftung von Grünland ressourcenschonender, bodenverträglicher und biodiversitätsfördernder zu gestalten. Gleichzeitig unterstützen sie eine hohe Futterqualität und stärken die Regenerationsfähigkeit des Grünlands. Und das sind nur ein paar der Maßnahmen, die uns fit für die Herausforderungen des Klimawandels machen.
Ein „gallisches Dorf“ ist WOERLE ja auch hinsichtlich der Verarbeitung von Heu- und Biomilch …
(schmunzelt) Ja, das könnte man so sagen. Denn wir verarbeiten zu 80 Prozent Heumilch oder Bio-Heumilch. In Österreich beträgt der Anteil der Heumilch etwa 15 Prozent der insgesamt produzierten Milch – in Europa werden überhaupt nur mehr weniger als drei Prozent der Milch so erzeugt. Warum das so wichtig für uns ist? Weil wir mit der Heumilch die traditionellste Form der Milchwirtschaft haben, bei der Tierwohl ein zentraler Aspekt der Milchwirtschaft ist. Und außerdem macht es geschmacklich einen riesengroßen Unterschied: Frische Gräser im Sommer, getrocknetes Heu im Winter – das gibt der Milch die Qualität und dem Käse den Geschmack. Nur so können wir nach alten Rezepturen produzieren, die ohne Geschmacksverstärker auskommen.
Sprich, es greift alles ineinander: agiles Familienunternehmen, kleinstrukturierte bäuerliche Einheiten, Nachhaltigkeit und Geschmack.
Absolut! Indem wir als Familienunternehmen, das seine eigenen Entscheidungen trifft, beispielsweise mit der CO2-Prämie Bäuerinnen und Bauern motivieren, kleine Strukturen und eine standortangepasste, ressourcenschonende Bewirtschaftung zu erhalten, bekommen wir den besten Rohstoff. Nur damit erzielen wir wiederum den besten Käse-Geschmack. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Und am Ende des Tages haben wir als Unternehmen außerdem noch die Chance, mit dem Einsparen von CO2 einen kleinen Beitrag für den Erhalt unseres Planeten zu leisten. Besser geht’s eigentlich kaum.






