Bauen im Kreislauf
Foto BauKarussell
Warum Wiederverwendung zum Standard werden sollte
Wenn Gebäude verschwinden, bleibt meist mehr übrig als bloßer Schutt. Hinter Fassaden, unter Böden und in Konstruktionen stecken Materialien, die oft jahrzehntelang genutzt wurden und danach viel zu häufig im Container landen. Dass Abrissmaterial nicht automatisch Abfall sein muss, zeigt „BauKarussell“. Das Wiener Unternehmen organisiert Rückbauprojekte so, dass soziale Einrichtungen verpflichtende Rückbauarbeiten erledigen können und Bauteile weiterverwendet werden.
Von Nadine Pinezits
Die Idee des kreislauffähigen Rückbaus ist vergleichsweise jung. „BauKarussell“ entstand 2016 als Projektkonsortium, getragen von Partnerorganisationen aus Baupraxis und der Sozialwirtschaft. „Die Initiatoren haben erkannt, dass sich hier zwei Bereiche gut verbinden lassen: Rückbau- und Sozialwirtschaft“, sagt Geschäftsführerin Sonja Zumpfe. Parallel dazu wurde in Österreich erstmals – im Zuge des Inkrafttretens der Recyclingbaustoffverordnung – die Wiederverwendung von Gebäudekomponenten gesetzlich thematisiert. „BauKarussell“ entwickelte sich aus der Praxis heraus weiter und gewann in den vergangenen Jahren zunehmend an Struktur und Kontinuität. Heute arbeitet ein wachsendes Team an der Umsetzung konkreter Rückbauprojekte und an der Weiterentwicklung von Standards für die Wiederverwendung von Bauteilen.
Ein Projekt, das diese Entwicklung exemplarisch zeigt, ist der „MedUni Campus Mariannengasse“ in Wien. Ein groß angelegter Rückbau, bei dem von Beginn an unklar war, wie aufwendig er sein würde und ob sich der Ansatz wirtschaftlich trägt. „Wie hoch ist der Planungsaufwand? Gibt es Mehrkosten? Funktioniert das überhaupt? All das wussten wir anfangs nicht genau“, sagt Zumpfe. Über den Bauteilkatalog vermittelte „BauKarussell“ am Ende rund 60.400 Kilogramm wiederverwendbare Bauteile und Gegenstände – darunter Schwerlastregale, ein Jugendstilglasdach, Parkettböden, Altbautüren, Treppenhandläufe, Vintage-Uhren und Paternosterkabinen –, die in neuen Projekten erneut zum Einsatz kamen. Gleichzeitig wurden mehr als 80.000 Kilogramm Material fachgerecht für die Entsorgung vorbereitet und über 7.000 Stunden sozialwirtschaftliche Arbeit geschaffen.


Fotos BauKarussell

Fotos Daniel Hinterramskogler

Auch beim Rückbau des Ferry-Dusika-Stadions wurde deutlich, dass vermeintliche Störstoffe Potenzial haben: Die Sitzschalen der Tribünen waren bei Fans und Bastelnden beliebt und wurden vielfältig weiterverwendet. „Wir können heute viel besser nachvollziehen, welche und wie viele Bauteile in die Wiederverwendung gehen“, so Zumpfe. Ein zentrales Prinzip in diesem Prozess ist das sogenannte „Open-Book-Modell“. Sämtliche Mengen, Qualitäten und Erlöse werden offengelegt. Bemerkenswert: „BauKarussell“ selbst verdient nicht am Weiterverkauf der Bauteile. „Die Erlöse werden den Gebäudeeigentümerinnen und Gebäudeeigentümern gutgeschrieben“, erklärt die Geschäftsführe-
rin.
Was im Gebäude weiterlebt
In Österreich verlangt der Rechtsrahmen bereits, Materialien aus Rückbauprojekten möglichst sinnvoll zu verwerten. Und genau hier setzt „BauKarussell“ an: Durch frühzeitige Planung und gezielte Abstimmung werden sozialwirtschaftliche Einrichtungen in diesen Prozess eingebunden und übernehmen definierte Rückbauarbeiten. So entstehen strukturierte Materialflüsse, die Wiederverwendung ermöglichen und zugleich einen Mehrwert für die Bauherrschaft schaffen. „Was oft überrascht, ist, wie viel tatsächlich zerstörungsfrei ausgebaut werden kann“, weiß Zumpfe. „Die Liste der wiederverwendbaren Baukomponenten ist länger, als viele vermuten.“
Besonders Holz spielt eine große Rolle, etwa in Form von Parkettböden, Decken oder Trägern. Auch Fenster, lange Zeit als nicht wiederverwendbar abgeschrieben, finden zunehmend einen zweiten Einsatz. „Eine zentrale Fehlannahme ist, dass Recycling die einzige Lösung ist“, so Zumpfe. Dabei sei Wiederverwendung die deutlich hochwertigere Option, weil Materialien in ihrer ursprünglichen Form erhalten bleiben. Ähnliches gilt für viele andere Bauteile, vorausgesetzt, sie werden frühzeitig identifiziert und entsprechend behandelt. Doch genau hier beginnt die Komplexität: Kreislauffähiger Rückbau ist kein Selbstläufer. Es braucht detaillierte Analysen, Abstimmung zwischen zahlreichen Beteiligten und oft auch individuelle Lösungen. Ein grundlegendes Problem für alle Beteiligten ist die Datenlage. „Es gibt meist kein umfassendes Kataster darüber, welche Materialien in Gebäuden verbaut sind“, sagt Zumpfe. Was vorhanden ist, muss also meist erst erhoben werden.
Die Logik des Bauens verändert sich
Der Faktor Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle: Je früher ein Rückbauprojekt geplant wird, desto gezielter lassen sich Bauteile erfassen und neuen Nutzungen zuführen. Plattformen und Bauteilkataloge unterstützen diesen Prozess bereits, auch wenn Abstimmung und Koordination weiterhin sorgfältig organisiert werden müssen. „Unser Ziel ist es, bestehende Materialien so weit wie möglich weiterzuverwenden und im Kreislauf zu halten“, so Zumpfe. „Jede vermiedene Neuproduktion reduziert den Bedarf an Primärrohstoffen.“
Trotz aller Herausforderungen wächst das Interesse. Vor allem in Wien wird zirkulärer Rückbau zunehmend unterstützt. „Bau-Karussell“ arbeitet aktuell an mehreren Projekten in der Stadt und engagiert sich auch im Bildungsbereich, um das Thema früh zu verankern. Viele Fragen sind dennoch offen, etwa zur Haftung, zur Wiederverwendung tragender Bauteile oder zu geeigneten zerstörungsarmen Prüfverfahren für Produkte mit hohen Anforderungen. Lösungen entstehen oft direkt in Projekten, ergänzt durch Forschung und Kooperation mit Prüfinstituten. „Der Weg entsteht beim Gehen“, sagt Zumpfe zuversichtlich.
Fest steht: Gebäude sind längst mehr als das, was sie nach außen zeigen. Sie sind Materiallager auf Zeit. Unternehmen wie „BauKarussell“ machen sichtbar, was darin steckt, und zeigen, dass der Abriss nicht immer das Ende sein muss, sondern oftmals auch ein neuer Anfang sein kann.
BauKarussell ist ein Wiener Unternehmen, das sich auf kreislauffähigen Rückbau und die Wiederverwendung von Bauteilen spezialisiert hat. In interdisziplinären Projekten verbindet es Baupraxis mit sozialen und ökologischen Zielsetzungen.
Weitere Informationen: baukarussell.at






